Rechtsextreme Szene

Auch Nazis haben Sex und sehnen sich nach Liebe

Der Spielfilm "Kriegerin" ist das fiktive Porträt einer jungen Rechtsextremen in Ostdeutschland. Sein Problem: Die Wirklichkeit hat ihn eingeholt.

Die menschliche Vorstellungskraft ist nicht immer ein guter Ratgeber, um die Wirklichkeit zu verstehen. Man kann sich alles Mögliche ausmalen. Und alles Mögliche nicht. Irgendwo dazwischen spielt normalerweise das, was man im Kino sieht.

Doch manchmal wird die Fiktion von der Wirklichkeit eingeholt, gar überholt. Und dann lässt sich die Fiktion nicht mehr betrachten, ohne dass die Vorstellungskraft ständig den Abstand zwischen der Leinwand und der Welt draußen wegzudenken, auszufüllen versucht.

Auf dem Brustbein prangt das Hakenkreuz

Ein junger Mann hat Sex mit einer jungen Frau. Gerade zwanzig Jahre ist das Mädchen alt. Es hat eine schmale, fast jungenhafte Gestalt und sitzt auf dem grobschlächtigen Mann. Die Bewegungen der beiden sind verkrampft, man glaubt in ihren Gesichtern nicht bloß Lust zu erkennen, sondern auch eine verzweifelte Sehnsucht nach einer Zärtlichkeit, die sie einander nicht schenken können.

Weil sie gar nicht wissen, was das ist: Liebe. Ihre Körper sind übersät von Tätowierungen, auf dem Brustbein des Mädchens prangt, schwarz und bedrohlich, ein Hakenkreuz, flankiert von den Schwingen des Reichsadlers.

Als der junge Mann endlich gekommen ist, lässt das Mädchen ihren Freund liegen und geht in die Küche, wo die Mutter steht und sich angewidert abwendet, als die Tochter sie umarmen will. Dann stürmt ein Sondereinsatzkommando das Haus und überwältigt den Nackten im Bett, er ist ein rechtsextremer Gewalttäter. Für die junge Frau interessiert sich die Polizei nicht. Sie ist ja eine Frau.

Die Sexszene gibt Sehnsüchte wieder

Der Kinofilm „Kriegerin“ handelt von einer, deren Sorte man gewöhnlich Nazibraut nennt; von Jugend in Ostdeutschland überhaupt, von Gewalt und Gesinnung, einer bestimmten, rechtsextremen: wo sie herkommt, was sie mit Menschen macht, gerade mit Frauen, und wo sie endet, enden kann.

Der Drehbuchautor und Regisseur David Wnendt, dessen Spielfilmdebüt „Kriegerin“ ist, hat dafür in Ostdeutschland recherchiert. Er hat mit Frauen aus der rechtsextremen Szene gesprochen und zunächst damit geliebäugelt, einen Dokumentarfilm zu machen. Wnendt hat sich am Ende gegen die abgefilmte Wirklichkeit und für die recherchierte Fiktion entschieden. Nachdem klar war, dass die Frauen sich im Alltag nicht mit der Kamera begleiten lassen würden.

Doch diese vollkommen ausgedachte Sexszene früh im Film ist bedeutsam. Weil sie etwas erzählt über die Sehnsüchte ihrer Hauptfigur, ohne dass diese Sehnsüchte als Begründung oder gar Entschuldigung für ihr Dasein herhalten würden, für ihren Rassismus und ihre Brutalität.

Das Zwickauer Trio ist allgegenwärtig

In ihnen spiegelt sich die vage Hoffnung dieses Films, dass am Ende eine Ideologie einen Menschen vielleicht nicht so weit verblenden könne, dass da nicht doch ein Rest unberührt bliebe: ein letzter Vorrat an Gefühlen, an so etwas wie universeller Menschlichkeit.

Doch man kann diese rasende Marisa, die hasst und säuft und zuschlägt und am Ende doch etwas zutiefst Menschliches tut, jetzt nicht mehr betrachten, ohne an Beate Zschäpe zu denken . Die mutmaßliche Rechtsterroristin, die Frau der Zwickauer Zelle, über die man nichts weiß, weil sie schweigt , und sich doch alles Mögliche ausmalt.

David Wnendt und seine Hauptdarstellerin Alina Levshin konnten, als sie ihren Film drehten, nichts von der Existenz Zschäpes wissen. Als das Zwickauer Trio im November aufflog, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sich töteten und Zschäpe sich der Polizei stellte, war der Kinostart von „Kriegerin“ längst terminiert. Dieser Film ist also nicht „Der Baader Meinhof Komplex“ des neuen deutschen Rechtsterrorismus, und doch wird „Kriegerin“ nun eine völlig andere Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Ob „Kriegerin“ als Spielfilm dieser Aufmerksamkeit standhalten kann, ist eine andere Frage. Wnendt lässt keinen Erklärungsversuch aus. Er zeigt die Perspektivlosigkeit der ostdeutschen Provinz. Er zeigt die Abwesenheit von Liebe und die Abwesenheit von positiven Leitfiguren, vor allem der Väter.

Er zeigt die oft übersehene Rolle der Großväter, die von zwei Diktaturen geprägt wurden und nie in der Demokratie ankamen. Er zeigt die Sehnsucht der Jugendlichen, dazugehören zu wollen, und den Gruppendruck: Entweder du bist rechts. Oder du bist nichts.

Die rechte Gesinnung bleibt ein Rätsel

Und Alina Levshin entwickelt als Marisa eine erstaunliche Kraft und Härte, eine einschüchternde physische Präsenz. Es ist nach Dominik Grafs Serie „Im Angesicht des Verbrechens“, in der Levshin als ukrainische Zwangsprostituierte zu sehen war, ihre zweite auch körperlich extreme Hauptrolle.

Mehr noch als ihr offenkundiger Wagemut beeindruckt aber, wie klug Levshin diese hochnervöse, kaputte, letztlich verlorene Figur spielt, manchmal fast etwas zu klug für eine Schlägerin. Doch die Grenzen der Fiktion verlaufen dort, wo die menschliche Vorstellungskraft nicht mehr weiterhilft, wo jede Erklärung zu kurz greift. Wo es um das ewige Rätsel geht, warum Menschen unmenschlich werden.