"Unser Star für Baku"

Singende Mäuse und ein rosa Elefant mit viel Gefühl

"Unser Star für Baku" ist das erste Opfer des Casting-Overkills. Am meisten nerven nicht die schwachen Kandidaten, sondern das neue Live-Voting.

Foto: obs / obs/DPA

Dass der Overkill irgendwann kommen musste, war nun wirklich abzusehen. Gut, der abgelaufene "X-Factor" auf Vox hatte ohnehin nie eine allzu große Fan-Gemeinde, aber mittlerweile gleich drei von großen deutschen Sendern als Event-Show vermarktete Casting-Formate, eins für jeden Tag ab Mittwoch bis einschließlich Samstag: Wer, bitte schön, soll das alles gucken, oder besser: hören?

Das deutlichste Opfer dieser Übersättigung war ProSiebens "Unser Star für Baku", das in der vergangenen Woche gegenüber der Auftaktsendung ein Drittel seines Marktanteils in der jungen Zielgruppe einbüßte und bei gerade noch 10,1% vor sich hin dümpelte.

Die Blitztabelle schlägt nicht ein

Die große Innovation der Show, die hysterisch hochgejubelte Blitztabelle, war offensichtlich nicht nur für die Presse, sondern auch für viele Zuschauer ein Ärgernis – sogar eine Beschwerde bei der Medienanstalt Berlin-Brandenburg liegt bereits vor.

Ein über das Abkassieren mehrfach anrufender Zuschauer hinausgehender Sinn des Live-Votings, das beginnt, sobald sich am Anfang der Show die Kandidaten vorgestellt haben, erschloss sich denn auch in der aktuellen Ausgabe nicht.

Schlimmer noch: Ganz hinten lag zunächst die am stabilsten Gebaute der Kandidatinnen und die einzige Brillenträgerin. Ein Schelm, wer Methode darin erkennen mag.

Der weitere Verlauf glich dann für lange Zeit exakt dem der vorangegangenen Sendung: Wer erst einmal gesungen hatte, kletterte zuverlässig nach oben. Und als auch Roman Lob, der klare Abstimmungs-König der ersten paar Minuten, einen gefühlvollen und stimmsicheren Auftritt mit "Easy" von den Commodores absolviert hatte, sah die Rangfolge ziemlich exakt so aus wie zwei Stunden zuvor.

Für ProSieben führt allerdings kein Weg zurück, und das nicht etwa deshalb, weil die tolle Dauer-Fluktuation der Rangliste gleich mit oben ins Logo von "Unser Star für Baku" eingebaut worden ist.

Schwerer wiegt, dass ohne dieses Alleinstellungsmerkmal noch ein Grund weniger vorliegt, die Sendung überhaupt einzuschalten. Die Kandidaten lieferten zwar dieses Mal durchweg solide Leistungen ab, so richtig vom Hocker reißen wollte aber keine der Darbietungen.

Durchschnittsware jedoch ist in einem so hart umkämpften Gebiet wie dem der Casting-Shows der sichere Weg in den Untergang – vom Eurovision Song Contest, bei dem der schlussendliche Sieger die deutschen Farben vertreten darf, ganz zu schweigen.

Einheitsbrei statt unterhaltsamem Stuss

Auch der Jury schienen auf dem Weg von der vergangenen in die aktuelle Sendung sämtliche Ecken und Kanten abhanden gekommen zu sein. Weder schwafelte Thomas D gefühligen, aber höchst unterhaltsamen Stuss vor sich hin, noch blitzte die Fachkompetenz von Stefan Raab und Frida-Gold-Sängerin Alina Süggeler so richtig auf.

Den Auftritt der zierlichen Ornella de Santis mit "I Want You Back" von den Jackson Five etwa, deren Stimme Raab schon mit der eines singenden Mäusleins aus dem Zeichentrickfilm "Feivel, der Mauswanderer" verglichen hatte, fand der Juror diesmal "irgendwie gut". Aha.

Noch nicht einmal die Pseudo-Kurzinterviews, die Moderatorin Sandra Rieß direkt nach dem Auftritt mit dem jeweiligen Kandidaten führen musste, wollten so herrlich bekloppt ausfallen wie in der Vergangenheit.

Zwar haute Rieß immer noch Fragen vom Kaliber "Wie war’s denn letzte Woche in der Schule?" heraus, aber die Momente stiller Peinlichkeit waren kurz und selten. Und fürs Fremdschämen ist im Moment ja sowieso RTL mit dem Dschungelcamp zuständig.

Ohne echte Höhepunkte zog sich die Show also gewaltig in die Länge, was nichts Gutes für die anstehenden Folgen erwarten lässt. Leonie Burgmer, die Dame mit der Brille, interpretierte "I Love Your Smile" von Charlie Winston schräg, aber durchaus faszinierend, irgendwo zwischen Lena Meyer-Landrut und Björk – und wurde kurz vor Ende, als das Ranking tatsächlich noch einmal in Bewegung geriet, zielsicher herausgewählt.

"Das ist kein reiner Gesangswettbewerb hier", hatte Thomas D ihr noch mit auf den Weg gegeben. Nö: Auch die voluminöse Soul-Röhre Rachel Scharnberg, ihre Leidensgenossin von Minute eins an, flog aus dem Wettbewerb.

Zwei Kandidaten geben Anlass zur Hoffnung

Damit hat sich die Zahl der Kandidaten auf acht reduziert, von denen nur noch zwei berechtigte Hoffnungen wecken, zu mehr als weichgespültem Tralala in der Lage zu sein.

Sebastian Dey aus Oberhausen übt den reichlich alltäglichen Beruf des Altenpflegers aus, was aber im glitzernden Kosmos der Superstarshows alleine schon so fern und seltsam zu sein scheint, als stünde ein rosa Elefant auf der Bühne. Er sang mit Schneid, Gefühl und Eigensinn das Stück "Amnesie", das er mit seiner Band selbst geschrieben hatte.

Und Shelly Philips warf dem Publikum ein so schmachtendes wie rau-abweisendes "Fuck You" frei nach dem Song von Cee Lo Green entgegen. Das kam zu Recht an – aber es ist zu wenig, viel zu wenig für ein Format, das schon vor der Halbzeit seinen ohnehin recht niedrigen Zenit überschritten hat.