Gegen Ende eines bewegenden Konzerts gibt der Sänger selbst die Antwort auf die Frage, warum er denn immer nur diese alten Lieder singe. „Ganz einfach“, sagt Tony Bennett. „Weil ich die neuen Songs nicht mag.“ Jubel der Zustimmung schäumt auf. Alles, was stehen kann, hat sich längst aus den Klappsesseln geschält und huldigt einem faszinierenden Entertainer, der Zeit seines Lebens allen Modetrends widerstanden hat. Der sich rührend und konsequent den musikalischen Schätzen des „Great American Songbook“ widmet. Jenen Show- und Broadway-Schlagern der 30er- und 40er-Jahre, die Komponisten wie Cole Porter, Jerome Kern, die Gershwin-Brüder, Irving Berlin oder Johnny Mercer für die Ewigkeit geschaffen haben.

Es ist Tony Bennetts einziges Deutschlandkonzert in diesem Jahr. Der Admiralspalast ist am Mittwochabend mit rund 1500 Besuchern prall gefüllt. Es sind in der Mehrzahl Fans, deren langer Lebensweg von der Stimme Tony Bennetts begleitet wurde. Aber auch jüngere Besucher sind auszumachen, neugierig auf einen Mann, der die amerikanische Populärmusik mitgeprägt hat. Und der zuletzt auf seinen Duett-Alben Gesangspartnerinnen wie Aretha Franklin, Lady Gaga oder Amy Winehouse hatte. Man ist gekommen, um einer Legende ganz nahe zu sein. Einem Sänger, der die alten Tugenden des Showgeschäfts verinnerlicht hat. Liebe die Songs, die du singst. Liebe dein Publikum. Und vor allem: zieh dich anständig an.

Die Tochter im Vorprogramm

Zunächst aber ist es an Bennett-Tochter Antonia, den Abend charmant als Vorprogramm zu eröffnen. Auch sie bedient sich am Songbook des Vaters, singt routiniert Johnny Mercers „Too Marvelous For Words“, Noel Cowards „Sail Away” oder „S’Wonderful” von George und Ira Gershwin. Begleitet wird sie von dem Jazzquartett, das später ihrem Vater den Rücken stärken wird. Als der schließlich auf der Bühne erscheint, wird er von langanhaltenden Ovationen begrüßt. Er breitet die Arme aus, setzt sein reizendes handgeschnitztes Lächeln auf, scheint die Euphorie kaum fassen zu können. Ein Showman durch und durch. Er geht glatt noch als Endsechziger durch. An diesem Freitag wird er 86 Jahre alt.

Pianist Lee Musiker dämpft den Jubel mit den ersten Takten von „Watch What Happens“. Es ist eines der neueren Stücke des Abends, in den 60er-Jahren von Michel Legrand und Andy Williams geschrieben. „They All Laughed“, „Maybe This Time“ aus dem Musical „Cabaret“ und ein treibendes „I Got Rhythm“ folgen. Tony Bennett scheint einige Zeit zu brauchen, um sich warm zu singen, überrascht dann aber mit enormer Stimmkraft und jazzigem Timbre. Seine Musiker sind von erster Güte. Bassist Marshall Wood und Schlagzeuger Harold Jones, den Bennett als „Count Basies Lieblingsdrummer“ ansagt, legen den swingenden Rhythmusteppich, auf dem sich Gitarrist Grey Sargent und Pianist Lee Musiker immer wieder solistisch ausbreiten können. Ein eingeschworenes Team.

Seit mehr als 60 Jahren steht Tony Bennett auf der Bühne. Mehr als 50 Millionen Platten hat er verkauft, 17 Grammy-Musikpreise nennt er sein eigen und unter seinem richtigen Namen Anthony Benedetto hat leistet er sich eine zweite Karriere als Maler. Er ist zur Zeit der Großen Depression in armen Verhältnissen im New Yorker Stadtteil Queens aufgewachsen. Die Familie kam aus Kalabrien in die Neue Welt. Von Kind an hatte er den großen Traum von der Sängerkarriere. Er jobbte als singender Kellner. Er kämpfte im Zweiten Weltkrieg als Soldat in Deutschland und sang in Militärkapellen. Und im Konzert erzählt er die Geschichte, wie ihn Bob Hope 1949 im Greenwich Village entdeckt hat.

„Rosemary Clooney und ich sangen in einem Talentwettbewerb. Wir waren die ersten American Idols, lange bevor es diese Fernsehshow gab“, sagt er mit diesem breiten Lächeln. Die Sängerin Pearl Bailey lud ihn daraufhin ein, in ihrer Pearl Bailey Show im Village aufzutreten. „Da bin ich Bob Hope aufgefallen, der im Publikum war. Kein Wunder, ich war der einzige Weiße auf der Bühne. Er fragte, wie ich heiße. Damals nannte ich mich Joe Bari. Fand er aber nicht gut. Er fragte wie ich richtig heiße. Anthony Dominick Benedetto, sage ich. Zu lang, passt auf keine Leuchtreklame. Du heißt jetzt Tony Bennett. So hat mir Bob Hope meinen Namen gegeben. Und ich habe viel von ihm über das Showbusiness gelernt.“

Zum Beispiel, dass es keiner großen Show bedarf, wenn das Repertoire stimmt. Auf der Bühne des Admiralspalastes herrscht Understatement. In der Mitte die Band, davor Tony Bennett, ein paar Scheinwerfer und das Nötigste, was man an Lautsprechern braucht. Bennett, im beigefarbenen Dinnerjacket, schwarzer Hose und dunkler Krawatte zum hellblauen Hemd, singt und swingt „Steppin‘ Out With My Baby“, Irving Berlins Hit, der auf immer mit Fred Astaire verbunden ist. Auch „Boulevard Of Broken Dreams“ singt er, seine allererste Plattenaufnahme für Columbia aus dem Jahr 1950.

Immer suchte Bennett die Nähe zum Jazz

Und dann erzählt er noch eine Anekdote. „Mitch Miller kam mit einem Song zu mir und fragte, was ich davon halte. Ich hielt gar nichts davon, es war ein Countrysong. Ich sagt zu Mitch, er müsse mich schon an einen Baum festbinden, wenn ich dieses Lied singen soll. Also hat er mich an einen Baum festgebunden und ich nahm ,Cold Cold Heart‘ von Hank Williams auf.“ 1951 war das, und das Lied öffnete in der Version von Tony Bennett Countrysongs einen breiteren Markt. „Eines Tages klingelte mein Telefon“, sagt Bennett. „Hank Williams war am anderen Ende der Leitung und sagt nur einen Satz: Was hast du Dir dabei gedacht, meinen Song zu ruinieren.“

Immer suchte Bennett die Nähe zum Jazz. Zu seinen Begleitmusikern zählten große Namen wie Herbie Mann und Nat Adderly, Art Blakey und Chico Hamilton. Ende der 50er-Jahre spielte er zwei legendäre Platten mit dem Count Basie Orchestra ein. Und Anfang der 60er-Jahre nahm er jenes Stück auf, das auf immer mit seinem Namen verbunden ist: „I Lost My Heart In San Francisco“. Er singt es auch jetzt, in einer leicht brüchigen, wehmütigen Version. Inzwischen aber hatte sich die Rockmusik etabliert, die Bennett und Kollegen von Jimmy Durante bis Frank Sinatra aus vollen Herzen verabscheuten. Und wer Rockmusik mochte, konnte mit den Show-Croonern nichts anfangen. Es kamen schwierige Jahre. Alkohol, Drogen, Bennett stand auf einmal ohne Plattenvertrag da.

Es waren seine Söhne Danny und Dae, beide im Musikgeschäft aktiv, die ihn wieder zurückholten ins Rampenlicht. Er machte wieder erfolgreich Platten. Immer noch mit den alten Liedern. Aber spätestens seit seinem Auftritt bei „MTV Unplugged“ fand er ein neues, junges Publikum, das mit Rock’n’Roll groß geworden war und nun durch Tony Bennett die alten Klassiker entdeckte. Mit seinem „Duets II“-Album, auf dem er mit Amy Winehouse kurz vor ihrem Tod „Body And Soul“ sang, wurde er zum ersten und bislang einzigen Künstler, der mit 85 Jahren die US-Billboard-Charts anführte.

Das Konzert geht langsam in die Endphase. 25 Songs hat er in rund 75 Minuten geschafft. „I like to come back“, sagt er, und singt Gershwins „Who Cares“ als letztes Stück des Abends. Kommt aber für drei Zugaben zurück. Nach Charlie Chaplins „Smile“ und dem durch Louis Armstrong berühmt gewordenen „When Your Smilling“ legt der große Tony Bennett das Mikrofon bei Seite und singt mit kraftvoller Stimme unverstärkt „Fly Me To The Moon“. Die Band begleitet ihn samtig zurückhaltend. Der lange Applaus ist durchmischt von Staunen, Glück und Dankbarkeit. Dieser Mann braucht keine neuen Songs. Er muss nur die alten singen. Immer und immer wieder.