Italien

Caravaggio-Funde von Mailand sind eine Sensation

Der Marktwert der rund 100 entdeckten Werke des Künstlers ist immens. Sinnlicher war bis zu Caravaggio kaum gemalt worden.

Foto: ANSA

„Caravaggio, wie ihn noch keiner kennt“, versprechen zwei Gelehrte, die in einem Mailänder Schloss um die 100 unbekannte Jugendwerke des genialen Barockmalers entdeckt haben wollen. Die Fundstücke aus dem Archiv des Castello Sforzesco sind in tadellosem Zustand und stammen aus dem Fundus der Werkstatt Simone Peterzanos, dessen Lehrling Caravaggio war. Ihr Marktwert ist immens. Kunsthistoriker raten zwar noch zur Vorsicht. Doch was schon zu sehen ist, verrät viel.

Es sind Zeichnungen, deren Handschrift auch für Laien tatsächlich auf Caravaggio hindeutet. Doch es ist eine noch unbeholfene Handschrift. Es sind gelungene Notizen darunter, die Caravaggio später wieder aufgreift und in sein Werk einfügt: hier ein Fuß, dort eine Barttracht und verschiedene Porträtstudien alter Männer und junger Frauen. Doch der Rest sind im Grunde Kopien, Hausaufgaben und auch ungelenke Studien eines begabten Alumnen.

Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571–1610) starb mit 38 an Malaria. Er war ein Getriebener, erst recht nachdem er in einem Duell einen Mann tötete, aus Rom floh und ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt wurde. Danach blieben ihm nur noch vier Jahre. Doch auch auf der Flucht reifte seine Kunst bis in sein letztes Meisterwerk, seinem erschütternden Selbstporträt im abgeschlagenen Kopf des Goliath, den der junge David dem Betrachter des Bildes entgegen streckt – und auch den päpstlichen Behörden Roms, als wollte er ihnen sagen: „Hier habt ihr meinen Kopf.“

Dramatisch und unberechenbar

Sinnlicher war bis dahin kaum gemalt worden. Auch kaum diesseitiger, dramatischer, unberechenbarer. Sein Fleisch schwitzt und stinkt. Die Äpfel seiner Stillleben haben Würmer und welke Blätter. Sein Realismus sprengte den Rahmen des Manierismus, der damals vorherrschte, und revolutionierte die Malerei bahnbrechend. Natürlich darf da als Sensation gelten, dass jetzt Caravaggios „Frühwerk“ gefunden wurde, zu dem sagenhaften Marktwert von 700 Millionen Euro, wie es gleich dazu hieß. Der Marktwert ist das eine. Der künstlerische Wert, der sich gerade bei Caravaggio aus dem gelebten Leben speist, das andere. Dieses Leben fehlt den neuen Funden noch komplett. Sie dokumentieren zwar den Werdegang des Genies als junger Lehrling 1584-1588 bei dem Tizian-Schüler Simone Peterzano. Doch da war Caravaggio 13 bis 17 Jahre alt: Kind und Jüngling.

Von „Werk“ zu reden, ist bei diesen neuen Funden schon weit hergeholt, ebenso das Wort von der „epochalen Wende“ in der Wahrnehmung Caravaggios, die die Wiederentdeckung nach Ansicht der Entdecker Maurizio Bernardelli Curuz und Adriana Conconi Fedrigolli einleiten soll. Das ist eher ein Werbecoup, wollen die beiden ihre Entdeckung doch bald in zwei E-books vermarkten, die bei Amazon unter dem Titel „Giovane Caravaggio. Le cento opere ritrovate“ (Der junge Caravaggio. Die hundert wieder gefundenen Werke) erscheinen sollen. Hier wollen sie die von ihnen herausgefilterten Bilder einer Auswahl der späteren Meisterwerke Caravaggios gegenüberstellen, wo sie an charakteristischen Details und eines von ihnen entwickelten „geometrischen Kanons“ rekonstruieren wollen, wie das Genie schon früh seine unverwechselbare Handschrift und Technik entwickelt hat.

Die Funde zeigen das Handwerkszeug

Es ist die „stilististische Matrix“, die sich ihrer Ansicht nach bei jedem Künstler finde, die sie nun so sicher mache, in Mailand den jungen Caravaggio identifiziert haben. Aus den 100 Beispielen gebe es 83 Motive und stilistische Figuren, die sich mehrmals in dem reiferen Werk wieder finden. Die Funde zeigen demnach das Handwerkszeug – mit einem Kanon von Modellen, Köpfen und stilistischen Varianten, die Caravaggio nachher immer wieder konjugieren und deklinieren sollte.

Spektakulär muss der Coup jetzt schon gelten, für den die beiden Kunsthistoriker zwei Jahre lang im Fundus jedes Blatt der 1374 Zeichnungen des Meisters Peterzano und seiner Schüler untersucht haben. „Es schien uns einfach unmöglich, dass Caravaggio hier kein einziges Zeugnis aus seiner vierjährigen Lehrzeit hinterlassen haben sollte“, sagt Bernardelli Curuz, der künstlerische Direktor der Museen von Brescia.

Der Gedanke ist so plausibel, dass heute vor allem wundert, warum andere nicht schon früher auf die Methode gekommen sind, mit der sie schließlich jene 100 Beispiele aus dem Konvolut aus der Werkstatt Peterzanos herausgefiltert haben. Werke, die den Kunstmarkt wohl noch mehr als die Kunstwelt überraschen dürften. Mit ihren angekündigten Büchern wollen sich die Forscher nun dem kritischen Urteil der Fachwelt stellen. Deren Bestätigung wird sich so schnell allerdings nicht herstellen lassen. Diese Funde werden nichts mehr revolutionieren.