Wohlfahrtsverlust

Geschenke sind ein echtes Weihnachtsproblem

Joel Waldfogel erforscht die volkswirtschaftliche Seite des Christfests. Ein Gespräch über 25 Milliarden Dollar Wohlfahrtsverlust und schlechte Geschenke.

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Der Weihnachtsforscher Joel Waldfogel denkt seit 20 Jahren über Weihnachten nach: Sein erster Aufsatz zum Thema – „Der weihnachtliche Wohlfahrtsverlust“ – erschien schon 1993. Er hat Joel Waldfogels akademische Karriere nicht verhindert. Der Ökonom war Professor in Yale sowie an der renommierten Wharton School und lehrt mittlerweile an der Universität von Minnesota.

Morgenpost Online : Sie sind Ökonom, Herr Professor Waldfogel. Aber sind Sie auch ein Weihnachtsforscher?

Joel Waldfogel : Na ja, sagen wir, Weihnachten ist mein Hobby.

Morgenpost Online : Hobby? Ihnen wird mit schöner Regelmäßigkeit vorgeworfen, dass Sie Weihnachten hassen.

Waldfogel : Das stimmt. Anfangs haben die Menschen meine Thesen missverstanden.

Morgenpost Online : Aber Weihnachtshasser gibt es doch viele. Im Advent tobt der Konsum, und wir halten uns für die schlimmsten Shopper aller Zeiten. Aber stimmt das überhaupt?

Waldfogel : Historisch gesehen, kann ich nur für die Vereinigten Staaten sprechen, weil mir nur von dort Daten vorliegen. Die allerdings besagen, dass es kein neues Phänomen ist, für das Weihnachtsfest viel Geld auszugeben. Das war schon das ganze 20. Jahrhundert lang so. Im Verhältnis zur Gesamtwirtschaft geben wir heute sogar weniger Geld für Weihnachten aus als früher .

Morgenpost Online : Wir geben nicht mehr Geld für Geschenke aus als unsere Großeltern?

Waldfogel : Relativ gesehen nicht. Für gewisse Dinge geben wir, wenn der Wohlstand wächst, einen größeren Teil unseres Einkommens aus – das sind die Luxusgüter. Für andere Güter geben wir in absoluten Zahlen zwar mehr aus, in Relation zu unserem gestiegenen Einkommen aber weniger – das sind die, wie wir Ökonomen sagen, notwendigen Güter. Kleidung oder Benzin zum Beispiel. Im vergangenen Jahrhundert nun sind wir viel reicher geworden und geben absolut mehr Geld für Weihnachtsgeschenke aus, in der Relation jedoch viel weniger. Woraus sich etwas Interessantes folgern lässt: Wir begreifen das Weihnachtsgeschenk nicht als Luxus, sondern als notwendiges Gut.

Morgenpost Online : Weihnachten kurbelt den Konsum an , und der Konsum ist gut für die Wirtschaft. So heißt es jedenfalls. Sie allerdings behaupten in Ihrem Buch, dass jedes Jahr zur Weihnachtszeit weltweit 25 Milliarden Dollar verschwendet würden. Wie kommen Sie denn darauf?

Waldfogel : Zunächst einmal: Geldausgeben ist insofern gut für die Wirtschaft, als die Verkäufer Profite machen, Arbeitsplätze schaffen und so weiter. Allerdings gehören zu einer Transaktion immer zwei – nicht nur der Verkäufer, sondern auch der Käufer, der ja ebenfalls von der Transaktion profitieren sollte. Was er für 100 Dollar kauft, sollte ihm auch wenigstens 100 Dollar wert sein. Das Problem mit den Weihnachtsgeschenken ist, dass jemand anderes, nämlich der Schenkende, die Wahl trifft und 100 Dollar für etwas zahlt, dass mir, dem Beschenkten, im schlimmsten Fall gar nichts wert ist. Eine Transaktion gelingt, wenn beide Seiten, Käufer und Verkäufer, etwas davon haben. Das funktioniert aber nur, wenn ein informierter Käufer die Wahl trifft. Was zu Weihnachten eben oft nicht der Fall ist.

Morgenpost Online : Das klingt ganz schön kompliziert. Deshalb noch einmal: Jedes Jahr werden auf der Welt etwa 100 Milliarden Dollar für Weihnachtsgeschenke ausgegeben, für die die Beschenkten, hätten sie die Sachen selbst gekauft, aber nur 75 Milliarden ausgegeben hätten. Richtig?

Waldfogel : Der Punkt ist: Normalerweise erreicht man mit 100 Milliarden Dollar eine Zufriedenheit im Wert von über 100 Milliarden Dollar, denn ich kaufe ja nur etwas, das mir mindestens den geforderten Preis wert ist. Wenn mir aber jemand ein Geschenk macht, kann er meinen Geschmack treffen oder aber furchtbar danebenliegen . Und genau das war Gegenstand meiner Forschungen: Wie gut schlagen sich die Schenkenden eigentlich? Um das herauszufinden, habe ich in Umfragen zwei Fragen gestellt. Erstens: Was, glauben Sie, hat der, der Ihnen dieses Weihnachtsgeschenk gemacht hat, dafür bezahlt? Und zweitens: Was hätten Sie dafür bezahlt?

Morgenpost Online : Und was kam dabei heraus?

Waldfogel : Dass Menschen dem, was sie sich selbst kaufen, einen 20 Prozent höheren Wert beimessen. Die CD, die man sich selber kauft, gefällt einem normalerweise besser als die, die einem geschenkt wird.

Morgenpost Online : Damit ich Sie richtig verstehe: Wir reden hier nicht über einen Verlust von barem Geld, sondern über etwas, was die Ökonomen Wohlfahrtsverlust nennen.

Waldfogel : Genau. Fehlende Befriedigung.

Morgenpost Online : So definieren Sie Wohlfahrtverlust?

Waldfogel : Das wäre eine gefühlsmäßige Definition, ja.

Morgenpost Online : Wie kann man denn besser oder sagen wir: genauer schenken?

Waldfogel : Schenkende haben unterschiedliche Motive. Einem Kind etwa schenkt man aus Vernunftgründen nicht immer das, was es sich wünscht. Nicht kiloweise Schokolade also, sondern einen Pullover. Grundsätzlich aber glaube ich, dass Schenkende unbedingt Zufriedenheit erzeugen wollen. Es stellt sich nämlich heraus, dass die Schenkenden, die mit der geringsten Wahrscheinlichkeit das wirklich Gewünschte auswählen, Großeltern etwa oder Tanten, genau jene sind, die mit der größten Wahrscheinlichkeit Geld schenken. Ich interpretiere das als rationale Antwort auf ihr wahrscheinliches Unvermögen, die richtige Wahl zu treffen.

Morgenpost Online : Gute Geschenke, schreiben Sie, sind Geschenke der „Suche“ und der „Erlaubnis“. Was meinen Sie damit?

Waldfogel : Nehmen wir einmal an, ich würde Ihren Musikgeschmack kennen und mehr über aktuelle Bands wissen als Sie – dann könnte ich eine CD für Sie aussuchen, die Sie selbst nicht entdeckt hätten, aber sehr mögen. Das ist ein Geschenk der Suche. Geschenke der Erlaubnis wiederum sind Dinge, die sie zwar gern hätten, sich aber nicht gönnen wollen. Wenn Ihre Frau Ihnen nun so etwas schenkt, ist das ein Geschenk der Erlaubnis. Als Ökonom muss ich freilich sagen, dass es solche Geschenke nur gibt, weil Menschen oft sehr irrational sind. Wenn ich etwas wirklich haben will, könnte ich es mir ja genauso gut selber kaufen.

Morgenpost Online : Nehmen wir einmal an, Sie fühlten sich verpflichtet, mir ein Weihnachtsgeschenk zu machen.

Waldfogel : Ich? Ihnen? Obwohl wir uns gar nicht kennen?

Morgenpost Online : Eben drum.

Waldfogel : In Amerika sind Geschenkgutscheine sehr in Mode. Ich könnte Ihnen also so einen Gutschein schenken. Aber vermutlich würde ich das nicht tun. Lieber würde ich in Ihrem Namen eine wohltätige Spende leisten.

Morgenpost Online : Wieso das?

Waldfogel : Weil Sie, um dieses Geschenk schätzen zu können, nicht mehr brauchen als ein bisschen Mitmenschlichkeit. Ich muss über Sie also gar nicht mehr wissen, als dass Sie kein Soziopath sind. Und Sie, der Sie sich vorgenommen haben, eine bestimmte Summe wohltätigen Zwecken zukommen zu lassen, könnten die eingeplante Summe um den Betrag, den ich in Ihrem Namen gespendet habe, reduzieren. Das wäre dann so, als hätte ich Ihnen das Geld gegeben.

Morgenpost Online : Wenn Sie mir das Geld gleich gäben, wäre ich allerdings peinlich berührt.

Waldfogel : Das stimmt. Geld ist ein Problem, ein stigmatisiertes Geschenk. Ich kann meinen Kindern Geld schenken oder jüngeren Verwandten, aber nicht sozial Gleichgestellten.

Morgenpost Online : Gutscheine, wohltätige Spenden – das ist ja alles schön und gut. Aber wo bleibt die Freude am Schenken? Das Element der Überraschung?

Waldfogel : Natürlich profitiert der Schenkende vom Schenken. Und beide genießen die Überraschung. Die Frage ist nur, ob dieser emotionale Mehrwert nicht auch mit Geschenken zu erzielen wäre, die besser zum Beschenkten passen. Wenn ja, ist da die Gelegenheit, etwas zu verbessern. Ich will ja nicht, dass die Leute mit dem Schenken aufhören, sondern nur darauf hinweisen, dass es da ein Problem gibt.

Morgenpost Online : Ein Weihnachtsproblem.

Waldfogel : Ja.

Morgenpost Online : Kriegen Sie eigentlich noch Weihnachtsgeschenke?

Waldfogel : Lange nicht mehr so viele wir früher.

Joel Waldfogel: Warum Sie diesmal wirklich keine Weihnachtsgeschenke kaufen sollten.Aus dem Englischen von Ulrike Becker. Kunstmann, München. 191 S., 9,90 €. ISBN: 978-3888977374.