Zitadelle Spandau

The Pogues feiern 30. Jubiläum mit berauschendem Konzert

In der Zitadelle haben The Pogues ihre berühmten 80er-Hymnen zum Besten gegeben - ohne ihre alten Gewohnheiten. Statt Whiskey fließt Wasser.

Foto: JAZZ ARCHIV HAMBURG

Sie haben Anfang der 80er-Jahre einer neuen Generation die irische Folkmusik näher gebracht. Mitten hinein in eine vom Punk aufgewühlte Welt polterten die Pogues mit einer rüden und raubeinigen Musik, die ihnen die stilistische Schublade des Folkpunk öffnete, obwohl sie letztlich doch nur eine härtere Gangart in Sachen Folkrock einschlugen. Punk, das war allenfalls die Attitüde, mit der sich Shane MacGowan, der zahnlose Sänger und fröhliche Trinker, in die traditionellen und die eigenen Lieder warf. Am Donnerstagabend feierten die Pogues nahezu in Originalbesetzung in der Spandauer Zitadelle vor rund 4000 Besuchern ihr 30. Jubiläum. Mit einem kompakten, routinierten und doch berauschenden Konzert.

Der irische Schriftsteller, Rebell und Alkoholiker Brendan Behan zählt zu den erklärten Vorbildern von Shane MacGowan. Er hat seine guten und schlechten Seiten verinnerlicht. In „Streams of Whiskey“, 1984 auf dem Debütalbum „Red Roses For Me“ veröffentlicht, dichtet MacGowan die Zeilen: „Letzte Nacht, als ich schlief, träumte ich, dass ich Behan getroffen habe.“ Nach seiner Lebensphilosophie habe er ihn gefragt, und Behan habe mit wenigen, klaren und einfachen Worten geantwortet: „I am going, I am going, any which way the wind may be blowing, I am going, I am going, where streams of whiskey are flowing.“

Liebe und Leid, Suff und Tod

„Streams of Whiskey“ steht nun am Anfang des Berliner Konzerts und man kann erleben, wie sehr diese so rücksichtslose wie selbstzerstörerische Lebensphilosophie Shane MacGowan über die Jahre zugesetzt hat. Der ein wenig aufgedunsene Mittfünfziger watschelt apathisch mit Sonnenbrille auf der Nase ans Mikrophon. Er hält ein volles Wasserglas in Händen, von dem er später sagen wird, darin sei purer Gin. Er singt mit gutturaler, leicht lallender Stimme „Last night as I slept, I dreamt I met with Behan“ und die Menge jubelt, tobt und tanzt. Und im Applaus schwingt auch die Hoffnung mit, dass er das lebensbedrohliche Tief maßlosen Alkohol- und Drogenkonsums durchschritten und das Leben möglicherweise besser im Griff hat.

Liebe und Leid, Suff und Tod, die Themen, die die alten irischen Lieder bestimmen, bewegen auch die Songs von Shane MacGowan und seinen verschworen aufeinander eingespielten Kerlen, die ihm seit 30 Jahren mit Unterbrechungen zur Seite stehen. Tin-Whistle-Spieler Spider Stacey und Akkordeonist James Ferney, Banjomann Jem Finer, Gitarrist Phil Chevron und Mandolinespieler Terry Woods, Bassist Darryl Hunt (der 1988 die von Elvis Costello weggeheiratete Bassistin Cait O’Riordan ablöste) und Schlagzeuger Andrew Ranken – sie alle waren in den Achtzigern dabei, als die Pogues die Punkwelt aus den Angeln hoben. Sie alle haben im Lauf der Jahre die Band verlassen, deren letztes Studioalbum „Pogue Mahone“ 1995 erschienen ist.

Und sie alle stehen nun mehr oder weniger angegraut auf der Bühne in der Zitadelle und halten die Songs der Pogues lebendig. Unisono von Akkordeon, Mandoline und Tin-Whistle gespielte Jig- und Reel-Elemente werden durch rockigen Polkabeat von Bass und Schlagzeug angetrieben. Das eignete sich früher bestens zum ungezügelten Pogo-Tanz. Heute sind die Fans etwas gesetzter, aber sie lassen sich bei Klassikern wie „Greenland Whale Fisheries“, „Body of an American“ oder „Dirty Old Town“ mitreißen und tanzen ausschweifend vor der Bühne.

Ein Stehaufmännchen

Nach den ersten fünf Songs verschwindet MacGowan hinter die Bühne und überlässt Tin-Whistler Spider das Feld für das eingängig-poppige Stück „Tuesday Morning“ von 1993, das die Pogues bereits ohne Shane MacGowan aufgenommen hatten. Spider Stacy hatte damals auch die Gesangsparts übernommen. Ein Versuch, Clash-Sänger Joe Stummer als neuen Pogues-Sänger zu etablieren, war fehlgeschlagen. Noch zweimal wird der Kette rauchende Shane MacGowan später die Bühne verlassen, um der Band für ein Spider-Stacy-Instrumental und ein Solo von Terry Woods Raum zu geben. Ansonsten wirkt er den Umständen entsprechend gut aufgelegt, geradezu in Plauderstimmung. Allerdings bleibt er in seiner nuschelig stammeligen Art etwas schwer zu verstehen. Immerhin dankt er dem Publikum mehrfach auf Deutsch. Doch, er hat sichtlich Spaß auf der Bühne. Das war nicht immer so. Mehrfach fiel er Anfang der 90er-Jahre im Rausch von der Bühne. Was letztlich zum Rausschmiss aus der eigenen Band führte. Bis es Anfang 2000 zur Reunion kam.

Auch einige Balladen gehören zum Live-Repertoire an diesem Abend in Berlin, wie „Lullaby of London“ oder das emotionale Traditional „Kitty“. Etwas mehr als eine Stunde spielen die Pogues ihr Best-of-Programm, kehren aber noch einmal für eine weitere halbe Stunde zu Zugaben zurück. „Sally MacLennane“, „Rainy Night In Soho“ und der durch die Dubliners populär gewordene Mitsing-Klassiker „The Irish Rover“ bringen noch einmal Bewegung ins Publikum, bevor mit dem spanisch inspirierten Partyhit „Fiesta“ die Nacht über der Zitadelle hereinbricht. Shane MacGowan ist eine der tragischsten Figuren der Rockgeschichte. Man muss seine Alkoholexzesse und Irrfahrten auf den dunklen Seiten des Lebens keineswegs für gut halten. Dass er sich immer wieder aufrappelt und den Weg zum Publikum sucht, nötigt schon einigen Respekt ab. Und er verlässt die Zitadelle, „going, going, any which way the wind may be blowing.”