TV-Jahresrückblick

Die 2011er-Weltreise entlarvt Kerners großen Makel

Nowitzki und Gaga, Norwegen und Fukushima. Kerner reiste bei seinem Jahresrückblick um die Welt. Es war die Abschiedsvorstellung seiner Show.

Es war ein schlechtes Jahr für Johannes B. Kerner. Der vermeintlich vielversprechende Wechsel zurück vom öffentlich-rechtlichen ZDF zum Privatsender Sat.1 hat sich letztendlich als erfolglos erwiesen. Mit seinem Magazin „Kerner“ erreichte er zuletzt nur noch einen zu kleinen Teil der werberelevanten Zielgruppe, weshalb es nun nach zwei Jahren mit einem Jahresrückblick als letzter Ausgabe endete.

Kerner selbst scheint diese Entwicklung relativ gelassen zu sehen, wobei er sich eindeutig als Sportreporter mit Leib und Seele bezeichnet. Hatte er bei Sat.1 noch Gelegenheiten, neben der Moderation seines Magazins auch als Kommentator für Spiele der Champions League in Erscheinung zu treten, so liegen die Ausstrahlungsrechte in der nächsten Saison beim ZDF.

Was Sat.1 angeht, so bestätigte der Sender bisher lediglich Gespräche zu Fortsetzungen von „Das große Allgemeinwissensquiz“.

Mit „2011 – ganz nah!“ lief nun der dritte Jahresrückblick nach Shows mit Günther Jauch und Hape Kerkeling , allerdings nicht live aus einem Studio, sondern größtenteils als Zusammenschnitt diverser Video- und Audio-Clips mit Kerners Kommentaren aus dem Off.

Ergänzend dazu reiste der Moderator für Interviews zu diversen Gesprächspartnern, was ihn – besonders im Vergleich zu Jauch und Kerkeling – eher wie einen umtriebigen Reporter als einen herzlichen Gastgeber aussehen ließ.

Schräge Internet-Clips, düstere Bilder aus Japan und Norwegen

Unter Rubriken wie „Paare“, „Fotos“ und „Affären des Jahres“ wurden in Sekundenschnelle Themen wie die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton, der Arabische Frühling und der Rücktritt von Karl-Theodor zu Guttenberg abgehakt. Stellenweise hatte man das Gefühl, dass mit den zahlreichen Youtube-Ausschnitten und Facebook-Beiträgen mit aller Gewalt das junge Publikum angesprochen werden sollte.

Die Auswahl der Themen provozierte jedoch oft nur ein Kopfschütteln – der Sinn oder Unsinn vom Internet-Phänomen „Planking“, wobei sich Menschen steif wie ein Brett irgendwohin legen, sich fotografieren lassen und diese Fotos ins Internet stellen, wird sich dem Großteil der Menschheit wahrscheinlich nie erschließen.

Einschneidenden Ereignissen wie dem Amoklauf in Norwegen und der Atomkatastrophe in Japan räumte Kerner mehr Zeit ein. Er traf sich mit zwei norwegischen Jugendlichen, die im Juli den Amoklauf von Utoya überlebt haben, und dem Deutschen Marcel Gleffe, der über 20 Jugendliche mit dem Boot von der Insel vor dem Attentäter in Sicherheit brachte.

Im Gespräch wurden sowohl die Todesangst der Opfer als auch die beachtliche Zivilcourage von Gleffe, der schon bei Günther Jauch ausführlich zu Wort gekommen war, erneut deutlich.

Kerner besuchte außerdem Deutsche in Japan, die die Atomkatastrophe im März vor Ort miterlebten. Er sprach mit Familie Hutzenlaub, die vorübergehend von Tokio nach Deutschland flüchtete, mit Familie Oberbäumer, die nach wie vor nur 30 Kilometer vom betroffenen Atomkraftwerk entfernt lebt, und dem ehrenamtlichen Katastrophenhelfer Andreas Teichert.

Allen war die Angst vor der Zukunft in einer verstrahlten Umgebung ins Gesicht geschrieben, beklemmende Bilder zeigten die Umgebung der Sperrzone um das Atomkraftwerk.

Kneipentour mit Klopp, Körbewerfen mit Nowitzki

Natürlich durften bei Kerner auch die Sportler des Jahres nicht fehlen. Mit BVB-Meistertrainer Jürgen Klopp ging der Moderator in eine Fankneipe in Dortmund, wo ein Gespräch wegen anhaltender Fan-Gesänge wenig überraschenderweise zunächst kaum möglich war.

Und natürlich ließ es sich Kerner nicht nehmen, mit NBA-Meister Dirk Nowitzki ein paar Körbe zu werfen, was jedoch sehr bemüht wirkte und die charmante Unbeholfenheit und Selbstironie eines Hape Kerkeling, der in seinem Jahresrückblick Tennis mit Andrea Petkovic spielte, vermissen ließ.

Im Interview mit Lady Gaga hielt die Sängerin ihren ihr in Deutschland verliehenen Bambi noch in den Händen. Die Popsängerin gilt nicht erst seit ihrem Hit „Born this way“ als Schwulenikone und engagiert sich inzwischen mit einer eigenen Stiftung gegen Mobbing und Ausgrenzung und für Toleranz.

Ob Gaga wohl weiß, dass sie die gleiche Auszeichnung wie Skandalrapper Bushido erhalten hat und etwas von dem Wirbel darum mitbekam? Wohl kaum, ihre Deutschkenntnisse beschränken sich nach eigenen Angaben auf „kleine Monster“, „Scheiße“ und „danke schön“. Damit wäre das auch geklärt.

Kerner als "Wetten, dass..?"-Moderator?

Solange noch kein Nachfolger für Thomas Gottschalk bei „Wetten, dass..?“ offiziell bekannt gegeben worden ist, werden sich vermutlich auch die Gerüchte halten, dass Kerner ein Kandidat dafür sein könnte, zumal er selbst die Gerüchte inzwischen weder kommentiert noch dementiert und sich die Verantwortlichen vom ZDF auch nicht äußern.

Mit der Übernahme einer großen Samstagabendshow täte er sich allerdings keinen Gefallen. Denn auch bei seinem Jahresrückblick wurde wieder offensichtlich, dass Kerner immer mehr oder weniger gleich gefällig daherkommt, egal, ob er Stars wie Lady Gaga oder Normalsterbliche interviewt. Ihm fehlt es an Spontaneität, Witz und Mut zum Risiko, kurz: Kerner ist langweilig.

Sein undankbarer Sendeplatz am Donnerstagabend spricht Bände, auch wenn Harald Schmidt ihn mit seiner Late Night Show nun gerne übernimmt.

Die Sendeplätze ab 22:00 Uhr unter der Woche können, wie schon Stefan Raab (der nur zwei Jahre jünger als Kerner ist) auf ProSieben seit Jahren beweist, durchaus attraktiv sein – aber dafür müssen Sendung und Moderator eben auch immer wieder Ideenreichtum und Lebendigkeit mitbringen, was man von Kerner, der immer nur den „Kumpel“ oder „idealen Schwiegersohn“ gibt, kaum noch erwarten kann.

Im Zweifel wird man als Zuschauer eher in den Parodien von „Switch reloaded“ von seinen neuen Projekten erfahren.