"Unser Star für Baku"

Voting-Spielchen, schräge Töne, Backstage-Stammeln

In der zweiten Folge von "Unser Star für Baku" ließen die Gesangseinlagen zu wünschen übrig. Und Raabs neue Blitztabelle hilft vor allem den Finanzen des Senders.

Man kennt das Phänomen ja von bockigen Kindern: „Ich bin nicht müde!“ murmeln die Kleinen noch in der Sekunde, in der ihnen schon die Augen zufallen. Es gilt also, das Schlimmste zu befürchten, wenn Moderatoren und Jury einer Casting-Show schon vor dem ersten gesungenen Ton das Wort „spannend“ so oft in den Mund nehmen, dass der Zuschauer sich vorkommt wie im Theorieteil einer Elektriker-Fortbildung.

„Die spannendste Abstimmung der TV-Geschichte“ kündigte Steven Gätjen bescheiden an, seine Kollegin Sandra Rieß fragte den Jury-Chef Thomas D, ob er es sich denn „etwas weniger spannend als letzte Woche“ wünsche, und gab die Antwort wenig später gleich selbst mit der Feststellung:

„Es wird mindestens so spannend wie letzte Woche“ – als Stefan Raab neben dem Glatzenträger Thomas D und der ratzekurzhaarigen Sängerin Alina Süggeler der „einzige Juror war, der sich die Haare raufen konnte“.

Grund der ganzen Aufregung war natürlich einmal mehr die „Blitztabelle“, das Alleinstellungsmerkmal von „Unser Star für Baku“, das die Sendung von der harten Konkurrenz von „Deutschland sucht den Superstar“ und „The Voice of Germany“ abgrenzen soll.

Die Kandidaten, von denen einer schließlich Deutschland beim Eurovision Song Contest vertreten darf, stellen sich alle zu Beginn kurz vor, die Leitungen zur Abstimmung werden sofort geöffnet, am Ende gibt es einen Countdown der letzten fünf Minuten vor deren Schließung.

Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg hat nach der Ausstrahlung der ersten Folge gar ein Prüfverfahren eingeleitet, da die ständig sichtbaren Zwischenstände laut einer bei der Behörde eingereichten Beschwerde enormen Zeitdruck aufbauten.

Sinnlose Kletterspielchen auf der Blitztabelle

Zunächst bewies der Ablauf des Telefon-Votings freilich eher die Sinnlosigkeit dieser Blitztabelle. Denn mit schöner Regelmäßigkeit kletterten die Kandidaten nach ihrem Auftritt in der Rangfolge nach oben und wurden mit zunehmender Wartezeit wieder nach unten durchgereicht.

Spannend ist diese Form der Abstimmung weniger für die Zuschauer als vor allem für die Buchhalter von ProSieben, weil viele Anrufer offensichtlich mehrfach zum Hörer greifen – und der Sender verdient jedes Mal mit.

Die Lehramtsstudentin Vera Reissmüller war eine der wenigen Ausnahmen, die der Regel trotzten. Mit ihrem breit ausgestellten schwäbischen Dialekt eroberte sie sofort die Herzen der Zuschauer, sie setzte sich nach der Vorstellung der Kandidaten auf den ersten Platz und absolvierte daher, so das Reglement, als letzte ihren Auftritt – dennoch hielt sie sich auch bis dahin erstaunlich lange in der Spitzengruppe.

Ob ihr regionales „Schnäuzle“ nun eiskalte Kalkulation war oder Zeichen sympathischer Bodenständigkeit – man wird es nicht mehr herausfinden können.

Denn in den letzten Minuten der Abstimmung rutschte Reissmüller, die mit „Fooled Me Again“ von Lady Gaga durchaus ein gesangliches Ausrufezeichen gesetzt hatte, noch vom scheinbar sicheren zweiten auf den bitteren sechsten Platz ab – und nur die besten fünf von zehn Kandidaten schaffen es in die nächste Runde.

Jury konnte den Willen des Publikums effektiv steuern

Dieser Absturz war die einzige wirkliche Überraschung des Votings, die nahelegte, dass die Zahl der Anrufe tatsächlich kurz vor Schließung der Leitungen noch einmal explodierte. Die Mehrzahl dieser Stimmen entfiel, einer kurzfristigen Empfehlung von Thomas D folgend, auf die Kölner Soul-Röhre Rachel Scharnberg und katapultierte diese aus dem bedrohlichen Mittelfeld gar noch auf den Spitzenrang.

Zuvor hatte der Jurypräsident schon festgestellt: „In Rachel wohnt eine ganz alte Seele.“ Nahezu jedem anderen Teilnehmer attestierte er „Tiefe“ und zu Yana Gercke, der Schwester von Deutschlands erstem gecasteten „Germany’s Next Topmodel“ Lena, fiel ihm ein: „Sie ist eine Knospe, und wenn sie zu blühen anfängt, wird der ganze Raum in ihrer Farbe erstrahlen.“

Das war dem hörbar erheiterten Saalpublikum dann doch ein wenig zu viel des blumigen Geschwätzes.

Von Thomas D jedenfalls, dem unangepassten Kommunarden, hätte man Originelleres erwartet als solch esoterisch verbrämte Gefühlsäußerungen – auch wenn sie womöglich bewusst ironisch-überzogen formuliert waren. Zumal Raab und Süggeler sich durchaus fundiert, teilweise gar kritisch äußerten.

„Ein bisschen affektiert“ fand die Frontfrau der Deutschpop-Band Frida Gold den Auftritt des Altenpflegers Sebastian Dey, der es aber ebenso in die nächste Runde schaffte wie Ornella de Santis, der Raab große Fähigkeiten beim „Umstieg von Brust- auf Kopfstimme und beim Einsatz des Vibratos“ bescheinigte.

Momente des Authentischen hinter den Kulissen

Das Niveau der Darbietungen konnte allerdings weder mit den Halbprofis aus „The Voice of Germany“ noch mit den Liveshows der vergangenen „DSDS“-Staffeln mithalten. So gab es neben ein paar dünnen Stimmchen auch noch einige verhaute Töne zu hören. Vielleicht sollte „Unser Star für Baku“ daher auf etwas anderes stolz sein als auf seine Sänger oder die tolle Blitztabelle.

Denn es machte mit Abstand den meisten Spaß zu sehen, wie die frisch von der Bühne kommenden Kandidaten hinter den Kulissen Sandra Rieß mit deren teils dümmlichen Fragen auflaufen ließen. Ob es denn in Werther die Karamelbonbons noch gebe, fragte Rieß den aus dem Ort stammenden Umut Anil, der mit einer verschmusten Version von Paula Abduls „Straight Up“ erfolgreich war. „Keine Ahnung, weiß ich nicht.“

Tina Sander aus Bremen sollte sich zu Raabs Lob ihrer stimmlichen Varianz äußern. „Theorie ist nicht so mein Ding, ich hoffe, das ist ok“, antwortete die Gesangsstudentin. Und der 19-jährigen Polly Zeiler, die unverdientermaßen trotz der tiefen, kraftvollen, variablen Stimme, mit der sie Bruno Mars‘ „Grenade“ abfeuerte, den letzten Platz belegte, war backstage kaum mehr als ein Stammeln zu entlocken.

Diese Momente des Authentischen in der Plastikwelt der Casting-Shows machen „Unser Star für Baku“ alleine schon sehenswert.