Late Night "Hart aber fair"

Genießen wir noch oder fressen wir schon?

Talkmaster Frank Plasberg bat zu Tisch: Es wurde eine fröhliche Runde, die mitunter aufzeigte, dass regelmäßiger Alkoholkonsum fruchtbarer macht.

Frank Plasberg bittet zu Tisch. Kredenzt wird ein Thema, das im Advent gerade vielen Bauchschmerz bereitet: Genieße ich noch oder fresse ich schon? Oder wie die "Hart aber fair"-Redaktion formulierte: "Die Fitness-Religion - Gehören Pummel an den Pranger?"

Wo bleibt der Spaß, wollte Plasberg angesichts der unzähligen Fitness- und Ernährungsbotschaften wissen, mit denen die Menschen in Deutschland konfrontiert werden. Mit dieser Einstiegsfrage verriet der Moderator allerdings auch schon, in welche Richtung er die Runde bewegen wollte - die Vertreter der Askese hatten es bei ihm schwer.

Nach Denkrichtungen unterteilt bildeten Plasbergs Gäste zwei Lager. Auf der einen Seite standen die ARD-Ernährungsberaterin Dagmar von Cramm und der Gesundheitsberater Stefan Fädrich, der ursprünglich mal Arzt war. Die beiden vertraten die Fraktion der Disziplinierten. Frei nach dem Motto: Natürlich sündige ich mal - aber das ist die Ausnahme, die ich dann an anderen Tagen wieder ausgleiche.

Auf der anderen Seite standen die Schriftstellerin Juli Zeh und der Medizinjournalist Werner Bartens, wie Fädrich ursprünglich Arzt. Die beiden vertraten die Lust am Genuss, bei der nur ein eigenes unwohl fühlen die Grenze sein soll.

Und genau zwischen diesen beiden Lagern befand sich Jürgen von der Lippe. Der Kabarettist hat nach eigenen Worten mehr als 500 Kochbücher zu Hause, aber auch schon alle möglichen Diäten ausprobiert.

Inzwischen hat er seine Lebensphilosophie gefunden. "So alt wie ich werde, möchte ich mich einigermaßen gut fühlen", sagte von der Lippe.

Er war der einzige der Runde, der übergewichtig aussah. Bei 1,76 Meter Größe hat er sein persönliches Idealgewicht mit 87 Kilo beziffert. Doch im Moment wiegt der 63-Jährige 93 Kilo. Von der Lippen bekannte, dass ihm die Hosen zu eng geworden sind. Statt Bundgröße 36 trägt er nun 37 und will wieder zurück zur alten Größe.

Doch wie? Und ist das überhaupt nötig? Journalist Bartens zeichnete das Bild der bösen Fitness- und Pharmakonzerne, die mit dem schlechten Gewissen der Menschen viel Geld verdienen.

"Da steckt natürlich eine riesige Industrie dahinter", glaubt der Journalist. Das Motto der Pharmaindustrie sei: "Es gibt keine Gesunden, es gibt nur Menschen, die nicht gründlich genug untersucht worden sind."

Wer selbst ein paar Kilo zu viel auf den Rippen hat, konnte den Ausführungen von Bartens ganz wunderbar zuhören. "Leute, entspannt euch, das Leben ist keine Problemzone", gab er ein Schlagwort raus.

Eine prima Souffleuse war dabei Juli Zeh, die wegen ihrer Schwangerschaft gerade auch dickbäuchig ist. Die Sehnsucht nach dem Dünnen sei nur eine Mode unserer Zeit. "Jetzt, wo wir im Überfluss leben, ist es das Ideal, dünn zu sein."

Ach, wenn nur alles so einfach wäre. Doch was, wenn die Ehefrau hinter den Speckrollen des Mannes keinen Genießer vermutet, sondern einen Fresssack? Oder was, wenn die Pommes nicht mehr nach Frittierfett, sondern nach schlechtem Gewissen schmecken?

Für diese Fälle wären von Cramm und Frädrich eigentlich ganz wunderbare Ansprechpartner gewesen. Beide sehen so aus, wie Ernährungs- und Fitnessgurus aussehen sollten. Dünn, aber nicht mager, dabei von der ganzen Art drahtig wirkend.

Cramm verwahrte sich dagegen, dass sie mit ihrer Selbstdisziplin eine Spaßbremse ist. "Das ist schon sehr deutsch, Gesundheit und Genuss gegeneinander aufzurechnen."

Und Frädrich versuchte das Gefühl zu vermitteln, dass es gar nicht so schwer ist, bei Übergewicht an sich zu arbeiten. "Das sind Angewohnheiten, die kann man lernen wie das Autofahren", sagte er zu den Tricks, wieder dünn zu werden.

Doch die Gelegenheit, eine Position zu vertiefen, bekam vor allem Frädrich kaum. Immer wieder schnitt ihm Plasberg das Wort ab und fragte etwas anderes. Und im Gegensatz dazu durfte Bartens in aller Ausführlichkeit aus seinem reichen Schatz an Studien zitieren.

Etwa aus einer Langzeitstudie, nach der Menschen mit einem leichten Übergewicht am längsten leben. Bartens genoss offensichtliche Sympathien von Plasberg - und nutzte das aus, Frädrich immer mal wieder ins Wort zu fallen und dann ungerührt selbst weiter zu reden.

Im Laufe der Runde schaukelte sich das immer weiter hoch - und eskalierte dann beim Dinner. Plasberg hatte eine lange Tafel herrichten lassen, bei der jeder Gast einen von ihm erwünschten Hauptgang serviert bekam.

Doch bei der Vorspeise - einem falschen Mozarella aus Magerquark, den Cramm in einem Kochbuch veröffentlicht hatte - wurde es Frädrich zu viel.

Als Bartens mal wieder die rund um die Ernährung geltenden Maßstäbe wie den Body-Mass-Index oder auch Cholesterinwerte hinterfragte platzte aus ihm ein "brauchen Sie eine Psychotherapie oder sowas?" heraus. Bartens reagierte ganz souverän - nämlich gar nicht, Plasberg auch nicht. Und so entspann sich trotz des Eklats doch noch ein netter Ausklang.

Die Diskutanten ließen sich dabei Schnitzel mit Bratkartoffeln (Bartens) schmecken, es gab Aachener Sauerbraten (von der Lippe), Tagliatelle (Zeh), ein Rumpsteak mit Salat (Frädrich) und Pilzpflanzerl (von Cramm).

Doch vor allem gab es auch mal was zum lachen. Es ging um das Thema Alkohol. Die Redaktion verbreitete die These, dass ein regelmäßiger Konsum gar nicht so schädlich ist. Und natürlich konnte Bartens wieder eine Studie anführen. Frauen, die regelmäßig in gewissen Maßen Alkohol trinken, seien fruchtbarer als die Anti-Alkoholikerinnen, dozierte der Ex-Arzt. Zehs ehrlich gemeint klingende Frage: "Weil sie die Pille vergessen?"

Schade, dass Plasberg nicht den ganzen Abend als Dinner ausgelegt hatte. Von der Vorspeise über den Hauptgang zum Dessert hätte die Runde sich sicher lockerer durch das uferlose Ernährungs- und Fitnessthema diskutiert. Denn die Idee, eine allgemein gültige Antwort auf irgendeine Frage zu bekommen, war angesichts vieler widersprüchlicher Studien sowieso vergebens.

Von der Lippe wusste das schon vor der Sendung, er hatte sich mit Fachliteratur vorbereitet. Tenor: "Ich habe für alles verschiedene Meinungen gefunden." Ohne die Ordnung einer Menüfolge wurde "Hart aber fair" so zu einem Eintopf quer durch den Garten: Von allem etwas dabei und bunt gemischt. Manche lieben das, andere sagen "bäh".