Anna Netrebko hat das Image eines Popstars. Die Sopranistin kann mit Konzerten sogar die Waldbühne füllen. Sie ist nicht nur die populärste Opernsängerin der Gegenwart, sondern zugleich auch die Marke Anna Netrebko. Genau diese Verquickung von Klassikbetrieb und Popvermarktung aber ist manchmal wohl auch ein Fluch für die russische Sängerin: dann nämlich, wenn sie eine vermeintlich ganz normale Opernproduktion absagt.

Das hat sie jetzt an der Berliner Staatsoper getan. Aus persönlichen Gründen, wie es offiziell heißt, wird sie nicht mehr an Claus Guths Inszenierung von Mozarts „Don Giovanni“ im Juni und Juli teilnehmen.

In der Oper gelten andere Regeln

Die Partie der Donna Anna übernimmt stattdessen Maria Bengtsson. Wer bitte, werden sich die meisten fragen? Zweifellos ist die junge Schwedin eine wunderbare Sopranistin, aber sie ist eben nicht die Netrebko. In der Waldbühne und im Rock und Pop wäre ein solcher Tausch ganz und gar unmöglich. Wenn Ende des Monats Herbert Grönemeyer sein Berliner Konzert absagen würde und der Veranstalter an seiner Stelle, sagen wir einmal, Max Mutzke, der natürlich toll singen kann, ankündigt, dann verlangt das Publikum in Scharen sein Geld zurück. Das ist sein gutes Recht. In der Oper freilich gelten andere Regeln, selbst wenn es um die Netrebko und ihr Publikum, das eigentlich nur sie allein hören will, geht.

„Eine Kartenrückgabe ist nicht möglich“, sagt Ronny Unganz, der Geschäftsführer der Staatsoper. „Wir bieten eine Produktion an, in der es einen Dirigenten, ein Orchester, ein Bühnenbild gibt und acht großartige Sängerinnen und Sänger. Eine Besetzungsänderung allein bewirkt kein Rückgaberecht.“ So steht es in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Wird hingegen ein anderes Stück als angekündigt gespielt, dann besteht das Rückgaberecht. Die Opernsänger werden eben nur als ein Teil des Angebots betrachtet. Selbstverständlich gilt dies auch im umgekehrten Fall, wie Unganz an einem Beispiel deutlich macht.

Domingo sang ohne Preiserhöhung

Vor einigen Jahren wurden zwei Vorstellungen von Wagners „Parsifal“ verkauft, noch bevor die Besetzung fest stand. Schließlich sang Placido Domingo, der nicht zuletzt durch die Marke „Die 3 Tenöre“ an der Seite von Luciano Pavarotti und Jose Carreras populär wurde. Das Trio füllte einst Fußballstadien. An der Staatsoper war es ein Glücksfall fürs Publikum. „Und wir haben auch nicht sagen können, für Domingo müsst ihr jetzt etwas nachzahlen“, sagt Unganz. Mit der Netrebko aber, läuft das ganz so einfach doch nicht. Selbst aus New York wurde jetzt nachgefragt, wie man in Berlin dieses Problem wohl löse, ohne das Publikum zu verärgern. „Es ist schon eine besondere Situation“, gibt Unganz zu: „um die wir uns besonders gekümmert haben.“ Zuerst einmal wurde das Publikum über die Besetzungsänderung direkt informiert:

zwecks besserer Kundenbindung. Auf die rund 60 Beschwerden reagierte man mit der Ausgabe von Staatsopern-Gutscheinen über 25 Prozent des Kartenpreises, die für beliebige andere Produktionen einlösbar sind. Eine Karte kostet beim „Don Giovanni“ zwischen 60 und 220 Euro. Insgesamt geht es um fünf Vorstellungen, also knapp 5000 Besucher.

„Don Giovanni“ als Highlight zum Saisonende

Ursprünglich war dieser „Don Giovanni“ als Highlight zum Saisonende hin angekündigt. Und die Vorstellung am 30. Juni wird in der Reihe „Staatsoper für alle“ live auf den Bebelplatz übertragen. Über allem leuchtete der Name Anna Netrebko. Die Partie der Donna Anna hat sie unter Daniel Barenboim bereits an der Mailänder Scala gesungen. Aber die Inszenierung von Robert Carsen hat man nicht ins Schiller-Theater übernommen, „weil es nicht übertragbar war“, wie Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm erklärt.

Carsen hat in der Scala eine Riesenfolie aufhängen lassen, in der sich das Publikum spiegelt. Im Schiller-Theater unmöglich. Deshalb entschied sich Flimm für Claus Guths Salzburger Inszenierung. Die stammt noch aus Flimms früheren Zeiten als Festspiel-Intendant. „Damals haben wir jeden Abend zusammen gehockt“, sagt Flimm und meint die Anna und ihren jetzigen Mann Erwin Schrott, der in der Inszenierung mitgesungen hat.

Das tut er auch in Berlin wieder, er singt Don Giovannis Diener Leporello – während sich seine berühmte Frau daheim ums Kind kümmert. Denn offiziell hat Anna Netrebko ihre Absage damit begründet, dass sie sich „nach einem sehr arbeitsreichen Jahr ihrem Sohn Tiago widmen“ wolle. Eine merkwürdige Situation ist das schon.

Für Flimm ist das wenigstens eine rundum ehrliche Absage. Verträge seien „nur ein Stück Papier“. Aber er hat es sich von ihr schon genau erklären lassen. „Wenn sie krank wäre“, meint er, dann hätten alle nur genickt. Dabei wäre es für viele Mütter normal, dass „sie einmal früher aus dem Büro nach Hause gehen, weil sie ihr Kind aus der Kita abholen müssen, oder weil es krank ist.“ Warum sollen für Stars andere Maßstäbe gelten? „Der Preis, den ein Star für seinen Ruhm bezahlt“, sagt Flimm, „ist, dass er sich total in die Hände des Publikums begibt.“ Aber Flimm betont, „dass ihr die Absage wahnsinnig leid tue“. Gerade haben Anna Netrebko und ihr Mann in München die Stiftung „Anna and Erwin Foundation – Anna Netrebko and Erwin Schrott for kids“ ins Leben gerufen, die mit einem Stiftungskapital von 50.000 Euro aus ihrem Privatvermögen startet. Beiläufig sagte Erwin Schrott, dass er kein weiteres Kind haben wolle. Der organisatorische Aufwand sei schon mit einem Kind groß genug.

Netrebko will sich mit Publikum versöhnen

Netrebko will auch etwas tun, versichert Flimm, um sich mit dem Berliner Publikum wieder zu versöhnen. Ihre nächste große Opernproduktion wird im November 2013 am Schiller-Theater sein. Eine Koproduktion mit den Wiener Festwochen: Anna Netrebko singt dann die Leonore in Verdis „Troubadour“. Das wird die Preise wieder steigen lassen.

„Berlin ist im Vergleich zu anderen Metropolen eine superbillige Opernstadt“, sagt Geschäftsführer Unganz. Das Publikum kann die Stars zu günstigen Preisen erleben. Bislang herrschen die Spitzenpreise bei Barenboims Festtagen. Es ist das bekannte Spiel mit den großen Namen. Anna Netrebko ist einer der Glamourösten. Unganz meint, nur rund zehn Namen lassen sich ähnlich gut in der Oper verkaufen.