Kriminalistik

"Die drei ???" brechen alle Rekorde

Sie würden sogar die Beatles schlagen: Seit 1964 lösen "Die drei ???" Verbrechen. Immer noch kommen ihre Bücher zum Hören, mittlerweile der 150. Fall.

Drei Fragen, bevor Sie weiter lesen dürfen: Kennen Sie die erfolgreichste Hörspielserie aller Zeiten? Was ist ein Haschemitenfürst? Was fällt Ihnen ein, wenn Sie "???" auf einer Visitenkarte sehen?

Fangen wir mal mit der letzten Frage an. Sollten Ihnen dazu spontan die Namen Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews einfallen, haben Sie natürlich sofort gewonnen und dürfen weiter lesen. Und – die Wette halten wir jetzt mal – Sie werden damit nicht allein bleiben dabei. Die Freunde von Justus, Peter und Bob gehen nämlich in die Millionen. Theoretisch ist seit inzwischen drei Jahrzehnten jeder zweite Deutsche schon einmal mit Justus, Bob und Peter eingeschlafen, hat schlaflose Nächte mit ihnen verbracht, ist Hunderte von Kilometern über deutsche Autobahnen gefahren.

42 Millionen Tonträger

Justus Jonas, Bob Andrews und Peter Shaw nämlich sind Juniordetektive und die Helden der erfolgreichsten Hörspielserie aller Zeiten. "Die drei ???" heißt die Serie. 16 Millionen Bücher, 42 Millionen Tonträger der ???-Fälle sind allein in Deutschland im Umlauf. Gut hundert Folgen erreichten Gold-, etliche Platinstatus. In die Hunderttausend geht die Auflage jeder neuen Folge.

Jetzt ist "Die drei ??? und die Geisterbucht" erschienen, das 150. Abenteuer, das die inzwischen nichtmehrganzhalbwüchsigen Amateurdetektive lösen, von ihrer Zentrale auf dem wahrscheinlich berühmtesten Schrottplatz aller Zeiten aus im fiktiven Örtchen Rocky Beach / Kalifornien. Womit auch die zweite Eingangsfrage geklärt wäre.

Als der amerikanische Schriftsteller und Journalist Robert Arthur Anfang der Sechziger auf die Idee kam, so etwas wie eine ins Gruselige tendierende milde Actionserie für Jugendliche zu starten, tat er zwar einiges fürs Branding seines Produkts, zum Beispiel erwarb er von seinem Mehroderweniger-Freund Alfred Hitchcock die Erlaubnis, ihn als Herausgeber zu nennen.

Robert Arthur starb 1969

Den Erfolg seiner Juniordetektive konnte er allerdings weder ahnen (unter anderem, weil er das seltsame Hörverhalten männlicher Deutscher nicht auf der Rechnung haben konnte), noch hat er ihn erlebt. Arthur starb 1969. Da war mit "Die drei ??? und der Super-Papagei" gerade der erste Band der deutschen Buchausgaben erschienen.

Die Bücher verkauften sich. Fast zwei Dutzend Bände waren publiziert, als 1979 das erste Hörspiel erschien. Und damit ging es erst richtig los für das Trio aus Rocky Beach. Durch die Kassetten nämlich wurden die Fälle von Justus & Co. zu geradezu legendären Langzeitsellern . Würde man die "Drei ???"-Tonträger unter Pop rubrizieren, sie stünden in den Allzeit-Verkaufszahlen über den Beatles.

Gleich mehrere Tode haben die Detektive aus Rocky Beach unterwegs durch die Jahrzehnte überlebt. Den Tod ihres Erfinders sowieso. Den Tod des Hörspiels – das war als dramatische Gattung längst abgeschrieben, als die Fragezeichen im Studio ihre Arbeit aufnahmen. Den Tod der amerikanischen Serie – die wurde 1987 eingestellt, seit 1993 werden neue Folgen von deutschen Autoren geschrieben.

Sie überleben jeden Tonträger

Den Tod der Kassette – das erste ???-Abenteuer erschien just in jenem Jahr, als Sony seinen ersten Walkman präsentierte, für 2012 hat Europa, das ???-Label, nun das Ende der Kassetten-Ära angekündigt, mit einer Ausnahme: "Die drei ???" wird es weiter auf Band geben. Jetzt ist auch die CD-Ära zu Ende. Es kann anscheinend an Tonträgern erfunden werden, was will, die drei ??? überleben es.

Ohne pietätlos zu werden: Den Tod der ersten ???-Hörergeneration werden sie auch überstehen. Inzwischen nämlich besteht die Klientel zwar immer noch zu gut zwei Dritteln aus Erwachsenen, aus Anfang- und Mittvierzigern, 35 Prozent der Kunden sind aber schon wieder Kinder, die Enkel der Achtziger hören weiter.

Und sie sichern den deutschen ??? ihre Grundsicherung vermutlich bis in den Lebensabend hinein. Dreizehn, vierzehn waren Oliver Rohrbeck, Jens Wawreczeck und Andreas Fröhlich, als sie Ende der Siebziger das erste Mal als Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews im Hamburger Aufnahmestudio standen. Sie waren keine Neulinge, sie hatten früh und mit Erfolg auf der Bühne, im Studio gestanden.

Inzwischen sind die drei – wie ihre zentrale Kundschaft – auf dem Weg an den Rand ihrer Fünfziger und haben ziemlich lichtes Haar, hören sich aber selbst in den neuesten Folgen (einer der Schlüssel für den anhaltenden Erfolg) noch an, als seien sie gerade dem Stimmbruch entronnen.

Und sie sind längst gemachte Leute. Oliver Rohrbeck besitzt das Berliner Hörbuchlabel Lauscherlounge, macht Synchronregie, veranstaltet Hörspielfestivals, liest Hörbücher ein und ist die Stimme von Ben Stiller. Andreas Fröhlich ist einer der vielbeschäftigsten Hörbucheinleser, hat gerade Walter Moers "Das Labyrinth der träumenden Bücher" in ein gewaltiges Stimmspektakel verwandelt und spricht in deutschen Kinos immer dann, wenn wir Gollum, Edward Norton und John Cusack hören. Jens Wawrczeck hat gerade für das Hörbuch von "Kuckuck, Krake, Kakerlake" den Preis der deutschen Schallplattenkritik bekommen, singt, synchronisiert in Sit-coms viel und gerade Charaktere, die einige Jahrzehnte jünger sind als er, und ist vielleicht der begabteste Schauspieler der drei.

Guinness-Eintrag für Live-Hörspiele

Sechs bis acht mal im Jahr treffen sie sich in Hamburg für neue ???-Fälle. Und sie gehen zusammen mit den ??? auf Tournee. Da stehen sie dann auf der Bühne. Drei eher unscheinbare, nicht sonderlich charismatische Herren hinter Stehpulten. Ein Geräuschemacher treibt sein Unwesen. Es gibt eine Bildershow. Rohrbeck, Fröhlich und Wawrczeck lesen, inszenieren Justus, Bob und Peter. Und das Publikum spricht mit.

"Die drei ??? – Live and Ticking" hieß eine ???-Tournee. Da lasen sie sich durch den legendären Fall mit dem schreienden Wecker. Achtziger-Partys sind das, vor einem Publikum, das sanft mitgealtert ist mit den Herren oben auf der Bühne. Nostalgieshows, bei denen Zehntausende ( 15.000 waren es in der Berliner Waldbühne , ein Guinness-Rekord für Live-Hörspiele) in einer Zeitblase Platz nehmen, in einem magischen Mysterienbus, der mit ihnen in ein vergleichsweise geradezu kuscheliges Jahrzehnt fährt, in dem es alles noch wunderbar in Ordnung war (unter anderem weil die Mauer noch stand, deretwegen die drei ??? ein fast reines Westphänomen geblieben sind).

Ein sanftes, schauriges Ruhekissen

Apropos kuscheln. Es soll nicht wenige Menschen geben, bei denen zwar sämtliche der 150 Folgen im Schrank stehen, die aber etliche nie bis zu Ende angehört haben. Weil sie immer über den Kassetten einschliefen. Was sie inzwischen (wie überhaupt den Konsum der drei ???-Droge) freimütig zugeben dürfen und niemand schlimm findet.

Die drei ??? waren ein sanftes, schauriges Ruhekissen. Man konnte sich beruhigt darin einkuscheln. Alles, das wusste man, würde gut werden, niemand käme ernsthaft zu Schaden und selbst die gruseligsten Gruselmonster würden sich am Ende doch nur als menschliche Wesen oder menschengemachte Phänomene herausstellen.

Drei Teile hat nun das gerade erschienene Jubiläums-Abenteuer, wie jeder 25. Fall der Pseudo-Kalifornier. Vier Stunden dauert es, bis Justus, Bob und Peter herausgefunden haben, welches Geheimnis sich im Flugzeugwrack verbirgt, das Titus Jonas, der Onkel des ewig naseweißen Oberdetektivs Justus, auf den Schrottplatz hat wuchten lassen. Was mit dem "Flammenden Wasser" gemeint sein könnte und wo sich der "Brennende Kristall" versteckt. Finsterlinge treiben sich herum, mystisch geht es zu, Blut fließt keins. Es ist so wie immer. Wie schön.

Der Derwisch in Bobs Kopf

Ach, wir haben ja noch was vergessen: Einen Haschemitenfürsten glaubt Bob im Kopf zu haben, nachdem er sich in "Die drei ??? und die silberne Spinne" gewaltig den Kopf angeschlagen hatte. Was es mit diesem Fürsten allerdings tatsächlich auf sich hat, ist eines der großen drei ???-Rätsel.

H. G. Francis hatte ihn erfunden und in seine Bearbeitung von Robert Arthurs Text hineingeschrieben (es war die achte Originalfolge, die 24. deutsche Hör- und 26. Buchfolge, erschien 1967 bzw. 1981). Erklärt hat er nicht, wie er drauf kam und was er meinte. Wahrscheinlich meinte er so etwas wie einen Derwisch, der in Bobs Kopf seine Kreise drehte. Keiner weiß allerdings genaues nicht. Eindeutig ein Fall für die drei ???.