Eine junge Frau sitzt im Diner, bestellt Kaffee. Sie schaut aus dem Fenster, als ein junger Mann kommt. Die Frau grummelt „Shit“. Der Mann setzt sich. Sie reden kurz. Die Frau scheint Angst zu haben. Dann geht eine Prügelei los wie in einem Hongkong-Action-Film, Tische und Tassen fliegen, die zwei verkrallen sich ineinander, schlagen sich, versuchen sich umzubringen. Die Frau steckt ordentlich ein. Macht aber auch unglaubliche Dinge mit ihrem Körper.
Als ein Gast den Mann festhält, schlägt die Frau zu als gelte es, den Hulk auf Zwergenniveau zu bringen, und flieht mit dem Auto. „Haywire“ ist die Geschichte von Mallory ( Gina Carano ), und niemand wird eine Chance haben sie zu besiegen, auch wenn es spektakuläre Ereignisse gibt wie einen Hirsch, der aus dem Wald auf die Windschutzscheibe springt.
Auch Michael Douglas ist als Agent zu sehen
Oder ein schöner Mann im Smoking ( Michael Fassbender ), der in der Hotelsuite zuschlägt und Mallory im Abendkleid das halbe Zimmer demoliert, bevor sie brutal die Oberhand gewinnt. Die Hotel-Schlacht gehört zu den Szenen, die Regisseur Steven Soderbergh im Kopf hatte, als er die Martial-Arts-Kämpferin Gina Carano im Fernsehen sah.
Drehbuchautor Lem Dobbs, der die Filme „Kafka“ und „The Limey“ für ihn geschrieben hatte, entwarf ein Drehbuch, im Frühjahr 2010 wurde gedreht. Michael Douglas trat als CIA-Agent auf, bevor seine Krebserkrankung ausbrach .
„Haywire“ ist ein politischer Thriller, dem die Politik denkbar grell aufgeschminkt wurde. Wer gegen wen in der Geheimdienstwelt vorgeht, ist dabei egal. Mallory, Ex-Navy-Seal, ist eine Agentin auf Leihbasis. Ihr Chef (Ewan McGregor) sendet sie nach Barcelona, um einen Chinesen zu befreien. Die Sache geht schief. Mallory flieht zurück nach Amerika, um sich zu rächen und zu befreien.
Es geht um rohes Töten
Am Ende sitzt sie im Bungalow ihres Vaters, in der Wüste von New Mexico. Da tritt der Mann aus dem Diner wieder auf (Channing Tatum). Das letzte Wort des Films wird wieder „Shit“ sein, Antonio Banderas ist nicht erfreut, dass Mallory gelassen auftaucht.
Die Angaben verraten nicht zu viel, denn es geht um Schauwerte, um Kampf, um Demolieren, um rohes Töten. „Action is character“ notierte F. Scott Fitzgerald bei der Vorbereitung des „Letzten Tycoon“, und selten trifft das oft benutzte Wort so wie hier. Was Mallory sonst antreibt, woher ihr Kampfeswille stammt und zu welchem Behufe: egal.
Dennoch sind Kampfchargen wie Chuck Norris und Jean-Claude van Damme sowie Dutzende schlagkräftige Hongkong-Heroinen, deren Handwerk und Geradlinigkeit Pate standen, weit weg. Denn Soderbergh setzt sein ganzes Stil-Vermögen ein, um dem Tun und Treiben seiner Heldin ein elegantes Umfeld zu schaffen. Wie üblich entwickelt Soderbergh als sein eigener Kameramann Bildkompositionen, die fast allesamt als klar gestaltete Fotografien durchgehen könnten.
Soderbergh ist noch produktiver als Allen
Er begrenzt die Räume und Farben, entwirft eine Welt voll künstlicher Coolness, die den holzschnittartigen Figuren entsprechen. Der Film setzt auf rhythmisierte Ruhe statt auf inhaltsleere Hektik, die ein paranoides Gefühl erzeugt. Mallory weiß, wo sie steht. Und dass alle Gegner auch bloß zwei Fäuste und zwei Beine zum Treten haben.
Ob sie etwas fühlt? Wir wissen es nicht. Da unterscheidet sich „Haywire“ kaum von Trash-Action-Filmen und banalem Videofutter. Soderbergh ist ein Filmemacher, dessen Ausstoß sogar den von Woody Allen übertrifft. Sieben Filme hat er in den letzten vier Jahren fertig gestellt, darunter die zweiteilige Biografie „Che“. Scheinbar mühelos wechselte er zwischen großen Produktionen und kleinen Filmen.
„Haywire“ kommt erst jetzt ins Kino, weil seine anderen Filme zunächst „dran“ waren, erst „Der Informant“ mit Matt Damon, dann den Viren-Thriller „Contagion“ . Für „Haywire“ hat Soderberg sich neben Action-Filmen auch Hitchcock neu angeschaut. Er hat vom Meister gelernt, dass es genügt, nur eine Straße zu zeigen, um Spannung aufzubauen. Mallory geht minutenlang durch Dublin, sie ist auf der Flucht. Jedes Auto, jeder Fußgänger ist verdächtig. „Haywire“ funktioniert prächtig als smarte Musteranordnung. Der Film ist nicht perfekt, will es nicht sein. Seht her, sagt er, so cool kann es auch gehen.




