Die Musik klingt, als hätte Wagner diesen Moment vorhergesehen. Als habe er gewusst, dass einst eine Urenkelin für das von ihm erfundene Festival neue Sänger sucht, und deshalb die erste Arie seines "Fliegenden Holländers" als ideale Teststrecke für Bassbaritone angelegt, mit tastendem Beginn, wildem Mittelteil und weichen Melodielinien gegen Ende.

Evgeny Nikitin ist an jenem Vormittag 2010 entschlossen, alles einzulösen, was diese Musik verlangt. Eigentlich wollten sie ihn ja gar nicht erst anhören. Aber sein Manager hatte Wind davon bekommen, dass sie auf dem Grünen Hügel noch niemanden für die Titelrolle im neuen "Holländer" hatten, und besorgte ihm einen Termin zum Vorsingen. So steht Nikitin an jenem Vormittag vor Katharina Wagner und Christian Thielemann und beginnt mit der ersten Holländer-Arie.

Schlagzeuger in Metal-Band

Es dauert vielleicht acht Minuten, und er merkt, wie der Dirigent und die Festspielchefin tuscheln. Nikitins Herz pocht. Er hat Angst, dass sie ihn ablehnen, und noch mehr Angst, dass sie ihn nehmen. Er kommt zu dem wilden Schluss, das hohe E. "Okay", sagt Christian Thielemann, "wir nehmen Sie." Dann waren sie weg, erzählt Nikitin, "sie hatten es irgendwie eilig." Sein Herz raste immer noch. Er dachte darüber nach, welchen neuen Schub das seiner Karriere geben würde. Und dass er Geschichte schreiben würde. Vor ihm hat noch kein Russe eine Hauptrolle in Bayreuth gesungen. Dann ging er in die nächste Bar und bestellte einen Wodka.

Heute sitzt Nikitin auf dem Sofa seines Hotelzimmers in Berlin, er hält eine Dose Red Bull in der Hand und gähnt. Der Jetlag, die Berufskrankheit der Musiker. Er kommt gerade aus Sankt Petersburg und muss am nächsten Tag weiter nach Bayreuth, wo die Proben für den "Holländer" laufen, die einzige neue Produktion in der Saison 2012. Die Ärmel seines Pullis hat er hochgekrempelt, so sind die Tätowierungen zu sehen, bunte Ornamente, Buchstaben, Zahlen und Runen ranken sich an seinen Armen. Bis vor zwei Jahren war er noch Schlagzeuger in einer Black-Metal-Band, "tiefster Untergrund", sagt er, und auch wenn er die Lust an dem Getöse und Gebrüll verloren hat, die Tattoos an den Armen, auf der Brust, auf dem Rücken erinnern an seine wilde Zeit.

Man könnte sagen, dass Nikitin nicht aussieht wie ein Opernsänger. Dabei passt er eigentlich ganz gut zum Bayreuth der Ära Katharina Wagner. Die hat hier ja auch Rammstein-Zitate hoffähig gemacht und der "Tannhäuser"-Debütant im letzten Jahr hatte auch eine Rockband.

Nikitin spricht Englisch. Er will mit dem Interview anfangen, schlurft dann noch mal ins Bad, lässt die Tür angelehnt und uriniert im Stehen. Der riesige Rollkoffer ist vollgestopft mit Wäsche, Nikitin wird in den anderthalb Monaten bis zur Premiere Bayreuth nicht verlassen. Solch lange Aufenthalte an einem Ort sind selten geworden für ihn. Weil es in den letzten Jahren ziemlich steil bergauf ging, ist er ständig unterwegs. Fragt man ihn, ob er noch in Petersburg wohnt, sagt er: "Dort ist meine Basis."

Schwer zu sagen, ob Nikitin ein Früh- oder Spätzünder ist. Als Student bewirbt er sich drei Mal vergeblich beim Mariinsky-Theater in Petersburg. Nach zwei Lehrerwechseln wird er als Nachwuchsstipendiat aufgenommen, mit 23. Anna Netrebko studiert im Jahrgang über ihm. Nach drei Jahren hat er Zweifel, ob er je eine Hauptrolle bekommen wird. Bis eines Tages der Dirigent Valery Gergiev sich in der Künstlerkantine zu ihm setzt und sagt: "Fang an, den Ruslan vorzubereiten." Die Titelrolle der Märchenoper "Ruslan und Ljudmila", mit der Gergiev auf USA-Tournee gehen will. Der 26-jährige Nikitin, den er nie zu beachten schien, soll auf einmal sein neuer Star werden. "Ich weiß nicht, warum er auf mich kam", sagt Nikitin. "Das war ein großes Risiko für mich. Und auch für ihn."

Die Premiere ist an der Met, Sommer 1997. Nikitin steht den Part gut durch. Aber die Presse reagiert kühl. Auch Gergiev hat mehr erwartet. Trotzdem nimmt er Nikitin im nächsten Jahr wieder mit auf Tour, diesmal Japan, mit Wagners "Holländer". Zum ersten Mal kommt Nikitin diese Rolle zu Hilfe. Diesmal ist die Reise ein Erfolg. Plötzlich fragen große Opernhäuser bei Nikitins Manager an. "Seitdem singe ich diese Rolle", sagt Nikitin. "Und sie wächst weiter." Die beste Zeit für Männerstimmen beginne mit 40. "Dann weißt du, welche Seele deine Stimme hat." Nikitin wird im September 39.

"Es zieht", brummt Nikitin und sucht das Hotelzimmer nach einer Klimaanlage ab. Ein seltsamer Beruf, dieses Opernsänger-Dasein, wo ständig alle Angst vor der nächsten Erkältung haben, auch wenn sie aus Murmansk nördlich des Polarkreises stammen und Wintertemperaturen von minus 40 Grad gewohnt sind. Nikitin kramt einen Klavierauszug hervor und spricht über die schwierige Wagner-Sprache. Er hat beim Wagner-Singen eine fast perfekte Aussprache, versteht aber kaum Deutsch. Unter jedes Wort hat er von Hand die russische Bedeutung geschrieben. Das hilft beim Auswendiglernen. Für den Holländer hat Nikitin zwei Jahre gebraucht. Und es gibt noch viel längere Wagner-Partien. Da muss er durch. All die großen Häuser buchen ihn nun vor allem für die schweren deutschen Rollen.

Wodka erst nach der Premiere

Im Wagner-Bereich ist die Konkurrenz gar nicht so groß: "Not much Holländers around." Nun will er sich mit seinem Bayreuth-Engagement die letzte Beglaubigung holen. "Du kannst dich nicht Wagner-Sänger nennen, bevor du im Festspielhaus den Mund aufgemacht hast." Er steht unter Druck. Die Neuinszenierung 2011, der "Tannhäuser", floppte, dessen Hauptdarsteller, auch ein Debütant, wurde bereits ausgewechselt. "Es könnte schmerzhaft sein zu fallen", knurrt Nikitin. Aber er will hart arbeiten, auch auf Alkohol verzichten. "Meinen nächsten Wodka trinke ich erst am Abend des 25. Juli." Dann ist Premierenfeier in Bayreuth.