Maler-Legende

Warum Gerhard Richter Applaus nicht hören will

Er ist der berühmteste Maler unserer Zeit – und der teuerste. Gerhard Richter wird gefeiert, doch er selbst ist bescheiden geblieben. Am Donnerstag feiert er seinen 80.Geburtstag. Der Rummel um ihn, ist Richter unangenehm, wie er beim Atelierbesuch sagt.

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Vielleicht kann man ja genau so anfangen, vielleicht sollte man es sogar: Gerhard Richter einmal die Wahrheit sagen, diesem längst seliggesprochenen, größten, berühmtesten Maler unserer Zeit. Dem Zurückgezogenen einmal kurz durchgeben, wie da draußen, jenseits der Ateliermauern, über ihn gesprochen wird. Mag die Presse noch so jubeln, mögen Museumsbesucher in aller Welt für ihn Schlange stehen: Gerhard Richter ist und bleibt unbeliebt. Also sagt man es und wartet, was passiert.

Gerhard Richter, der Unbeliebte, fragt: „Bei wem?“ und schaut jetzt doch ein kleines bisschen irritiert. Die Sammler können es nicht sein, Kuratoren schon gar nicht, schlechte Kritiken hat er lange keine mehr bekommen, und das Publikum scheint ihn zu lieben, als sei er ein moderner Vermeer. Bei wem also?

Dass es die Kollegen sind, die anderen, jüngeren Maler, ganze Generationen inzwischen, die ihn nicht nur nicht lieben; nein, die tatsächlich den Tag verfluchen, an dem er das erste Mal einen Pinsel in die Hand nahm – das hört er irgendwie gern. Ein feines Lächeln huscht über sein Gesicht, während er sich die Verzweiflung all der Kollegen ausmalen lässt, die mit ansehen mussten, wie er sich ein Feld der Malerei nach dem anderen vornahm – und konsequent zu Ende dachte.

Sie wollen nach Fotos malen, vielleicht sogar etwas unscharf? Sie wollen nach Richters Baader-Meinhof-Zyklus noch Geschichtsbilder schaffen oder den Terror thematisieren? Sie würden sich den Fragen der Repräsentation lieber ganz entziehen, mit Farbfeldern experimentieren und dabei auch mal dem Zufall die Regie überlassen? Sie möchten Fotos übermalen, die Hinterglasmalerei neu erfinden? Alles vermintes Gelände, Gerhard Richter sei Dank. Und so kommt es, dass Legionen von Malern seinen verstorbenen früheren Freund Sigmar Polke verehren, von den „Möglichkeitsräumen“ schwärmen, die dieser eröffnet hat, während er, Gerhard Richter, einen Raum nach dem anderen aufgemacht und dann so lange zugemalt habe, bis für niemand anderen mehr Platz darin gewesen sei.

Gerhard Richters Lächeln ist jetzt ein Strahlen. Das alles, so scheint es, hört er nicht ungern. Er könne nicht verleugnen, dass sein Weg immer auch etwas Aggressives, Herrschsüchtiges gehabt habe. Aber, sagt er: „Schon Adorno hat geschrieben, dass jedes Kunstwerk der Todfeind des anderen ist.“ Wenn er neue Sachen mache, dann wolle er die anderen Maler damit, nun ja, nicht direkt ärgern, das treffe es nicht. Aber: „Ich will, dass alles unangreifbar wird. Frau Ell, meine Sekretärin, schaut mir manchmal über die Schulter und sagt nur: ‚Herr Richter, wollen Sie schon wieder etwas optimieren?'“

Gerhard Richter will, schon wieder und immer noch. An diesem Januarnachmittag steht er in seinem Atelier in Köln-Hahnwald vor seiner neuesten Werkreihe, die nicht nur den Besucher in ihrer Perfektion frösteln lässt. Richter selbst geht es genauso, obwohl, wie er sagt, auch die blutdrucksenkenden Medikamente schuld daran sein könnten, dass ihn vor seinen Bildern friert. Es sind großformatige, digitale Streifenprints, die er aus einem abstrakten Gemälde von 1990 ableitet. Mithilfe einer Software lässt er das Bild vertikal teilen, erst in 2, dann in 4, 8, 16, 32, 64, 128, 256, 512, 1024, 2048 und dann in 4096. So entstehen am Ende 8192 Streifen in der Höhe des originalen Gemäldes, die er für die Prints selektiert, spiegelt, wiederholt.

Und während der in den USA lehrende Kunsthistoriker Benjamin Buchloh angesichts dieser jüngsten Werke von einem „manifesten Trauerakt“ spricht, der die „Niederlagen der Malerei im digitalen Zeitalter“ beklage und gleichzeitig „mit den Mitteln der Technologie vor deren totalitärem Anspruch“ warne, während also die Interpretationsmaschinerie vor den Mauern des Ateliers längst wieder angesprungen ist, räuspert sich Richter nur und sagt, er finde es gut, wie unmenschlich diese Bilder seien. So wenig Halt finde das Auge auf ihnen, dass einem schwindelig werde – oder gleich: ein bisschen schlecht.

Richter, der Bilderoptimierer, spricht wunderbar unoptimiert über seine Arbeit. So gern hört man seinen kurzen Sätzen zu, dass man ihn ruhig fragen darf, warum er das nicht öfter macht: reden. Er sagt, dass ihm die Worte fehlten, dass es, um über Kunst zu reden, einfach nicht die richtigen gebe. „In der Musik haben Sie ein besseres Vokabular. Da können Sie auch sagen, dass einer unmusikalisch ist. Wie aber nennen Sie es, wenn einer nicht gucken kann? Und genauso können Sie es nicht benennen, warum ein Gemälde besser als ein anderes ist. Es ist eine andere Qualität, und die bleibt ein Mysterium.“

Warum also die Zeit mit reden verschwenden, wenn man malen kann? Könnten Interviews nicht genau dafür gut sein: ein paar Dinge klarstellen? „Nein“, sagt er und lacht. „Dafür bin ich zu dumm.“

Morgenpost Online: Herr Richter, wenn am kommenden Wochenende an gleich zwei Abenden hintereinander Ihre große Retrospektive eröffnet wird, wovor haben Sie am meisten Angst?

Gerhard Richter: Angst ist das falsche Wort, aber was mir bei diesen Anlässen immer sehr unangenehm ist, sind die vielen Menschen, die sagen werden, wie toll die Ausstellung ist. Das sagen sie immer, es sei ganz toll. Und das bedeutet ja nichts. Ich weiß noch, wie ich die erste Ausstellung in den USA hatte, und da kamen Künstler, um mir zu ein paar Bildern zu gratulieren. Und dann zeigten sie auf andere Bilder von mir und sagten: Aber die hier, die sind Bullshit. Diese Ehrlichkeit fand ich gut.

Morgenpost Online: Sie können alldem gar nichts abgewinnen, den Ergebenheitsadressen, dem Applaus?

Richter: Es reicht mir schon, wenn man mich anständig begrüßt. Das andere versuche ich gar nicht wahrzunehmen. Als ich die große Ausstellung im MoMA hatte, schickten mir Leute Fotos aus New York, von den Menschenschlangen vor dem Eingang. So etwas will ich gar nicht sehen. Eine Ausstellungseröffnung wie 1973 im Münchner Lenbachhaus, die habe ich noch genossen. Da kamen nur 15 Leute, aber es waren alles Interessierte. Das war wunderbar.

Morgenpost Online: Die Eröffnungen werden dieses Mal eher einem Staatsakt gleichen – zumal Sie am Donnerstag auch noch Ihren Geburtstag feiern.

Richter: Ja, es ist schrecklich. Mein Freund Kasper König hat schon gesagt, ich solle aufpassen, dass der Wulff nicht zur Eröffnung kommt. Ich habe dann Udo Kittelmann gefragt, den Direktor der Nationalgalerie, aber der sagte, nee, das wüsste er.

Morgenpost Online: Was werden Sie an Ihrem Geburtstag tun?

Richter: Ich werde mit meiner Familie die Berliner Ausstellung besuchen, wenn sie noch nicht eröffnet ist. Meine Frau, vier Kinder, ein Enkel, meine Schwester, mein Schwiegersohn, eine Nichte. Das ist eine schöne Gelegenheit, um zusammenzukommen. Und dann gehen wir essen.

Morgenpost Online: Was unterscheidet Sie von berühmten Kollegen wie Baselitz und Kiefer, die gerade den offiziellen Teil der kommenden Woche in vollen Zügen genießen würden?

Richter: Die Unsicherheit. Ich kann mich erinnern, wie ich als Student in das Zimmer eines Kollegen kam, der gerade eine Rose malte und dabei vor Freude sang. Und ich weiß noch, wie wütend mich das machte, dass er mit dieser Rose so zufrieden war, dass er sang. Ich fand das absolut falsch. Vielleicht war es der Neid, dass er so glücklich war. Weil ich immer wenn ich etwas machte, unsicher war, ob es nachhaltig ist. Etwas später, auch das erinnere ich genau, bin ich mit Günther Uecker in einen Laden gegangen, weil er dort einen Elektromotor kaufen wollte. Und er ging rein und sagte: „Guten Tag, ich bin Künstler und will einen Elektromotor kaufen.“

Morgenpost Online: Was hat Sie daran gestört?

Richter: Ich fand das damals unerhört, dass der so selbstsicher war und von sich selbst vor anderen sagte, er sei ein Künstler.

Morgenpost Online: Und ein Teil dieser Unsicherheit ist geblieben?

Richter: Ja.

Morgenpost Online: So eine Retrospektive könnte Ihnen doch ein bisschen Selbstvertrauen geben.

Richter: Eine Retrospektive ist schön, um zu schauen, was gut und was doch nicht so gut ist, da kann es ja auch Überraschungen geben. Aber das Interesse am nächsten Schritt ist davon unbelastet. Und wenn ich den tue, bin ich wieder auf unsicherem Terrain.

Morgenpost Online: Als wir uns vor einem halben Jahr sprachen, sagten Sie, Sie müssten dringend wieder anfangen zu malen.

Richter: Das sind diese Phasen, wo ich mich mit der Vorbereitung von Ausstellungen wie jetzt in der Tate oder in der Nationalgalerie ablenke oder wo mir jedenfalls Zweifel kommen, ob ich nicht deshalb so intensiv an den Ausstellungen arbeite, weil mir einfach nichts mehr einfällt.

Morgenpost Online: Sie haben dann tatsächlich die Angst, dass es das jetzt gewesen sein könnte, dass nichts Neues mehr kommt?

Richter: Jedes Mal.

Morgenpost Online: Was tun Sie in solchen Phasen, wenn Sie sich nicht mit Retrospektiven ablenken können?

Richter: Dann baue ich Regale. Da fühle ich mich sicher.

Morgenpost Online: Regale?

Richter: Ja, Regale. Früher habe ich sie selbst gebaut, heute zeichne ich sie und gehe dann zum Schreiner. Das ist sozusagen mein Hobby, all die Möbel hier zu entwerfen, aber auch Gebäude wie das Atelier und unser Wohnhaus da drüben.

Gerhard Richter, der Regalbauer, steht nun auf und präsentiert das Exemplar hinter sich, helles Holz, aufs Wesentliche reduziert, offenbar perfekt verarbeitet. Und wie er so dasteht und erzählt, dass mal einer die Idee gehabt habe, aus der Bank neben dem Regal eine Edition zu machen, was dann aber doch keine gute Idee gewesen sei, weil es ja nur eine Bank sei – da kommt es einem schon reichlich absurd vor, dass man mit diesem Mann gerade eben noch über seinen 80.Geburtstag gesprochen hat. Richter sieht 20 Jahre jünger aus, was vor allem an seinen Augen liegen dürfte, die noch mal 30 Jahre jünger wirken. Draußen vor dem Fenster, in einem Garten mit Teich, der zu seinem Wohnhaus führt, springen jetzt zwei Jungen herum, Theo, sein sechsjähriger Sohn, und dessen Freund. Seine Tochter Ella, die 16 ist, wird später noch kurz im Atelier vorbeischauen. Und auch seine Frau Sabine wird gleich hereinkommen und fragen, ob er mit dem Hund mitgeht oder noch etwas Zeit brauche. Nur sein Sohn Moritz (17) ist in England, auf einem Internat. „Freiwillig“, sagt Richter. „Das ist hier eine Art Mode, dass man da für eine Zeit lang hin will.“ Hier ist Köln-Hahnwald, wo es ein bisschen neureich sei, man aber völlig in Ruhe gelassen werde. Stefan Raab, ein netter Mann, dessen Sendungen er aber nicht näher kenne, ist direkter Nachbar, Harald Schmidt wohnt einen Steinwurf entfernt.

Morgenpost Online: Wo wir gerade über Ihre Familie reden: Ihre Tochter Betty wurde 1966 geboren. Fast 30 Jahre später haben Sie mit Ihrer dritten Frau Sabine eine neue Familie gegründet. Kann man im Alter das Vatersein mehr genießen?

Als ich mit über 60 wieder Vater wurde, habe ich das auf jeden Fall so gesehen. Ich war so begeistert, dass ich auch anderen erzählt habe, das sei das ideale Alter.

Morgenpost Online: Und jetzt?

Jetzt merke ich bei unserem jüngsten Sohn, dass ich nicht mehr die Nerven habe wie noch vor zehn Jahren. Der Lärm, es ist ja immer irgendwas, das fällt mir jetzt schwerer. Und ich weiß inzwischen, dass es natürlich Quatsch ist, mit über 60 vom idealen Alter zu sprechen. Meine Kinder müssen nun jeden Tag fürchten, Halbwaise zu werden. Es gibt schönere Gedanken.

Morgenpost Online: Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

Ich stehe um sechs auf und frühstücke – allein. Um sieben kommen die Kinder. Ich ziehe mich dann zurück und mache mich fertig. Um fünf vor acht kommt meine Sekretärin, und um Punkt acht bin ich im Atelier. Dann wird so bis 19Uhr gearbeitet.

Morgenpost Online: Wer darf Sie bei der Arbeit stören?

Meine Familie.

Morgenpost Online: Was ist mit Sammlern? Spricht man mit anderen Künstlern, so scheinen die ständig Besuch von Sammlern zu bekommen und diese auch pflichtschuldig zu empfangen.

Nein. Keine Sammler. Ein guter Sammler ist für mich jemand, den ich noch nie getroffen habe.

Morgenpost Online: Weil Sie Leute, die 20 Millionen Dollar für ein Bild von Ihnen zahlen, nicht ernst nehmen können?

Ich bin da etwas abgebrühter geworden in den letzten Jahren. Ich habe von der Art Basel so ein Heft zugeschickt bekommen, so ein Magazin für sehr reiche Menschen. Und da konnte man sehen, wofür die noch alles Geld ausgeben. Unsummen für ihren Schmuck, ihre Häuser, ihre Partys und Yachten. Das ist ja alles irreal und ekelhaft. Und da dachte ich mir, dass das Geld für ein Bild fast schon vernünftig investiert ist. Zu denen in die Wohnung zu gehen und zu sehen, wo die Bilder hängen, das wäre mir ein absolutes Grauen.

Es ist spät geworden an diesem Nachmittag. Das Taxi wartet schon, da steht man mit Gerhard Richter plötzlich unter einem Kreuz. Es hängt im Eingang des Haupthauses, das mit seinen Richter-Regalen und Bauhaus-Stühlen an ein modernes Kloster erinnern würde, hätte nicht gerade sein Sohn Theo einen großen Berg Lego im Wohnzimmer ausgeschüttet.

Richter, der bekennende Atheist, ahnt, was jetzt kommt. Nein, sagt er, bei aller Sympathie für die Kirche, auch wenn er das Fenster im Kölner Dom gestaltet habe, auch wenn seine Frau zum Katholizismus konvertiert sei – heimlich in die Kirche eingetreten sei er nicht.

„Ich glaube nicht an Gott“, sagt er, „aber ich glaube daran, dass jeder Mensch an etwas glauben muss.“

Woran glaubt er, an die Kunst, an die Familie? „An die muss ich nicht glauben, die sind ja da. Aber ich glaube daran, dass da etwas ist, was größer ist als wir.“

So, wie seine Bilder klüger sind als er? „Ja“, sagt er, daran glaube er. „Alles, was ich mir ausdenke, reicht ja nicht. Ich komme mit meinem Verstand eben nur so weit, wie ich denken kann.“