Fall Beltracchi

Wie man Kunstfälschern auf die Schliche kommt

Der Berliner René Allonge hat im spektakulären Kunstfälscher-Skandal Beltracchi ermittelt. Für den Fahnder ist der Fall längst nicht abgeschlossen. Morgenpost Online hat seine Abteilung im Landeskriminalamt, die als beste im Land gilt, besucht.

Foto: Christian Kielmann

LKA 454. Tempelhofer Damm 12. Im Foyer hängen Fahndungsfotos. Mörder gesucht. Fahrstuhl, Halt im vierten Stock. Ein verwinkelter Gang, mit den typisch furchtbaren Büro-Gummibaum-weiß-ich-was-Pflanzen, wolkenblau gestrichen die Wände. „Ruhe, ich denke“ steht an einer Bürotür. So also sieht eine Behörde aus, die den bislang spektakulärsten Fall von Kunstfälschung in der deutschen Kriminalgeschichte bearbeitet hat.

Der Fall Wolfgang Beltracchi schrieb im vergangenen Jahr Schlagzeilen, weil er das Image des Kunstmarktes in Frage stellte. Es ging um Eitelkeit, Geldgier und Hochmut. Zurück blieben ein Millionenschaden im Kunsthandel, blamierte Galeristen und Experten wie Werner Spies und Auktionshäuser, die mit Klagen zu kämpfen haben. Am Ende wirkte der Täter wie ein galanter Künstler, der die Sympathien der Öffentlichkeit auf seiner Seite hatte.

Ein falscher Kippenberger im Büro

Raum „4222“, hier sitzt René Allonge. Ein gefälschter Kippenberger hängt überm Schreibtisch. Es gibt einen Pott „Behördenkaffee“, starke Bohne. Der Kalender ist etwas für Polizeihumor, das ultimativ neueste Maschinengewehr ist darauf abgebildet. Lange Monate war Allonge nicht zu sprechen. Laufendes Verfahren: sein Berliner Team mit acht Beamten leistete die Hauptarbeit in den Ermittlungen rund um die Machenschaften des Kölner Fälschers und seiner Frau Helene. Der „Maler“ hat über Jahre Millionen mit Kopien von Werken im Stil von Max Ernst, Heinrich Campendonk und Max Pechstein eingesackt. Köln war aktueller Gerichtsort, Berlin leistete Amtshilfe.

LKA 454 in der Hauptstadt stellt die bundesweit beste Spezialabteilung in Sachen Fälschung. Erst seit 2008 gibt es diesen Fachbereich als feste Ermittlungseinheit, vorher war er den „Trickdiebstählen“ angegliedert. Berlins internationale Kunst- und Antiquitätenszene ist gewaltig gewachsen, und wo es Kunst gibt, gibt es auch vielfältige Straftaten, sagt Allonge. Am Büro-Pinnbord hängen Fotos und Kopien der aktuellen als gestohlen oder gefälscht gemeldeten Kunstwerke. Zwei Prunkvasen, Meissner Porzellan, eine undefinierbare Zeichnung, die aus einer Berliner Ausstellung gestohlen wurde. Auf einem Bild sieht man ein amorphes Ding, sieht aus wie ein knautschiger Sitzsack. Das Teil jedenfalls wurde aus einem öffentlichen Bereich entwendet, so landete es in der Abteilung von Allonge. Kann ja nicht alles so spektakulär sein wie in Köln. Allonge ist ehrlich. „Über Kunst lässt sich streiten. Ich muss nicht alles schön finden!“ Aber es kann schon mal sein, dass er sich in ein Gemälde verliebt, „Kunst erzeugt Emotionen“. Im Job setzt der zurückhaltende Familienvater mit der angenehmen Stimme ansonsten auf Nüchternheit.

Die Begehrlichkeiten zum Fälschen sind da, findet er. Der Kunsthandel sei zunehmend zum Geldmarkt geworden, wo früher die klassischen Sammler agierten, tummelten sich heute vermehrt Spekulanten, die auf den reinen Umsatz aus seien. Da der Markt begrenzt und die Nachfrage groß ist, entsteht Druck auf Handel und Experten. „Und genau diese Nische nutzen Fälscher aus“, weiß der 38-jährige Hauptkommissar, der aus Mecklenburg stammt.

"Riechen Sie!"

Beltracchi: 40 Akten, 8000 Seiten haben Allonge und seine Ermittler über die Monate durchgeackert, die Überstunden hat er nicht im Kopf. 53 Fälschungen hat er dabei namhaft gemacht, vierzehn waren Gegenstand der Verhandlungen in Köln. Er ist dabei herumgekommen, Durchsuchung in Andorra, hier hatten die Beltracchis Konten. Genf, die Zollfreilager. Paris, Gespräche mit Galeristen. Hand in Hand mit Dolmetschern gearbeitet und mit Unterstützung der Ermittler des BKA.

Beltracchi, sagt Allonge knapp im Ton, sei kein wirklich guter Fälscher. Über Jahre hätte er eine „Masche“ bedient, die ihm irgendwann zum Verhängnis geworden war.

Kriminologie zum Anfassen: Allonge kommt mit einem Max Pechstein in Öl, eine expressionistische Landschaft, Klassische Moderne. Eine Fälschung. 2001 hatte Beltracchis Ehefrau das kleine Gemälde bei Lempertz in Köln eingeliefert. Über 140.000 Euro kostete es. Der Kommissar hebt uns das Bild unter die Nase. „Riechen Sie!“ Sorry, wir riechen nichts. Frisches Öl kann man schnuppern. Ein Blick auf die Rahmen. Beltracchi hat über Jahre das gleiche Rahmenholz für seine Bilder verwendet, für verschiedene Künstler. Das viel auf. Allonge schaut immer auch auf die Krakeleen, winzige, fürs Auge kaum sichtbare Risse auf der Leinwand, bedingt durch Wölbungen, die nach 20 Jahren entstehen. Keine Risse bei Pechstein! Dann zeigt er auf die winzigen, runden Straßenlaternen. Um gut erkennen zu können, dass sie mit Bleistift vorgezeichnet sind, wäre eine Lupe hilfreich. Allonge hat das Bild mit Infrarotlicht prüfen lassen. „Pechstein hätte das nie nötig gehabt, aber Beltracchi brauchte die Vermessung der Proportionen.“

Falsche Rahmen, falsche Leinwand

Allonge dreht das mit heftigen Pinselstrichen gemalte Landschaftsbild um. „Wer sich die Rückseite nicht anguckt, macht einen Fehler!“ Das klingt fast wie eine Verschwörung. Die hübschen vergilbten Aufkleber, „Flechtheim“ steht auf einem, sehen verdammt echt aus. „Das kriegt man mit Tee hin“. Die auf alt getrimmten Druckvorlagen werden in die Flüssigkeit getaucht, dadurch entsteht die historische Patina. Aber halt, warum schimmert auf der Leinwand hinten das Motive durch? Der Kölner benutzte tatsächlich alte Untergründe. Er rieb die Farbe ab, um darauf neu malen zu können. Schließlich hat ihn die abgeschupperte Baumwolle verraten.

Es gibt Situationen, da kommt der Kripomann nicht weiter mit seinem Wissen, dann steht der Gang zu Experten an; daher hat er gute Kontakte zu Auktionshäusern wie Villa Grisebach. Hier sitzen Kunsthistoriker mit Fachkenntnissen. Stillkritik ist angesagt. Passt beispielsweise der Pechstein zum Gesamtwerk des Künstlers? Zum Duktus, zu den Motiven, zu den Farben?

Als Staatsbeamter möchte er das Kölner Urteil freilich nicht kommentieren. Eigentlich wollte er zur Urteilsverkündung in der Domstadt dabei sein. Das hat er sich dann erspart. Wie Wolfgang Beltracchi lachend, dem Richter dankend, siegesgewiss die Treppe des Gerichts hinab stieg, das, findet Allonge, sei für ihn einfach kein toller Moment gewesen. „Kein gutes Bild für die Gerichtsbarkeit unseres Landes.“

Gibt's eigentlich noch weitere Fälschungen aus dessen Depot? Der Fall ist für Berlin nicht abgeschlossen. Immer wieder tauchen Bilder auf, die Quelle Beltracchi sprudelt also weiter. Allonge bleibt in Habachtstellung. Derzeit seien aber auch andere Betrüger und neue Fälscher unterwegs. Die stehen neuerdings auf Bronzen, die gehen aber nicht an Sammler, sondern in den Schrotthandel. Der muss nun informiert werden.

Eines weiß René Allonge sicher. Der Fall Beltracchi war nicht nur der aufregendste, sondern raffinierteste, allein wie der smarte Kölner mit den langen Haaren sich medial inszenierte. Er sei einer der größten Fälscher der Gegenwart, findet er. Einfach filmreif. Jetzt muss Allonge lachen. „Es soll ja gewisse Projekte geben!“ Vielleicht existiert wirklich schon ein Drehbuch. Spannend genug wäre es.