Kinogeschichte

Kodaks Pleite bereitet das Ende des Zelluloidfilms

Die Farbe des Kinos war Kodak. Doch mit dem Insolvenzantrag der Firma fällt die letzte Zuflucht der Analog-Fundis. Der Digitalkamera gehört die Zukunft.

Foto: picture-alliance / dpa

Als in Hollywood 1947 der Regisseur Ernst Lubitsch zu Grabe getragen wurde, versicherten sich zwei berühmte Kollegen gegenseitig ihrer Trauer. Billy Wilder brachte es gegenüber William Wyler auf den Punkt: „Kein Lubitsch mehr.“ – „Es ist ja noch schlimmer“, antwortete Wyler. „Keine Lubitschfilme mehr!“

Nun hat Kodak Insolvenz angemeldet, und bald könnte es heißen: keine Kodakfilme mehr. Und das wiederum bedeutet nicht weniger als das Ende des Zelluloidfilms. Zwar schwindet weltweit die Anzahl der Regisseure, die noch analog drehen, doch wer sich doch noch für diese Kameraarbeit entschied, kam bislang um die gelbrot beklebten Dosen kaum herum. Nur das japanische Fuji-Material bot eine Alternative.

Für den französischen Filmemacher Jean-Jacques Annaud, der unter anderem sein berühmtes Klosterdrama „Der Name der Rose“ auf Kodak fotografierte, kam die Nachricht am Freitag nicht überraschend. „Es ist interessant, was mit Kodak passierte. Vor sechs oder sieben Jahren war ich der erste, der in Europa einen Film mit HD-Digitalkameras gedreht hat, es war diese Tigergeschichte, ,Zwei Brüder’“, erinnerte er sich gegenüber „Morgenpost Online“. „Was schlug mir da nicht alles an Ablehnung entgegen: Das ist kein Film, das Video. Damals musste ich meine Mitarbeiter mühevoll überzeugen, dass das die Zukunft wäre. Und was ich nicht begreife, ist dass so berühmte Firmen wie Kodak und Leica das nicht gesehen haben. Sie wurden überrollt von einer Welle, von einem Tsunami. Und weg sind sie.“

Annaud erzählt das Ende des führenden Filmfabrikanten des 20. Jahrhunderts wie ein großes Drama, in dem Hochmut vor dem Fall gekommen sei: „Dabei hat Kodak doch sogar die erste Digitalkamera erfunden. Aber sie vertrauten ihrer eigenen Erfindung nicht. So wie Polaroid: Was war das nicht für eine fantastische Erfindung. Aber die Firma war blind, dafür, wie schnell sich die Leute dafür entschieden, ihre Fotos am Computer auszudrucken. Kodak hat die Kameraleute so stark beeinflusst gegen die Digitaltechnik, dass sich noch vor fünf Jahren viele große Bildgestalter weigerten, sie auch nur anzufassen. Ich musste Robert Fraisse, meinen Kameramann von ,Duell – Enemy at the Gates', feuern. ‚Das ist doch Video’, sagte er mir, das fasse ich nicht an.“

Dennoch hatte auch Annaud bei seinem jüngsten Film dem Wüstendrama „Black Gold“ noch Kodak-Rollen im Gepäck. Und er konnte sie brauchen: Die Digitalkameras kollabierten der Reihe nach in den Sandstürmen. „Film ist dagegen so ein alter Mechanismus, fast unzerstörbar. Man braucht auch keine Kabel, und so hat uns die altmodische Technik gerettet.“

1888 brachte George Eastman Kodak No. 1 auf den Markt

Die Geschichte des Films wäre undenkbar ohne durch den vom Gründer des Unternehmens, George Eastman, produzierten Rollfilm auf Zelluloidbasis, dessen Breite mit 35mm noch heute die gleiche ist wie seit den Tagen der ersten Filmvorführungen der Brüder Lumière. Bereits 1888 hatte Eastmans Kodak Company die legendäre Fotokamera Kodak No. 1 auf den Markt gebracht. Zwar hatte der Unternehmer den Zelluloidfilm nicht erfunden, doch seinem Marketinggeschick allein verdankt sich sein weltweiter Erfolg.

Hatte der Preis für eine Fotokamera 1888 noch mit 25 Dollar den Monatslohn eines Fabrikarbeiters betragen, fiel er bis 1900 auf einen Dollar. Die plötzliche Erschwinglichkeit der Fotografie passte zu den sozialen Ideen Eastmans, der seinen Mitarbeitern als erster US-Unternehmer weitreichende Rentenansprüche und eine Lebensversicherung garantierte. Als Mäzen gründete er die Eastman School of Music, hinterließ eine bedeutende Kunstsammlung, und sein Wohnhaus in Rochester ist heute Sitz eines der bedeutendsten Foto- und Filmmuseen der Welt.

"Meine Arbeit ist getan. Warum noch warten?"

Wann immer um den Erhalt des Filmerbes gerungen wird, neue Techniken erprobt werden um den Zerfall des Zelluloidfilms aufzuhalten, führt kein Weg vorbei am George Eastman House. Es ist die weltweit führende Einrichtung zur Filmrestaurierung.

Als George Eastman 1932 unheilbar erkrankte, beendete er selbst sein Leben. „Meine Arbeit ist getan. Warum noch warten?“, lautete seine knappe Abschiedsnachricht.

Die nächste wichtige Innovation Kodaks folgte nur drei Jahre später. Mit der Einführung des ersten wirklich praktikablen Farbfilms für den Massenmarkt veränderte Kodak 1935 die fotografische Erfassung der Wirklichkeit für immer. Zunächst als 8mm-Schmalfilm für Amateurfilmkameras vermarktet, wurde der bald für seine tiefen, leuchtenden Farben berühmte Kodachrome-Film bald in allen gebräuchlichen Formaten angeboten.

Schon in den ersten Jahren seiner Verbreitung löste man auch das entscheidende Problem vieler früherer Verfahren, den schnellen Verfall der Farben. Noch heute sehen viele Kodachrome- und Ektachrome-Dias aus den späten Dreißiger Jahren so aus wie am ersten Tag.

Zu den erstaunlichsten Dokumenten der frühen Kodachrome-Fotografie zählen die dokumentarischen Fotoserien der Farm Security Administration, der US-amerikanischen Regierungsbehörde für die Situation der Landwirtschaft. Roy Stryker, der Leiter der FSA-Fotoabteilung, entsandte seine Meisterfotografen wie Arthur Rothstein, Russell Lee oder Andreas Feiniger bald nicht nur mit Schwarzweißfilm in die ländlichen Gebiete.

So entstanden nicht weniger 164.000 Farbfotos, die heute in der Library of Congress verwahrt werden. Und selbst bei der Befreiung der Konzentrationslager hatten viele US-Armeekameraleute Kodachrome-Rollen im Gepäck. Den Befehlshabern ging es dabei um die Beweiskraft des Materials.

Die ganze sichtbare Welt zu erfassen

Auch wenn es noch lange dauern sollte, bis sich in der dokumentarischen Fotografie die Farbe durchsetzen sollte: Seit 1935 hatte Kodachrome jedermann die Möglichkeit eröffnet, die sichtbare Welt in ihrem gesamten farbigem Spektrum zu erfassen. Die Tatsache, dass viele Fotografen das Material eher zur ästhetischen Überhöhung einsetzten als zur adäquaten Abbildung von Realität wurde freilich forciert durch eine immanente Schönheit des Materials. Paul Simon besang sie 1975 in „Kodachrome“: „Sie geben Dir diese netten, leuchtenden Farben, die dich glauben lassen, die ganze Welt sei ein Sonnentag.“

In der Kunstfotografie dauerte es bis in die Siebzigerjahre, bis Fotokünstler wie William Eggleston eine eigene Farbästhetik durchsetzen konnten, die etwas anderes im Sinn hatte als die Verschönerung der Wirklichkeit. Für das einzigartige Dye-Transfer-Verfahren, das Egglestons Farbfotos auf dem Papier zum Leuchten brachte, war wiederum Kodak verantwortlich. Bereits 1994 stellte die Firma freilich die Produktion der Materialien ein.

Heute rühren Liebhaber und Spezialunternehmen ihre eigenen Chemikalien zusammen, um ähnliche Resultate zu erzielen. Vielleicht wird es auch weiterhin Hersteller von 35mm-Filmmaterial für Filmproduktionen geben. Doch mit der Vision des George Eastman ist es nun endgültig vorbei. Der Zelluloidfilm wird nie mehr eine Kunst für die Masse sein.

Die Wirklichkeit ist nicht schwarzweiß: Mit solchen Fotos ließ die US-Regierung in den Dreißigern und Vierzigern das Leben auf dem Land dokumentieren.