Unbekleidet

Neue Ausstellung zeigt Helmut Newtons Hauptwerk

Helmut Newtons Frauenbilder sind jetzt im Museum für Fotografie zu sehen. Der Sex kam erst spät in sein Leben - sagt seine Witwe June.

Foto: DPA

Sie ist ein Energiebündel, die Witwe Helmut Newtons. Und das trotz hohen Alters von 89 Jahren. Mit fester Stimme, großer roter Brille und blauen Schuhen erzählt June Newton herrliche Anekdoten aus sechs Jahrzehnten über ihren 2004 gestorbenen Mann. Und macht dabei natürlich ordentlich Werbung für eine neue Ausstellung im Museum für Fotografie am Bahnhof Zoo.

Obwohl, wie sie sagt, sie sich auf nichts sehnlicher freue, als eine Tasse Kaffee und ein Croissant im Anschluss an die Eröffnung. Typischer June-Humor, den sie mit Newton teilte.

Gezeigt werden die Fotografien der drei legendären ersten Publikationen Helmut Newtons: „White Women“, „Sleepless Nights“ und „Big Nudes“, alle erschienen zwischen 1976 und 1981, bis heute verlegt und hunderttausendfach gedruckt. Sie gelten zusammengenommen als Newtons Hauptwerk.

Die weithin bekannten Fotos zeigen – natürlich – nackte Frauen. Stehend, liegend, sitzend, schlafend, mit ernstem Blick, frei von jeglichen Gefühlsregungen. Porträts einer kalkulierten, inszenierten, ja unterkühlten Erotik, oft verrucht, aber nie obszön.

Sie haben Fans – und eben so viele Kritiker. New York und Paris dienen meist als optische Begleiter im Hintergrund. Weltsexbilder.

Newton, der seine Karriere als Modefotograf begann, konzentrierte sich erst ab Mitte der Siebziger in seinen Motiven hauptsächlich auf Frauen ohne Kleidung. Da wäre es nur allzu verständlich, wenn in June Newtons sympathischem Gesicht ein kleiner Anflug von Eifersucht zu erkennen wäre.

Kein Problem mit der kühlen Erotik

Die Dame streitet auch bei Nachfrage ab, je auf ihren Mann eifersüchtig gewesen zu sein. Er habe die Frauen ja schließlich nur abgelichtet, nicht betatscht. Sie sagt das ein wenig anders, volksnaher und nicht zitierfähig.

Die Frau hatte, so scheint es, tatsächlich kein Problem mit der kühlen Erotik, die stets um Helmut Newton herumschwirrte. Kein Problem mit den dünnen Grazien, „so hoch wie Wolkenkratzer, nur mit Brüsten vorne dran“, die sich reihenweise für Helmut ihrer Kleidung entledigten. Ein typischer June-Newton-Satz. Einer der zitierfähigen.

Man merkt, wenn sie spricht: sein Werk ist auch ihres. Mit Verve und Akribie habe sie mit Assistenten alle Fotos von einst neu gesichtet und für die Ausstellung ausgewählt, die zuvor im Museum of Fine Arts in Houston, Texas, so zu sehen war. Zu sehen sind aber nicht nur die bekannten stilisierten Akte aus Helmut Newtons Œuvre.

Eine angegliederte Mini-Schau mit Fotos des Künstlers Jan de Wit zeigt Newton in privaten Momenten, die beweisen „dass er nicht zu den Reichen und Berühmten gehörte“, wie June sagt. Auf einer Reise 1999 an die Ostsee wollte der in Berlin aufgewachsene Newton die Sommerurlaubsziele seiner Kindheit wiedersehen.

Kosmopolit im Urlaubsglück

Der Starfotograf gibt sich dort als einfacher Mann, leger, zurückhaltend, durchschnittlich. Den klassischen Rentner-Look pflegend, fast schon ironisch überhöht. Der Kosmopolit im kleinbürgerlichen Urlaubsglück.

„Der Sex kam erst spät in sein Leben“ sagt June Newton, fernab jeder Doppeldeutigkeit. Der Sex, die Erotik, die blanke Haut – das ist der Newton, den wir alle kennen. Und doch wird die Nebenausstellung mit den Fotos de Wits hier zur Hauptattraktion.

Helmut Newton, der die glamouröse Welt um sich herum einfing, friedlich im Klosterrestaurant, am Plauer See. Es ist der kleine Helmut Neustädter, der hier zum Vorschein kommt.