Leipziger Buchmesse

Katharina Hahn ist Favoritin bei der Preisvergabe

Was im Stuttgarter Kessel brodelt: Anna Katharina Hahn gilt mit "Am schwarzen Berg" als heiße Anwärterin auf den Preis der Leipziger Buchmesse. Ein Besuch.

Foto: Martin Wagenhan

Schön ist anders. Ein Baumhaus hängt noch schief und hoch am Stamm über den Zäunen. Matschig sieht der Ort aus, der den Leuten hier mal heilig war, an dem sich oben und unten architektonisch so feindlich gegenüberstanden, wie sie sich sozial mischten im Protest gegen „Stuttgart 21“.

Baumstümpfe, ein rasierter Bahnhof. Und kalt ist es auch. Da jenseits der Zäune, wo jetzt nichts mehr ist außer Grundwassermanagement, sagt sie, hat ihr erster Freund ihr mal was Schönes gesagt. Hier ist sie auf dem Weg zur Schule vorbeigekommen. Und an dem Gebüsch da rechts, das es nicht mehr gibt, haben Männer gestanden, an denen sie ganz schnell vorbeimusste.

Hahn kennt die Stuttgart-Klischees

Wir hätten uns auch in Heslach treffen können, draußen vor der Stadt, das Vorbild war für Burghalde in ihrem jüngsten Roman „Am schwarzen Berg“ , mit dem sie sehr zu Recht als Favoritin gilt für den Leipziger Buchpreis. Das so ähnlich aussieht wie der Vorort, in dem Anna Katharina Hahn – 1970 in Ruit geboren – aufgewachsen ist. Aber das wäre zu weit weg und zu naheliegend gewesen.

Zu niedlich, zu klein. Man muss vorsichtig sein mit den Blicken, die man die vielen Hänge ringsum hochschickt aus dem Tal, sollte nicht allzu offen erwähnen, dass es doch sehr, na ja, eng scheint hier und sehr aufgeräumt. Keine Stuttgart-Klischees, Anna Katharina Hahn kennt sie alle.

Sie war lange genug in Hamburg, war lange genug unter Schwabenhassern in Berlin. Jetzt und hier daheim betont sie das Urbane, versteht sich gut auf klammheimliche Vorwärtsverteidigung jener Stadt, die sie so sehr hasst und liebt, dass sich all ihr Schreiben auch um ihre Neuerfindung in Literatur dreht.

Das Stuttgart in Anna Katharina Hahns Romanen ist nicht irgendeine Stadt, sondern eine Deutschland-Verdichtung, eine Westdeutschland-Verdichtung besser gesagt. Es ist ganz Stuttgart und gleichzeitig überall. Anna Katharina Hahn schreibt Gesellschaftsromane, Geschichten von Aufsteigern, vom erodierenden Mittelstand .

Erzählt davon, wie städtische Gesellschaft funktioniert und wie Menschen in städtischen, in mittelständischen Gesellschaften funktionieren müssen, glauben, funktionieren zu müssen. Wie Menschen ein selbstbestimmtes Leben versuchen, ein Leben – davon handelt „Am schwarzen Berg“ – inmitten des Mittelstands außerhalb des gesellschaftlichen Verwertungszusammenhangs.

Sie lässt Lebensentwürfe Krieg führen, rückt den Figuren so auf den Pelz, dass es manchmal beinahe wehtut – mit der Präzision einer Ethnologin (die sie tatsächlich ist) und der Empathie einer Sozialarbeiterin. Peter zum Beispiel, das Zentralgestirn im „Schwarzen Berg“. Der ist gerade von seiner Familie verlassen worden und kehrt wieder heim ins Haus seiner Eltern Hajo und Carla Rau nach Burghalde. Unter den Augen von Emil und Veronika.

Peter verliert seine Frau und Söhne

Die wohnen gegenüber, die sind seine Zieheltern. Emil hat ihn mit Mörike infiziert, ihm vorgelesen, „Die Elemente“ zum Beispiel, das Gedicht, von dem der Roman seinen Titel hat („Am schwarzen Berg da steht der Riese“). Mit Emil zieht er los auf den Spuren von Mörike.

Peter teilt Jahrgang und Sozialisierung mit Anna Katharina Hahn. Auch ihr Vater ist Arzt. Auch sie wurde mit Mörike und Uhland und Schiller konfrontiert. Auch sie kann heute noch manche Straßen nicht gehen, ohne dass sich eine Uhland- oder Mörike-Folie drüberlegt.

Das ist der pure Eichendorff “, ruft Peter, „der auferstandene Mörike!“ Und er meint das moderne Woodstock im Schlossgarten. Das ist sein Utopia, das ist sein Leben. Er fragt sich, warum man nicht einfach bloß da sein kann. Gewissermaßen absichtslos. Damit muss er, den seine vier Wächter und Mia, die Frau, die ihm abhandenkam und seine geliebten Söhne mitnahm, sich Ansprüchen stellen, denen er nicht gerecht werden kann, damit muss er scheitern.

"Ich bin halt ein Augenmensch"

Ein Stimmenspiel ist der Roman, ein höchst kunstvoll erstelltes Perspektivenkaleidoskop. Abwechselnd durch die Augen von Emil und Veronika, Carla und Mia rückt man Peter, der ehemals geradezu engelhaften Erlösergestalt, auf den leider ziemlich verpickelten Pelz. Die Geschichten spiegeln, umkreisen sich, schweifen ab in Peters Kindheit, streifen zurück an den Rand der Siebziger und immer tiefer hinein in den rissigen Kern mittelständischer Existenz.

So kräftig, so sicher treten ihre Romane auf, dass man sie mit der fragilen, zerbrechlichen Gestalt kaum in eins bekommt, die neben einem hergeht. Zum Restaurant oben im Stuttgarter Kunstmuseum, einem handelsüblichen Kunstkasten, von dem aus man einen herrlichen Überblick hat über Stadt und Tal.

Die Stadt da unten hat sich ihr nahezu aufgedrängt wie ein altes Tantchen, als sie ihrem Mann hinterher von der Spree an den Neckar zog. Sie hat sich gewehrt und ist unterlegen. „Ich bin halt ein Augenmensch, ich muss beobachten, mir drängt sich alles Mögliche auf. Es springt mir ins Gesicht, kaum dass ich aus der Tür hinaus bin.“

Sie wirft ihr den Stoff geradezu nach, allgemeingültigen Stoff, wenn sie durch ihre Straßen läuft, ihre Stadt, die sie dann am Schreibtisch in eine literarische Luftspiegelung verwandelt, wie Uwe Tellkamp den Weißen Hirschen und Stephan Thome im „Grenzgang“ das nordhessische Biedenkopf.

Hermann Lenz, der letzte große Stuttgart-Homer, sagt sie, hatte ein konservatorisches Konzept, der meinte, dass man die süddeutschen Landschaften, den Stuttgarter Raum nach seinen Beschreibungen rekonstruieren könnte, falls sie der Welt mal verlustig gehen sollten. „Mit meinem Stuttgart ist es eher so, dass man sich darin verlaufen würde, würde man es nach meinen Erzählungen wieder aufbauen.“

Einer gesunden Hemmungslosigkeit verdankt sich dieses Stuttgart. „Sich selbst gegenüber als Steinbruch von Geschichten ist man ja auch hemmungslos. Ich würde nie so unverschämt sein, mit den Geschichten fremder Leute umzuspringen wie mit meinen, mit meinem Selbst. Mit Stuttgart ist es ähnlich. Das kann ich benutzen, wie ich möchte, da pinkel ich drauf, da setz ich meine Marke hin.“ Das muss man sich erst mal trauen.

Hahn wollte eine Bibelübersetzung herausgeben

Sie hat dafür lange gebraucht. Hat lange im buchstäblich Dunkeln gearbeitet, hat sich spät erst für die Schriftstellerei entschieden – mit Fräuleinwundermaßstäben gemessen und dafür, dass sie ihren ersten Literaturwettbewerb schon mit achtzehn gewonnen hat. Sie hat erst mal das Studieren angefangen in Hamburg. Ist „mit einer riesigen Staubwolke hinter mir her“ weg aus Stuttgart, hat sich sogar ein Stuttgart gegenüber nicht sehr liebevolles Tattoo stechen lassen.

Und dann hat sie da im Dunkeln gesessen, tief im Gedärm der Hamburger Staatsbibliothek. Im Mikrofiche-Raum, ohne Tageslicht, ohne Fenster. Beleuchtet von Rechnern und dem Lesegerät. „Ein furchtbares Gehäuse“, sagt sie, „aber ich fand es wunderbar, da war nichts.“ Außer ihr und zwei Dateien. In der einen ihre Doktorarbeit, in der anderen ihre Erzählungen. Eine Editionsarbeit wollte sie schreiben, eine vorlutherische Bibelübersetzung herausgeben.

Schreiben hat nichts mit Realismus zu tun

Die Erzählungen haben dann doch gewonnen. Es war kein sehr heroischer Sieg. Dazu war der Gegner einfach zu schwach. Dem Doktor weint sie nicht ein bisschen nach. In der Schriftstellerei hat sie ihren Weg gefunden, mit ihrer Wahrnehmung und der Wirklichkeit und der Welt fertigzuwerden. Sie sieht halt einfach zu viel.

Das ist manchmal lästig, häufig schön und immer wichtig fürs Schreiben, das dann aber mit Realismus nichts zu tun hat. Weil es ein Konzentrations- und eben kein Kopierprozess ist. Von Realismus will sie nichts wissen. Realistische Literatur ist Blödsinn. Jeder, sagt sie, „der schon mal versucht hat, Realität eins zu eins zu verschriftlichen, weiß, dass man damit in der Verzweiflung endet“.

Damit man den „Schwarzen Berg“ trotz seines enorm genauen, gnadenlos empathischen Blicks auf seine Figuren nicht allzu spornstreichs in die gerade wieder sperrangelweit offene Realismusschublade steckt, hat Anna Katharina Hahn ihrem Roman ein paar Widerhaken eingehämmert. Und auf den Widerhaken steht Mörike. Immer wieder Mörike. Der war immer schon da, der ist immer bei ihr, auf einmal aber auch im Buch und macht sich breit.

Mörike ist der "Sehnsuchstspol"

Eine ganze Biografie hat sie dem Dichterpfarrer erfunden im Roman. Er ist Hallraum, Zuflucht, er ist Peters „Sehnsuchtspol“, Schutzheiliger und süßes Lebensgift. Ihm lebt Peter nach. An ihm und dem Versuch, sein zu wollen wie Mörike und der Riese am schwarzen Berg, der, von der Erdenschwere befreit, in der Klarheit wandeln will, geht er zugrunde.

Mörike gibt’s heute nicht mehr. Hermann Lenz kann ich noch kriegen. Im „Café Königsbau“ , sagt sie. Das soll ich mir noch geben, das alte Stuttgart in der stillgestandenen Zeit. Anna Katharina Hahn will damit nichts zu tun haben, heute nicht. Sie stakst, Mantel und Schal um sich geworfen wie eine Rüstung, gegen den Wind kreuzend im Gewitter der Wirklichkeit dem Bahnhof entgegen.

Anna Katharina Hahn: Am schwarzen Berg. (Suhrkamp, 236 Seiten, 19,95 Euro ISBN: 978-3518422823)