Wir hatten Tim Burton fast schon ein wenig abgeschrieben. Sein letzter Film, die Neuverfilmung von „Alice im Wunderland“, war zwar große Familienunterhaltung und ein an Fantasie und Einfällen reicher Film. Aber das typisch Burton'sche, dieses düster-makabre Element, das all seine Filme ausmachte – Mainstreamhits wie „Batman“ ebenso wie seine ganz persönlichen Filme – das fehlte in „Alice“ völlig. Es schien, als habe der Disney-Konzern auch Tim Burton, den Autorenfilmer der Schattenwelt, auf bonbonbuntes Märchenmaß gestutzt.

Und nun dies: Sein jüngster Film „Dark Shadows“ ist Burton pur. Der Film kommt an diesem Donnerstag in die Kinos. Der Plot basiert auf der gleichnamigen Fernsehserie, die bei uns nie ausgestrahlt wurde, in den USA aber von 1968 bis 1971 mit großem Erfolg lief und die Nachfolge von „The Munsters“ und „Die Addams Family“ (beide 1966-1968) antrat: eine Familiensaga voller illustrer, gruftiger Typen. Und einem Vampir als zentraler Figur. Alles very gothic, alles sehr Burton.

Es beginnt wie einst in „Sleepy Hollow“. 18. Jahrhundert, wallende Gewänder, romantische Landschaften. Aber dann wird ein Fluch ausgesprochen. Weil der Schlossbesitzer Barnabas Collins (Johnny Depp) ihre Liebe zurückweist, verwandelt eine Hexe (Eva Green) ihn in einen Vampir und lässt ihn lebendig einsargen. Bis man 196 Jahre später, im Jahr 1972, bei Bauarbeiten auf den Sarg stößt. Und daraus bezieht sich nun der Hauptwitz des Films: wie ein (Un-)Mensch aus anderer Zeit die hippen 70er-Jahre erlebt, wie er mit antiquierten Klamotten und antiquierten Worten staunend auf kiffende Hippies, das „Teufelswerk“ Fernsehen und Rockmusik reagiert.

Das Schloss wird inzwischen von einer resoluten Matriarchin regiert. Eine obskure Schar von Dienstpersonal ist auch dabei, und zwei Kinder, die man zumindest als verhaltensauffällig bezeichnen muss. Vor allem aber treibt auch immer noch die ebenfalls unsterbliche Hexe ihr Unwesen und sorgt dafür, dass der Fluch über das Haus Collins niemals versiegt. Es sind nicht nur diese schrägen Figuren und die hanebüchenen Handlungsstränge, in die sie sich verstricken, die den Film so stark machen. Es sind auch all die liebevollen kleinen Gags, die Burton wie nebenbei überall einstreut. Dass der Vampir sich die spitzen Zähnchen putzt, zum Beispiel. Dass er mit bekifften Hippies am Lagerfeuer hockt, den einzigen, die ihn nicht für total abgefahren halten. Oder dass beim Sex mit dem Vampir das halbe Mobiliar zu Bruch geht. Nach all dem prüden Entsagungsgehabe der „Twilight“-Serie geht es hier mal richtig zur Sache.

Zusammen sind wir stark – auch wenn wir alle noch so bizarr sind, so die Familienmoral, die das Schloss zusammenhält. Das gilt ja in gewisser Weise auch für das System Burton. Der exzentrische Regisseur arbeitet stets mit demselben Stab zusammen, sei es bei Kostümen, Kamera, Filmmusik oder Schnitt. Und erst die Schauspieler: einmal mehr ist Burtons Ehefrau Helena Bonham-Carter mit dabei; Michelle Pfeiffer, einst die Catwoman in „Batmans Rückkehr“, mimt die Schlossherrin. Auch Christopher Lee, der dienstälteste Ex-Vampir des Kinos, hat hier zum wiederholten Male einen Gastauftritt bei Burton.

Und den Vampir gibt kein Geringerer als Johnny Depp. Es ist bereits ihre achte Zusammenarbeit. Und abgesehen von „Alice im Wunderland“ war das immer eine äußerst fruchtbare, in der Depp stets so etwas wie das Alter Ego des skurrilen Filmemachers verkörpert. Da haben sich zwei Vögel gesucht und gefunden. Sie könnten Brüder sein, nur fünf Jahre trennen sie und Leidenschaften verbinden sie. Wie die zur „Dark Shadows“-Serie, die beide als Kinder geliebt haben.

„Shadows“ ist in erster Linie ein Depp-Film. Weil der Hauptdarsteller den Film auch produziert hat und seinen Freund Burton erst für die Regie vorschlug. Der aber zeigt auch bei einer solchen Auftragsarbeit, dass er noch viel Biss hat. Und ganz der Alte ist. Bereits abgedreht ist schon sein neuer Trickfilm „Frankenweenie“: die Langversion eines Kurzfilms, den er einst bei Disney angefertigt hatte, als er noch dort unter Vertrag stand. „Frankenweenie“ war dem Studio damals zu düster und abgründig, und so trennten sich die Wege von Burton und dem Micky-Maus-Konzern. Nun aber verleiht Disney die Langversion, über die Burton die totale künstlerische Kontrolle hat. Das sieht nach einer späten Versöhnung aus. Und alles spricht dafür, dass das keine schnöde Weichzeichnerei wird wie bei „Alice im Wunderland“, sondern ein ganzer Burton wie „Dark Shadows“.

Kinostart: 10. Mai 2012