Frühkritik

Der „Fliegende Holländer“ erlöst Bayreuth

Nach einem Skandal im Vorfeld schauten alle besonders gespannt auf die Eröffnung der 101. Bayreuther Festspiele. Doch es wurde ein Erfolg.

Am Ende: Erlösung. Darum geht es ja vor allem in diesem Werk. Der Holländer sinkt ergriffen auf die Knie, faltet im Schoß die Hände. Demütig senkt er den Kopf. Der Bariton Samuel Youn, nach dem Skandal um Nazi-Tätowierungen des ursprünglichen „Holländer“-Sängers kurzfristig eingesprungen und in nur drei Tagen eingearbeitet, kniet allein auf der Bühne, erlöst von dem ganzen Druck der letzten Tage, gefeiert vom Publikum. Es ist vielleicht die dramatischste Szene des Abends. Dabei gehört sie gar nicht zum Stück, das ist gerade vorbei. Es ist der Schlussapplaus, den der Koreaner auf diese Weise entgegennimmt.

Nach den schlechten Runen im Vorfeld ist die Premiere der 101. Bayreuther Festspiele am Mittwochabend mit einem überraschend starken Erfolg über die Bühne gegangen: Der „Fliegende Holländer“ in der Inszenierung des jungen Westfalen Jan Philipp Gloger und unter der musikalischen Leitung von Christian Thielemann wurde zu einer Demonstration dessen, wozu der Grüne Hügel in guten Saisons in der Lage ist: Die Produktion vereinte ein erstklassiges Sängerensemble und ein weltweit einzigartiges Orchester mit einem stimmigen Regie-Einfall, der Anhänger neuartiger Inszenierungen genug Stoff zum Nachdenken gab, ohne unnötig zu provozieren.

Angela Merkel mag sich ihren Teil gedacht haben

Der Einfall des Regieteams ist, wie alle guten Ideen, einfach: Der Holländer ist ja eigentlich ein untoter Seefahrer, der zum ewigen Herumsegeln auf den Weltmeeren verdammt ist und nur durch die ewige Treue einer Frau von diesem Dasein erlöst werden kann. Regisseur Gloger liest die Geschichte als Parabel auf unsere heutige hektische, von ökonomischen Zwängen und Begehrlichkeiten geprägte Welt – der der Holländer vergeblich zu entfliehen sucht. Die Protagonisten, laut Libretto eigentlich mehrheitlich Matrosen, sind hier Manager im dunklen Maßanzug, die ihren Frauen von der Geschäftsreise teure Designerkleider mitbringen. Die Bühne gleicht zu Beginn einer Art Rechenzentrum mit Schaltkreisen, Datenkabeln und Prozessoren an der Wand, die im Takt der Musik leuchtend zucken und blitzen. Displays zeigen vielstellige Zahlen, die im unterschiedlichen Tempo ansteigen. Nicht die Gezeiten, nicht Sturm und Flut bestimmen die moderne Existenz, sondern das Auf und Ab der Märkte – Angela Merkel, die in der Ehrenloge saß, mag sich ihren Teil gedacht haben. Im zweiten Akt sieht man die Frauen der Geschäftsleute, sie arbeiten in einer Lagerhalle und packen dort in hoher Stückzahl das Produkt in Kartons, das ihre Männer herstellen: Ventilatoren. Männer und Frauen sind gleichermaßen eingegliedert in die durchorganisierte Arbeitswelt. Und: Sie sind glücklich damit.

Das letzte Hemd hat keine Tashen

Nur zwei nicht: Senta nicht, die Tochter des Wirtschaftsbosses Daland. Sie durchbricht das matte Taubenblau der Lagerhallenbelegschaft mit Blutrot: Sie bastelt aus Pappe ein Holländerschiff, das sie hinaustragen soll aus ihrem Alltag, und bepinselt es mit roter Farbe. Und auch der Holländer nicht. Sein Geld, die dienstfertigen Pagen der Luxushotels und die aufdringlichen Edel-Nutten langweilen ihn, er würde seine Welt aus Konsum und Gier am liebsten brennen sehen und zündet mehrfach Banknoten an. Als er und Senta aufeinandertreffen, erkennen sie ihre Seelenverwandtschaft. Der einzige Weg, der Herrschaft des Marktes zu entkommen, ist der Tod: Senta ersticht sich mit einer Schere, so erlöst sie den verfluchten Holländer. Beide fallen sich blutüberströmt in die Arme, glücklich, dem Geld entronnen zu sein - das letzte Hemd hat keine Taschen. Die anderen, die zurückbleiben, bleiben sich treu – und optimieren ihre industrielle Produktion: Statt Ventilatoren werden künftig Standbilder vom sterbenden Liebespaar Holländer und Senta hergestellt.

Diese stimmige, innovative Interpretation fand ihre Entsprechung in musikalischen Bestleistungen. Die Senta der Sopranistin Adrianne Pieczonka war strahlend, herrlich lyrisch und bei aller Kraft schlank und beweglich. Michael König lieh dem eifersüchtigen Nebenbuhler Erik seinen weichen, schmelzigen Tenor, der großartige Bass Franz-Josef Selig war ein idealer Geizkragen Daland. Samuel Youn als Holländer ließ den abgesprungenen Evgeny Nikitin fast vergessen, ihm stehen dunkle Farben und helle, strahlende Spitzentöne zur Verfügung, einzig seine Textverständlichkeit ließ zu wünschen übrig. Im Graben lieferte der derzeit wohl beste Wagner-Dirigent der Welt, Christian Thielemann, einen emotionalen, lebendigen und dabei stets den Sängern schmeichelnden Orchesterklang.

Endlich also, nach all der Hektik der letzten Tage und nach der schwachen Saison 2011, ein Erfolg zum Auftakt der Festspiele. Beim Schlussapplaus wurde die Regie von einigen Zuschauern ausgebuht – aber das gehört hier dazu. Die Wagner-Urenkelinnen Katharina und Eva jedenfalls wirkten bei der anschließenden Premierenfeier sehr erleichtert. Um nicht zu sagen: Erlöst.