Vielleicht sollte man seine Eltern auf die eigene Krebserkrankung anders vorbereiten als mit der Frage: "Hast du 'Zeit der Zärtlichkeit' gesehen?" Aber auch ein Film, der das Thema Krebs behandelt, sollte vielleicht nicht diese Frage stellen. "Zeit der Zärtlichkeit", man erinnere sich, war 1983 eines dieser Krankenhausdramen, die längst zum Klischee geronnen sind, mit gutfrisierten Patienten, blütenweißen Klinikbetten und garantiertem Taschentuchfinale. Krebskitsch. Jetzt freilich müsste man die Frage noch mal ganz anders stellen. "Hast du 'Halt auf freier Strecke' gesehen?", müsste sie lauten.

"Halt" hat gerade vor sechs Tagen, und völlig zu Recht, vier Deutsche Filmpreise gewonnen, darunter den wichtigsten als Bester Film. Andreas Dresens Film hat darin das Thema Krebs einmal komplett anders erzählt. Quasi-dokumentarisch, von der Diagnose bis zum letzten Atemzug. Das war kaum zu ertragen und bleibt doch dem, der es gesehen hat, auf immer in Erinnerung. Und da kommt, so kurz danach, schon wieder ein Film ins Kino, der uns Krebs noch einmal ganz anders nahebringt? Ja, tut es. "50/50" ist eine Komödie. Und stellt uns vor die bange Frage: Darf man über Krebs lachen?

Der Kranke muss Gesunde trösten

Auch wenn "50/50" von Jonathan Levine gedreht wurde, ist er ein Seth-Rogen-Film. Das ließ Schlimmes befürchten. Der Stand-up-Comedian hat einst bei der Sasha-Baron-Cohen-Comedy "Da Ali G. Show" als Autor begonnen und ist durch Judd-Appatow-Komödien wie "Jungfrau (40), männlich, sucht..." und "Beim ersten Mal" zum Star geworden. Längst hat er sich selbständig gemacht, spielt nicht nur Hauptrollen, sondern produziert seine Filme ("Superbad", "Green Hornet") mit seinen alten "Ali G."-Kumpels selbst. Hollywoods Wunderkind und Antiheld zugleich. Denn Rogen ist der Anti-Cruise, der Anti-Pitt, der Star aller Otto Normalausseher und Unterprivilegierten. Und die danken es ihm. Keiner seiner Filme hat weniger als 100 Millionen Dollar eingespielt.

All diese Werke aber handeln mit mit feistem Witz von jungen Männern, die nie erwachsen werden wollen, die immer noch kleine Jungs sind. Was das wohl für ein Film geworden wäre, hätte Rogen die Diagnose erhalten, ist eine interessante Frage. Doch in "50/50" - der Untertitel lautet "Freunde fürs (Über)leben" - spielt er nicht den Patienten, sondern dessen besten Kumpel. Und das verändert - und mildert wohl - die Ausgangsbasis.

Adam (Joseph Gordon-Levitt) ist noch keine 30, er ist gerade erst im Werden. Beim Joggen schmerzt ihn manchmal der Rücken, weshalb er zum Arzt geht. Dann die niederschmetternde Diagnose. Ein bösartiger Tumor an der Wirbelsäule. Krebs, ein ganz seltener obendrein. Und die Überlebensaussichten? Fiftyfifty, maximal. Schon die Art, wie sich der Arzt hinter Fremdworten und Statistiken versteckt, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Und so geht es munter weiter: Adams Freundin (Bryce Dallas Howard) geht lieber fremd, als ihn in die Klinik zu begleiten, und schenkt ihm als Ersatz einen ausgemergelten Windhund.

Adams bester Freund Kyle (Seth Rogen) entdeckt, dass die Mitleidsmasche mit dem kranken Freund bei attraktiven Damen unglaublich zieht. Adams Mutter (Anjelica Huston), ohnehin mit einem Alzheimer-Gatten geplagt, will ihn sofort mit aller Übermutti-Liebe erdrücken. Und Adams Therapeutin (Anna Kendrick) ist noch jünger und überforderter als er selbst. Sie ist noch in der Ausbildung, er gerade mal ihr dritter Patient - und das Versuchskaninchen für ihre Abschlussarbeit. Die Ironie des Films ist also die verkehrte Ausgangssituation: Nicht dem Krebskranken gilt das Mitleid, er ist es, der permanent seine Umwelt trösten und aufbauen muss.

Drehbuchautor Will Reiser weiß, wovon er schreibt. Er bekam dieselbe Diagnose, noch als er mit Seth Rogen und Evan Goldberg für "Da Ali G. Show" gearbeitet hat. Seine Kumpels konnten förmlich verfolgen, wie er allmählich verfiel, ermutigten ihn aber, seine Geschichte aufzuschreiben. Auch das eine längst bewährte Therapie: Krebserfahrungsbücher gibt es seit Hilde Knefs "Das Urteil" und Solschenizyns "Krebsstation" zuhauf. Aber Reiser wollte dem Thema, wenn schon, dann mit dem typischen Witz der Rogen-Truppe begegnen. "Mein Humor hat mir da durchgeholfen", sagt er heute. Und beeilt sich, auch gleich allen möglichen Einwänden den Wind aus den Segeln zu nehmen: "Es ist okay, über diese Krankheit und ihre Absurditäten zu lachen." Keine Feel-Good-Komödie, das wäre zynisch. Aber doch eine Feel-better-Komödie. Eine, bei der die Redewendung Tränen lachen eine neue Bedeutung bekommt.

Auch wenn man Äpfel tunlichst nicht mit Birnen vergleichen sollte, ist es doch verlockend, "50/50" in Relation zu "Halt auf freier Strecke" zu ziehen. "Halt" ist eine Tragödie mit komischen Momenten, "50/50" das Gegenteil, eine Komödie mit tragischen Elementen. Natürlich geht die US-Komödie immer gerade so weit, wie es das Genre noch zulässt. Während Dresen erst recht mit der Kamera draufhält, wenn's am meisten schmerzt.

Hasch-Kekse zur Chemotherapie

Bei "Halt" heult man Rotz und Wasser mit den Protagonisten, kann das Ganze kaum ertragen, möchte mehrfach das Kino verlassen und kann es doch nicht. Bei "50/50" ist man dankbar für all die ironischen Brüche, die die Tragik erträglich machen. Wenn man beispielsweise zur Chemotherapie Haschkekse knabbert und dann gut drauf ist. Oder wenn Adam sich die Haare schert, bevor sie ausfallen, und Kyle erst danach zugibt, dass er den Rasierer für die Intimrasur benutzt.

Wer "Halt" liebte, so möchte man annehmen, kann unmöglich "50/50" mögen. Und doch ist das Gegenteil der Fall. Vielleicht, weil beide Filme, jenseits des üblichen Krebskitschkinos, die Grenzen zwischen Tragik und Komik ausloten und dehnen. Und weil man am Ende bei beiden eine reinigende Katharsis durchgemacht hat. Auf ein Double-Feature würden wir aber wohl doch eher verzichten.