Lolita-Album

Serge Gainsbourgs Erotomanie des Hotelzimmers

Vor 40 Jahren brachten Serge Gainsbourg und Jane Birkin das Album "Melody Nelson" heraus. Mit seinen sexuellen Fantasien wurde es zum Vorbild zahlreicher Bands.

Serge Gainsbourg: Provokateur, Bohemien, Nationalheld . Der 1991 verstorbene Franzose verdankt einen Gutteil seiner Prominenz der Tatsache, dass er sich gerne über Regeln hinwegsetzte, als Maulheld und als Musiker. Als er 1971 das Konzeptalbum „Histoire De Melody Nelson“ veröffentlichte, war er in seiner Heimat längst ein Star. Das hielt ihn nicht davon ab, musikalisch gegen den Strich der Zeit zu bürsten und sich über die Strecke von sieben Songs seiner eigenen sexuellen Abgründe zu widmen.

Gainsbourg schlüpft in die Rolle des Erzählers, der die minderjährige Melody nach einem Unfall in ein Hotelzimmer bringt. Was sich dort zwischen dem Mann und dem jungen Mädchen abspielt, wird in literarischen Bildern und sexuellen Andeutungen erzählt – à la langue de Gainsbourg.

Minimale Sound-Lösungen

Zur Zeit seiner Entstehung war Gainsbourgs Lolita-Album nicht mal in der Heimat ein Verkaufsknüller. Ganz zu schweigen von der angloamerikanischen Welt, die den französischen Erotomanen ignorierte. Das änderte sich erst, als Bands wie Air, Pulp und Stereolab „Melody Nelson“ in den 1990ern als Blaupause für ihre Musik neu entdeckten.

Seinen Ruf als Meisterwerk erlangte „Melody Nelson“ nicht so sehr über Gainsbourgs komplexe Expeditionen in erotische Fantasien jenseits der bürgerlichen Vereinbarungen. Es ist der um minimale Sound-Lösungen gebaute Orchester-Pop, der dem ambitionierten, oft überladenen Progressive Rock seiner Zeit mit Siebenmeilenstiefeln enteilt war, der heute gefeiert wird.

40 Jahre nach seiner Einspielung ist „Melody Nelson“ auf einer Doppel-CD in Deluxe-Ausführung noch einmal veröffentlicht worden. Die beiliegende DVD enthält eine erhellende Film-Dokumentation zur Entstehung von „Melody Nelson“, in der Gainsbourg, der begnadete Arrangeur Jean-Claude Vannier, Toningenieur Jean-Claude Charvier und Gainsbourgs große Liebe Jane Birkin, die er drei Jahre zuvor beim Film „Slogan“ kennengelernt hatte, zu Wort kommen.

"Wir wollten Romantik und Dramatik"

Die 40-minütige Doku trägt auch dazu dabei, das Bild vom Chanson-Papst Gainsbourg ein Stück weit korrigieren zu können, die hier beschriebene Genese des Konzeptwerks widerspricht jeder Idee von Geniestreich. „Wir haben dieses Album gemacht, ohne zu wissen, was daraus wird. Eigentlich haben wir nur die Musik gespielt, die wir mochten ... Wir wollten Romantik und Dramatik. Dramatik im Sinne von Übertreibung und Theatralik, in dem wir einander entgegengesetzte Sound-Effekte nutzten, piano, forte und lange Erzählpassagen“, sagt Jean-Claude Vannier direkt in einer der ersten Sequenzen des Films.

Es muss eine Tortur für Chanson-Star Gainsbourg gewesen sein, die Texte zu schreiben, „eine Katastrophe“, wie Vannier erzählt. Mit den ersten Playbacks, die Gainsbourg hörte, begann sich nur mählich eine Geschichte in seinem Kopf zu entwickeln, die Geschichte von dem Mädchen Melody, das von dem Mann im Rolls Royce auf ihrem Fahrrad erwischt wird. Dem „dummen kleinen Ding“, auf das der Erzähler seine erotischen Träume projiziert.

"Liebes kleines dummes Ding"

Gainsbourg-Freundin Jane Birkin sang und spielte Melody, über ihre Rolle in dem Projekt war sie zuerst nicht so begeistert. „’Liebes dummes kleines Ding’, das hat mich geärgert. Im selben Augenblick sagte ich mir, okay, das war genau das, was Serge von mir dachte, bevor er mich besser kannte. Später war er beeindruckt von meinem Intellekt. Am Anfang war ich vielleicht wirklich ein dummes kleines Ding.“

Frauenheld Gainsbourg gab in diesen Tagen ein ganz anderes Bild ab als das des Verführers auf dem Album, berichtet Vannier: „Er fühlte sich alt, mit 40. Heute schwer vorstellbar, mit 40 kann ein Mann ein Womanizer sein, ein richtiger Verführer. Aber Serge fühlte sich alt.“ Die sexuelle Komponente ist mit dem Skandalcoverfoto auf die Spitze getrieben worden: Jane Birkin, die Gainsbourgs lüsternen Fantasien ein Bild verleiht: mit nichts als einer Jeans bekleidet, die Stoffpuppe hält sie wie zum Schutz vor ihre Brüste.

Die Erotik der musikalischen Reduktion

Wie sehr die Geschichte von „Melody Nelson“ mit Gainsbourgs Blick auf eine jugendliche Birkin verknüpft war, wird in der Doku deutlich. Gainsbourg entwickelte Ideen für die Songs immer wieder aus privaten Erinnerungen, aus Filmen und anderen Fundstücken. Für den Song „En Melody“ ließ er das Lachen Jane Birkins , das er auf einer alten Audiokassette entdeckt hatte, so manipulieren, dass es sich wie ein erotisches Kieksen anhörte.

Am Ende erzählt „Melody Nelson“ vor allem eins: Die Erotik der musikalischen Reduktion ist das eigentliche Pfund des Albums. Vanniers poetische Streichermelodien verleihen Gainsbourgs Introspektionen die passende Raumtiefe, die E-Gitarre darf kurz und fies ins Knochenmark der Musik bohren, die mäandernden Bassläufe weit vorn im Mix bilden die Folie, auf der der Autor seine lüsternen Wortkaskaden aufziehen kann.

Serge Gainsbourg – „Histoire De Melody Nelson“ (2-CD-DVD-Set, Mercury)