RTL2-Kriminalsendung

Stephanie zu Guttenbergs zweifelhaftes TV-Comeback

Für die Pädophilen-Jagd in "Tatort Internet" bekam Stephanie zu Guttenberg viel Schelte von Jugendschützern. Jetzt legt sie nach. Besser ist die Neuauflage aber nicht.

Foto: RTL

Die üblichen Verdächtigen haben sich schnell wieder versammelt. In „Tatort Deutschland“ treten unter anderen auf:

Stephanie zu Guttenberg, Präsidentin des Kinderschutzvereins „Innocence in Danger“, Julia von Weiler, Geschäftsführerin von „Innocence in Danger“, Prof. Franz Joseph Freisleder, Autor für die Website von „ Innocence in Danger “, Udo Nagel, ehemaliger Innensenator von Hamburg und Autor für die Website von „Innocence in Danger“ und Til Schweiger, der bei einem Setbesuch während des Drehs eines „Innocence in Danger“-Spots davon erzählt, wie gut ihm doch die heftig umstrittene Vorgängersendung „Tatort Internet“ gefallen habe (und der übrigens Autor für die Website von „Innocence in Danger“ ist), die von Udo Nagel und Stephanie zu Guttenberg moderiert wurde.

Muss man noch erwähnen, dass beide Formate und diverse Videos auf der Website von „Innocence in Danger“ von ein und derselben Produktionsfirma, der diwafilm in München, verantwortet werden?

Kreuzzug gegen den Rest der Welt

Diese seltsamen Verstrickungen zeigen vor allem eines: Hier ist man sich zwangsläufig verdammt einig und gemeinsam auf einem Kreuzzug, hier soll überzeugt, missioniert, aufgerüttelt werden – nicht etwa abgewogen oder reflektiert. Warum RTL2 nicht nur eines, sondern gleich mehrere Formate komplett im Dunstkreis einer einzigen Organisation entstehen lässt, ist zumindest verwunderlich. Erst recht, wenn diese für „Tatort Internet“ bereits kräftig Schelte bezogen hat – und das sogar auch von anderen dem Kinderschutz gewidmeten Vereinen, die wie die meisten Kritiker wenig Nutzen für die Prävention und dafür jede Menge Vorurteile in der Sendung sahen .

Als Feigenblätter zwischen zwei Beiträgen zu dem polarisierenden Hauptthema „Umgang mit pädophilen Straftätern“ berichtet das Reporterteam um Udo Nagel in der neuen Sendung, die im Erfolgsfall in Serie gehen soll, von einem betrügerischen Bauunternehmer aus dem Raum München und von dem Fall der vor über elf Jahren verschwundenen Katrin Konert , dem sich im März diesen Jahres bereits „ Aktenzeichen xy ... ungelöst“ ausführlich widmete.

Dies alles ist vergleichsweise ruhig inszeniert, einigermaßen besonnen erzählt und endet konstruktiv, nämlich mit einer Rufnummer der Kripo, unter der Hinweise zu einem eventuellen Verbleib der Vermissten abgegeben werden können.

Angst und Schrecken als Argumentationshilfen

Doch wo die Unschuld in Gefahr scheint, gehen „Tatort Deutschland“ alle gestalterischen Gäule durch. Hektische Zooms, in den Signalfarben Rot und Gelb ersaufende Bilder, nachgespielte Szenen, die eine vom Wahnsinn gepackte Welt in greller Überbelichtung oder tiefen Schatten vorspielen. Und all das, so wird man nicht müde zu betonen, sind „wahre Fälle“. Wie der eines aus der Sicherungsverwahrung entlassenen Sexualstraftäters, der sich in Freiheit rasch erneut an einem Kind verging. Oder der eines Babysitters, der noch nicht einmal von Säuglingen die Finger lassen konnte.

Tragische Fälle wie diese nutzen die Macher der Sendung, um ein sagenhaftes Bedrohungsszenario hochzustilisieren: Vor „Tatort Deutschland“ lief gerade „Tatort Ausland“ im Programm – sicher fühlen kann man sich eben nirgends mehr. Es gibt keine gefährlichen Verbrecher mehr, sondern nur noch „brandgefährliche“.

Der erwähnte Babysitter besaß keine großen Mengen an Kinderpornographie, sondern „Unmengen“. Die Menschen haben Angst. „Angst?“, fragt Udo Nagel seine Kollegin, die den Fall recherchiert hat. „Ja, Angst“, antwortet diese.

Und die Geschichte des rückfälligen Pädophilen ist „noch“ ein Einzelfall. Denn den Weltuntergang prophezeit „Innocence in Danger“ für den kommenden Jahreswechsel, an dem aufgrund eines Urteils des Europäischen Gerichtshofes die meisten der in Sicherungsverwahrung Einsitzenden auf freien Fuß gesetzt werden müssen. Die Schamlosigkeit, mit der „Tatort Deutschland“ pseudo-journalistische Methoden nutzt, um seine Botschaft unter die Leute zu bringen, ist selbst für einen nicht gerade als schamvollen bekannten Sender wie RTL2 verblüffend.

Ein Bärendienst für den Schutz der Kinder

Aufrichtig ist zumindest die konsequent durchgehaltene Opferperspektive der Argumentation – umso fragwürdiger wirkt es dann, wie diese sogleich wieder infam in Beschlag genommen wird.

„Mehr Mitleid mit den Tätern als mit den Opfern“ beklagt Til Schweiger in der Sendung zum wiederholten Male. Die Drohgebärde ist solcher Rhetorik schon eingeschrieben: Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns.

Ein Rechtsstaat legitimiert sich anders, möchte man Schweiger entgegen, doch für derlei Abstraktionen sind weder er noch das Format, geschweige denn sein Sender zu haben.

Und Stephanie zu Guttenberg? Deren Comeback, so es denn als ein solches geplant war, fällt bescheiden aus. Neben Til Schweiger sitzend darf sie Plattitüden von den Kindern als unserem höchsten Gut von sich geben und von der Notwendigkeit, diese „endlich“ zu schützen. Mit Sendungen wie „Tatort Deutschland“ leistet sie diesem Anliegen und ihrem Verein allerdings einen Bärendienst.