Modedesigner

Harald Glööckler - Der Mann für die Problemzone

Die Leute auf der Fashion Week nehmen Harald Glööckler nicht ernst. Doch wer auf 1400 Quadratmetern Unter den Linden wohnen kann, den stört so etwas nicht. Der Erfolg des Mode-Prinzen verrät auch eine Menge über Berlin. Ein Hausbesuch.

Foto: Reto Klar

Wer vor dem riesigen Haus Ecke Friedrichstraße / Unter den Linden steht, der wird die richtige Klingel zuerst nicht finden. Glööckler steht nirgendwo. Einfach mal drauflos drücken, wird schon jemand aufmachen. Ein Anzug tragender Sicherheitsmann geht zum Rauchen vor die Tür. Wenig später steigt man dann aus einem Aufzug und steht vor einem Empfang mit viel mattem, türkisen Glas und weißem Holz. Die Empfänge sehen heute alle so aus, so unterkühlt neutral wie beim Zahnarzt. Auf einem Riesen-Flatscreen sausen die Nachrichten vorbei. Die Empfangsdame ist gut informiert. Sie habe den Besuch bereits erwartet. Frau Nelle sei gleich da. Mit ihr geht es dann zu einem anderen Fahrstuhl und los geht's.

Jede Frau ist bei ihm eine Prinzessin

Im nächsten Augenblick betritt man also den Elfenbeinturm des Modemachers Harald Glööckler. In dem mehr-etagigen Penthouse stehen in den Vasen riesige Blumenbouquets, es riecht nach Weihrauch, zwei goldene Panther flankieren den Fernseher, ein Silber-Krokodil liegt auf dem Tisch. Nach ein paar Minuten kommt „Herr Glööckler“, wie er von sich selber mit Freude in der dritten Person spricht. Ganz in schwarz. Es glitzert überall an ihm. Seine aufgespritzten Lippen sind lila angemalt, die Tasche in der rechten Armbeuge führt er wie ein Model spazieren.

Und das ist jetzt kein Witz, keine Ironie, kein doppelter Boden, Harald Glööckler ist sehr männlich. Seine Hände sind Pranken. Er hat eine Löwenbrust, wahnsinnig breit, dicke Oberarme, er ist viel größer, als man es aus dem Fernsehen vermutet. Unter der hautengen Kleidung, alles von Glööckler natürlich, kann man erahnen, was für einen Körper er haben muss. 140 Kilo drückt er im Studio. Im Trainingsanzug und ungeschminkt würde fast jeder vor Respekt vor ihm an einem U-Bahnhof auf den Boden schauen. Die schwere Silberkette um den linken Arm wiegt bestimmt zwei Pfund.

Dabei gibt sich Glööckler im Shopping-Sender QVC so herrlich gockelig, wie eine Tunten-Parodie. Wenn er mit Riesen-Gesten den „Pompöös Hosenanzug mit edler Ansteckblüte“ anpreist, der von 199 auf 69 Euro herabgesetzt ist. „Da wird der rote Teppich ausgelegt, weil ein Star kommt, Sie nämlich!“, das schreit er den Hausfrauen vor den Fernsehern zu. 5000 Stück verkauft er von seinen Hosenanzügen pro Sendung. Glööckler, dessen Nachname in Wahrheit ein ö weniger hat, ist sehr erfolgreich. Im englischen Fernsehen kennt man ihn als „German Prince Of Fashion“, von Vox ließ er sich beim Umzug filmen. Bei „Let's Dance“ saß er in der Jury.

Glööckler ist ein geschickter Stratege, der zusammen mit seinem Lebenspartner und Manager Dieter Schroth aus einem Provinz-Jeans-Laden in Schwaben einen Millionen-Konzern gemacht hat. Einer, zu dessen Fashion-Shows Brigitte Nielsen und Gina Lollobrigida kommen. Und das, obwohl er bei der Kette bonprix die Leoparden-Pumps für 34,99 Euro wie der billige Jakob raushaut. Sein Motto lautet: „Jede Frau ist eine Prinzessin“ Was nach kalkulierter Strategie klingt, die auch etwas kräftigeren Damen sagt, ihr seid wer, ist in Wahrheit Bewältigung. Während seiner Kindheit im baden-württembergischen Maulbronn-Zaiserweiher muss er mit ansehen, wie ein saufender Vater die Mutter vermöbelt, sie am Ende die Treppe runterschubst. Ein Unfall soll das offiziell gewesen sein. Die Mutter, das war seine Prinzessin, schön, emanzipiert, eine Frau mit Klasse. Die scheint durch seine Mode weiterzuleben, zumindest hat er ihr damit ein Denkmal gesetzt.

Herr Glööckler ist ein Super-Gastgeber. Die Apfelschorle im Weißweinglas ist kühl, sehr fruchtig, genau richtig. Wie er so durch die einzelnen Zimmer führt, kommt man ganz ungezwungen ins Plaudern. Da steht eine römische Chaiselounge im Gästezimmer, nur die Palmwedler fehlen. Zwischen Sätzen macht er gerne ein Kunst-Hüsteln, bei dem er in kleinen Stößen Luft rausdrückt. Das Geräusch kennt man von nicht anspringen wollenden Benzin-Rasenmähern.

Dafür, dass er den Tag zuvor seine eigene bonprix-Show im Felix unter dem Adlon hatte, sind die Augen des Modemachers weit offen und klar. Glööckler trinkt in Maßen. Nach drei Gläsern Champagner ist aber Schluss. Glööckler ist ein Kontrollfreak. Er will immer Herr seiner Sinne sein, zu jeder Zeit seiner Show wissen, wann was passiert. Mit seinem Partner ist er mehr als 20 Jahre zusammen. Glööckler schwärmt von den vielen Prominenten, die bei ihm auf den Stühlen saßen. Sarah Knappik, Ute und Bernard Brink, Gitta Sax, das GZSZ-Paar Sila Sahin und Jörn Schlönvoigt. „Die saßen da wie Hollywood-Diven. Hüstel.“, sagt er und träumt sich woanders hin. Er ist wirklich stolz, wie die sich für ihn aufbrezeln. Wenn er Aufmerksamkeit bekommt, dann geht sein Herz auf, er scheint für nichts anderes zu leben. Vielleicht weiß er, dass GZSZ nicht Hollywood ist, dass Brink kein Popstar, Sarah Knappik kein – ja was eigentlich? – ist. Doch in seinem Märchenland kann jeder Prinzessin sein.

Am Phänomen Glööckler kann man das Prinzip Berlin auf einen Blick verstehen und begreifen, warum hier doch einige Erfolg haben und nicht nur irgendwas mit Kunst und Mode machen wollen. Die, die zu bunt für die Provinz waren, fliehen in die Hauptstadt. Und weil das Kerle wie Glööckler sind, die mit ihrer Crazyness bei Galerie-Eröffnungen zwar nur String und durchsichtiges Kaftan tragen, trotzdem aber schwäbischen Fleiß oder bayerische Genauigkeit mitbringen, funktioniert das auch. Letzteres imponiert wieder den Frauen, die seine Kleider kaufen und sagen: Mensch, der ist ja total fleißig, dann darf der auch verrückt sein. In Wahrheit hätte doch jeder gerne so einen kleinen Prinzen, der einen umgarnend einkleidet, für den es keine Problemzonen, sondern nur pompööse Stellen gibt. Und dieser Prinz macht Mode für Menschen, die von der Fashion Week noch nicht mal träumen, in einer Zeit, in der Freak und Spießer Hand in Hand gehen, in der Biedermeier, Barock und Berghain ganz selbstverständlich nebeneinander existieren.

Klimpern mit den Riesenringen

Mit der Modemesse hat der Designer fast nichts zu tun. Durch den Umzug ist die Schau jetzt direkt vor seiner Tür. Vom Wintergarten, der die oberste Etage wie ein Glasgürtel umgibt, schaut er direkt auf das Geschehen herab. Zwischen goldenen Engeln steht Glööckler förmlich über den Dingen, über der Welt, dem Leben da unten. Für die „Bild“ berichtet er dieses Jahr von drei Shows. Das ist auch gar nicht seine Welt, eigentlich. Die Leute da nehmen ihn nicht ernst. Weil er ja nur Ramsch verkaufe, sagen die. Ihm egal. Wer auf 1400 Quadratmeter Unter den Linden wohnen kann, den stört so etwas nicht.

Glööckler geht nicht so gerne aus, er bleibt lieber daheim. Da hängt er als Louis IV übergroß gemalt als Ölgemälde an der Wand, gibt sich selber Rückendeckung, und wenn es mal schwierig wird, reitet er als Porzellan-Napoleon einfach in den Krieg. Da steht wirklich eine Plastik mit seinem Kopf auf Bonapartes Schultern, an das Bild von Jacques-Louis-David angelehnt. Glööckler sitzt auf einem Pferd, der rote Mantel weht im Wind.

Die Zeit wird langsam knapp. Ein Foto muss noch gemacht werden. Geplant war eine Stunde, jetzt sitzen wir schon fast zwei beisammen. Noch einmal Odol in den Mund gesprüht und kurz in den Spiegel geschaut, aber mal ehrlich, man hätte mehr von ihm erwartet. Dann setzt er sich hin, auf einen barocken Stuhl mit Engelsflügeln und noch auf ein weißes Sofa, und posiert wie das nur ein Harald Glööckler kann. Pfauen schlagen Räder, Harald klimpert mit den Riesen-Ringen. Jetzt hat er wieder die Maske auf, die er vorhin mit dem Hüsteln abgelegt hatte.