Man möchte diese fabelhafte Band in einem plüschig-roten, leicht verranzten Variete-Theater sehen. Oder zumindest in einem schäbig-schummerigen Rockclub, in dem man den Musikerinnen und ihrer Musik ganz nahe sein kann. Doch Erfolg fordert nun mal seinen Tribut. Und so war es die Zitadelle in Spandau, in der das furiose norwegische Mädchenquartett Katzenjammer am Freitagabend vor geschätzt mehr als 3000 Besuchern sein quirlig-übermütiges Vaudeville-Folk-Rock’-n’-Roll-Feuerwerk zündete.
Seit ihr Debüt-Album „Le Pop“ vor zwei Jahren auch bei uns erschienen ist, können sich die vier Vollblutmusikerinnen mit Hang zu ausgefallen knapper, selbst geschneiderter Bühnengarderobe über eine stetig anwachsende Fangemeinde freuen. 2011 bereits kam ihr zweites Album „A Kiss Before You Go“, das dem Debüt in nichts nachsteht, in die Läden. Doch vor allem live sind Katzenjammer, die sich nach dem alten amerikanischen Comic „The Katzenjammer Kids“ benannten, aber durchaus auch mit dem deutschen Wort Katzenjammer kokettieren, begeisternd.
Eklektischer Wust unterschiedlichster Vorlieben
Lautstarker Jubel brandet auf, als Anne Marit Bergheim, Solveig Heilo, Turid Jørgensen und Marianne Sveen den Abend mit ihrem lässig stampfenden Song „Ouch“ eröffnen. Der folgende „Demon Kitty Rag“ ist ein lasziv swingenes Stück Cabaret-Entertainment von comic-haftem Zuschnitt. Katzenjammers Musik ist ein eklektischer Wust unterschiedlichster Vorlieben und Spielarten. Sie überwältigen mit überschäumender Spiellust. Sie überzeugen durch ausgefeilte Satzgesänge. Sie überrumpeln mit der Vielseitigkeit, mit der sie auf der Bühne ständig die Instrumente wechseln.
Da sie sich so munter in der Musikgeschichte vergangener Jahrzehnte bedienen, kommen einem die Lieder oft seltsam vertraut vor. Doch wie sie die verschiedensten Einflüsse zu ihrem ureigenen Sound machen, ist bewundernswert. Da finden sich Country und Rockabilly, Gospel und Barjazz, Folk und Blues. Da gibt es Anklänge an die Balkanmusik von Goran Bregovic, die Harmoniegesänge der Roaches, die kauzigen Soundtracks von Denny Elfman, die zickigen Popsongs der B 52’s, Chanson, Folklore, Music Hall, Shantys und Tingeltangel.
„Mother Superior“ ist ein wehmütiger Rummelplatz-Walzer, „I Will Dance (When I Walk Away)” ein unverschämt eingängiger Popsong. Und als einzige Coverversion machen sie sich über „Land of Confusion“ von Genesis her, das sich zu einer bluesig-lässigen Ballade wandelt. Immer wieder tauschen sie die Plätze auf der Bühne, wechseln vom Schlagzeug zur Bass-Balalaika, von der Ukulele zum Banjo, vom Akkordeon zum Piano zum Glockenspiel. Und bei der Hitsingle „A Bar in Amsterdam“ spielt Solveig Heilo auch noch Trompete.
Viel Tempo, viel Energie, viel Gefühl
Das Publikum lässt sich bereitwillig ein auf diese turbulente Show, lässt sich von Marianne Sveen zum Mitsingen animieren. Da stört auch der langsam einsetzende Regen nicht. Im Lauf des Konzerts wird die Gangart immer ein Stückchen härter und fordernder. „Ain’t No Thang“ ist eine treibende Rockabilly-Nummer mit dem Schlamm des Mississippi an den Stiefeln, das Sixties-lastige „Cocktails and Ruby Slippers“ klingt, als hätte Beach Boy Brian Wilson beim Arrangement ein paar Tipps gegeben. Und „Loathsome M“ beschwört mit teenagerhafter Unbeschwertheit die Energie von Punk und New Wave.
Viel Tempo, viel Energie, viel Gefühl. Es ist umwerfend, wie die vier Katzenjammerinnen dieses heillose stilistische Durcheinander, das sie da angerichtet haben, bezwingend zu einem großen Ganzen formen. Was für eine Live-Band! Beim balkanesken „Gypsy Flee“ sind wir schon im Zugabenteil. Die Parole „Schrei! Das! Rock!“ wird ausgegeben. Das Publikum skandiert die drei Worte immer und immer wieder bis zur Ekstase. Dass der Regen stärker wird, stört kaum jemanden. Das hat schon Stadionrock-Ausmaße. Vielleicht ist der Wunsch nach dem plüschig-roten Variete-Theater doch ein bisschen zu viel verlangt.


