Auf Tour

Als Bruce Springsteen über einen Massenmörder sang

Vom Kontrollfreak zum Idol: Bruce Springsteen legte vor 30 Jahren sein Meisterwerk "Nebraska" vor. 2012 ist er wieder auf großer Tournee – auch in Deutschland.

Es war kalt im Januar 1982 in Colts Neck, New Jersey, wo Bruce Springsteen in einem kleinen Holzhaus wohnte. Das Haus war karg möbliert: ein Tisch, ein Sessel, ein paar Stühle und ein Bett, das er nur selten brauchte, denn er war fast immer auf Tournee.

Sein letztes Album, "The River" von 1980, war eine erste Nummer-eins-Platte; "Born To Run" hatte es nur bis Platz zwei gebracht. Springsteen brauchte neue Songs, und er hatte ein paar Ideen skizziert – in einem Notizbuch, auf dessen Umschlag Snoopy von den "Peanuts" zu sehen war.

Lieder über aufrechte Proletarier

Um die Arbeit mit seiner Band zu erleichtern, hatte der Musiker kürzlich ein Cassetten-Aufnahmegerät mit vier Spuren gekauft: das TEAC Tascam Series 144. So konnte er daheim Demos anfertigen, indem er Gitarre und Mundharmonika spielte und sang.

Ein paar der neuen Stücke handelten wieder von Autos und Straßen, eines hieß "Pink Cadillac", ein anderes "Working On The Highway", und sie erzählten vom aufrechten Proletarier, der tagsüber inmitten von Teerdämpfen den Vorschlaghammer schwingt, dabei ein flottes Lied auf den Lippen hat und davon träumt, dass er einmal dieses pinkfarbene Automobil fahren wird.

Ein anderer Song aber trug den Titel "Born In The U.S.A." und handelte von einem Veteran des Vietnamkriegs , der seit zehn Jahren keine Arbeit findet und wie betäubt durchs Leben taumelt. Den Titel hatte Springsteen auf dem Deckblatt eines Drehbuches gelesen, das ihm der Filmregisseur Paul Schrader geschickt hatte, weil er Interesse am Schauspiel signalisierte.

Der "Junge aus Jersey"

Später sagte Schrader: "Es ist offenkundig, dass Springsteen kein Schauspieler sein kann, weil er ein Kontrollfreak ist. Beim Spielen geht es ja darum, die Kontrolle zu verlieren." Der Songtitel wurde 1984 ein Albumtitel, und Springsteen bedankte sich auf der Plattenhülle bei Paul Schrader – ohne allerdings zu erwähnen, dass er den Titel gestohlen hatte.

Schraders Film hieß dann "Light Of Day" und wurde ein furchtbarer Flop; Springsteen hatte dem Regisseur einen schwächeren Song dafür geschenkt. "Born In The U.S.A." erschien auf dem Album als wuchtiger Rocksong mit Gebrüll und monströsem Schlagzeug und klang wie ein Ruf zu den Waffen; Ronald Reagan verstand ihn gründlich falsch und äußerte sich lobend über den "Jungen aus Jersey".

Die ursprüngliche Version von Colts Neck, 1982, ist ein Rockabilly-Song mit viel Hall und all den Gespenstern, die das Lied bevölkern: "Sent me off to a foreign land/ To go and kill the yellow man."

Einsame Nachtfahrten auf der Autobahn

In seinem Holzhaus schrammelte Springsteen weitere Songs auf der Gitarre. In seiner Kladde stand ",Badlands’ ausleihen!" - Terrence Malicks Film von 1973, in dem Martin Sheen und Sissy Spacek ein mörderisches Liebespaar spielen. Daraus wurde "Nebraska" : Der Songschreiber erzählt in der ersten Person Singular von einem Killer, der zehn Menschen umgebracht hat und auf den elektrischen Stuhl wartet.

Am Ende sagt er: "Well, Sir, I guess there’s just a meanness in this world.” Dieser nihilistische Ton war im Werk Springsteens, das von Mythen und Katholizismus geprägt ist, unerhört. In zwei gespenstischen Stücken, "State Trooper" und "Open All Night", beschwört Springsteen die Einsamkeit der nächtlichen Autobahn, das Leuchten der Ölraffinerien, der Trost der hellen Tankstellen; das Radio ist sein letzter Begleiter.

Der Highway, der Arbeit und Leben schenkt, wird zur Straße ins Jenseits, auf der Angst und dunkle Ahnungen mitfahren. In "Open All Night" saust das Leben des Erzählers durch seine Erinnerung, Fragmente von Glück, die Frau hinter dem Tresen, die Reise mit dem Kumpel, der Chef, der ihn nicht leiden kann.

Springsteen singt vom Elend der Menschen

In zwei Liedern erfasst Bruce Springsteen das verheißungsvolle Licht der "Mansion On The Hill" und die Aura, die "My Father’s House" umgibt. "Es gibt keinen Weg nach Hause", sagte der Dichter Thomas Wolfe. Springsteen sagt auf "Nebraska": Es gibt keinen Weg, um der Herkunft zu entkommen.

In "Highway Patrolman" hilft der Polizist Joe Roberts seinem Bruder Frank, einem Taugenichts und Trinker, immer wieder aus der Klemme: Ein Mann wendet sich nicht von der Familie ab. Sean Penn hat später einen wunderbaren Film nach dieser kleinen Geschichte gedreht, "The Indian Runner".

Am Ende der Platte singt Springsteen vom Unglück der Menschen, ihrem Elend und ihrer Verzagtheit, und staunend sieht er ihnen bei dem Kunststück zu, am Ende jeden Tages aufs Neue einen Grund zur Hoffnung zu finden.

"Nebraska" verkaufte sich zwei Millionen Mal in den USA

Die Songs von Colts Neck blieben so roh, wie Springsteen sie aufgenommen hatte – jedermann, der sie hörte, lobte sofort ihre Einzigartigkeit und ihre Poesie. Die Plattenfirma Columbia hatte sich schon auf einen Bestseller gefreut, nun bekam sie jedoch Raymond Carver als Bänkelsänger.

Doch CBS-Präsident Walter Yetnikoff war nach dem Hören gebannt und erkannte auf Kunstwerk: vielleicht das einzige Mal, dass ein Plattentycoon wissentlich auf Mammon verzichtete. Springsteens Superstarwerdung wurde um zwei Jahre verschoben.

Im September 1982 erschien "Nebraska", auf dem Cover der Blick durch ein Autofenster auf die Straße und den Himmel, weiß und grau. In den USA wurden von dem Album zwei Millionen Exemplare verkauft, die Kritik bemühte John Ford, John Steinbeck und die Bibel. Und die Zeitschriften-Anzeige für den TEAC Tascam Series 144 wird als Reliquie verehrt.

Termine in Deutschland: 25.5. Frankfurt, 27.5. Köln, 30.5. Berlin.