Europäischer Filmpreis

Wenders – "Die Deutschen sind die besten Europäer"

Für "Pina" könnte er den Europäischen Filmpreis und zwei Oscars gewinnen: Als Präsident der Europäischen Filmakademie hätte Wim Wenders allerdings einige Probleme.

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Wim Wenders ist einer der Gründungsväter des Europäischen Filmpreises . Er amtiert seit 1996 als Präsident der European Film Academy, die über diesen Preis abstimmt. Und er ist in diesem Jahr selber nominiert: für seinen 3D-Tanzfilm „Pina“ in der Sparte Bester Dokumentarfilm. Drei Gründe, um mit dem Regisseur über den Filmpreis zu sprechen, der am Samstag im Berliner Tempodrom verliehen wird. Und über seine doppelten Oscar-Chancen für „Pina“.

Morgenpost Online : Glauben Sie an Schnapszahlen als Glücksbringer?

Wim Wenders : Eigentlich nicht. Inwiefern?

Morgenpost Online : Im Jahre ’88 bekamen Sie einen Europäischen Filmpreis für „Der Himmel über Berlin“, ’99 bekamen Sie einen für „Buena Vista Social Club“. Jetzt, im Jahre ’11, sind Sie für Ihren Tanzfilm „Pina“ nominiert.

Wenders : (lacht) Das ist ja ein Ding! Na, dann kann ja nichts mehr schiefgehen.

Morgenpost Online : Den Europäischen Filmpreis haben Sie selbst mitbegründet. Ist das emotionaler, wenn man da nominiert wird?

Wenders : Das ist schon ein bisschen so. Aber es ist auch ein wenig zwiespältig. Als Präsident von dem Ganzen denkt man sich natürlich – nach elf Jahren –, man sei aus dieser Preiskiste raus. Aber wenn man sich dann plötzlich wieder nominiert vorfindet, erwischt es einen doch wieder. Das letzte Mal habe ich ja noch den Felix bekommen. So hieß der Filmpreis damals noch. Insofern ist dies jetzt wieder etwas Neues.

Morgenpost Online : 1988 war die allererste Verleihung des Europäischen Filmpreises. Im nächsten Jahr wird 25-Jähriges gefeiert. Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung des Preises?

Wenders : Er hat das, was wir uns von ihm versprochen haben, voll und ganz geleistet. Als wir uns dazu entschieden haben, ihn jährlich zu verleihen und eine Akademie zu gründen, die das trägt, haben wir uns erhofft, dass die Sache dem Europäischen Kino dient, seiner Promotion und der Reisefreudigkeit europäischer Filme innerhalb Europas. Und das hat der Preis alles erfüllt. Er hat einen Wert, das wird auch auf Filmplakate gedruckt und in der ganzen Welt notiert. Wenn wir wirklich optimistisch gewesen wären damals, als wir das initiiert haben, hätten wir uns das so vorstellen müssen, wie wir es jetzt haben.

Morgenpost Online : Freut man sich mehr über einen europäischen oder einen amerikanischen Preis? „Pina“ hat ja gleich doppelte Oscar-Chancen…

Wenders : Ach, Preise, das ist so ein Ding, auf das man nicht reinfallen darf. Man ist kein besserer Regisseur, wenn man die gewinnt, und kein schlechterer, wenn man sie nicht kriegt. Ich bin jetzt erst mal aufgeregt wegen Samstag, aber das hat weniger mit meiner Nominierung zu tun als mit meinem Amt als Präsident: dass auch alles gut über die Runden geht bei der Verleihung! Ich finde, dass wir eine überaus reiche Ernte haben in diesem Jahr. Und dass die nominierten Filme echt widerspiegeln, dass dies ein tolles Filmjahr in Europa war. Das gibt auch ein schönes Zeugnis davon, dass unsere zweieinhalbtausend Mitglieder wissen, was sie tun. In diesem Jahr gibt es keinen klaren Favoriten, das wird ein ganz spannendes Rennen. Von den sechsen, die für den Besten Film nominiert sind, könnte eigentlich jeder gewinnen. Das ist schon sehr selten.

Morgenpost Online : Schade nur, dass das deutsche Kino fast gar nicht vorkommt. Es scheint für deutsche Filme einfacher zu sein, einen Oscar als einen Europäischen Filmpreis zu bekommen.

Wenders : Ja, wir sind da mit „Pina“ ziemlich allein auf weiter Flur. Ich hätte auch erwartet, dass Tom Tykwers „Drei“ bis in die Nominierungen kommt, aber der hat vielleicht doch nicht so nach Europa ausgestrahlt. Ach, dann wird eben das nächste wieder ein ganz starkes deutsches Jahr! Man kann solche Schwankungen nur einfach zur Kenntnis nehmen, da wir den Wahlprozess ja an die Mitglieder abgeben haben. In den ersten Jahren gab es noch Gremien und Jurys, und irgendwann haben wir uns getraut, das an die Gesamtheit der Akademie abzugeben. Und das Ergebnis muss man dann akzeptieren. Da gibt es dann mal ein paar starke spanische und ein paar deutsche Filmjahre hintereinander.

Morgenpost Online : Es wundert nur, weil die Deutschen mit 435 Mitgliedern ja die stärkste Fraktion in der Akademie bilden, knapp 16,9 Prozent.

Wenders : Die Deutschen bilden die stärkste Fraktion, sie haben aber eine wunderbare Eigenschaft: Sie wählen für andere. Wir haben mal wirklich ein Exempel statuiert. Es zeigte sich einmal jemand aus der spanischen Fraktion etwas empört, der meinte, die Deutschen wählten doch sowieso nur für sich. In jenem Jahr hatte wohl auch ein deutscher Film gewonnen. Und dann haben wir das mal nachprüfen lassen. Von dem Anwalt, der damit betraut ist. Der durfte uns natürlich nicht verraten, wer für wen gewählt hat, das ist ja eine geheime Wahl. Aber in Prozenten konnte man das schon mal hochrechnen. Und siehe da: Die Deutschen hatten überhaupt nicht mehrheitlich für den deutschen Film abgestimmt, sondern ganz europäisch! Das spiegelt ein wenig die Rolle wider, die Deutschland derzeit in Europa hat. Wir sind schon gute Europäer, mit die besten!

Morgenpost Online : Europa steckt in einer tiefen Krise. Wirkt sich das auch auf die Europäische Filmakademie aus?

Wenders : In diesem Jahr macht sich das nicht bemerkbar, im Gegenteil. Was sich bemerkbar macht, ist eher ein gestärktes Bewusstsein, dass das europäische Kino auch eine andere Aufgabe hat, als nur für sich selbst erfolgreich zu sein. Dieses Europa – das sich so schwer tut, das so an sich leidet und in diesen Tagen so krass reduziert wird auf seine finanziellen Grundlagen – braucht mehr denn je auch Bilder von sich, die anders sind. Die optimistischer sind. Und die den Europäern zeigen, was sie an Europa wirklich haben. Nämlich mehr als nur eine monetäre Union. Das ist eine zunehmend wichtige Aufgabe des europäischen Kinos, den europäischen Gedanken emotional zu füllen. Das dringt allmählich ins Bewusstsein der Filmemacher, dass sie ein Gegengewicht zur Politik schaffen müssen, die Europa so unglaublich unemotional und dröge in dusseligen Zahlen darbietet. Als ob Europa nur ein Markt wäre! Europa ist auch ein großes emotionales Gebilde, ein Zuhause. Und unser Europäischer Filmpreis ist tatsächlich ein Bild unseres Kontinents. Ich glaube, dass es Politikern ganz gut täte, sich hier mal blicken zu lassen. Und überhaupt mal hinzugucken, wie Europa sich im Kino darstellt.

Morgenpost Online : Versteht sich die Akademie auch als Vorbild für die EU? Hier wurde die EU-Erweiterung ja schon vorweggenommen, lange bevor sie politische Realität wurde.

Wenders : Wir haben nicht ohne Absicht die Akademie nach keinerlei politischen Grenzen definiert. Bei uns ist ganz selbstverständlich die Türkei mit dabei, wir haben auch israelische und palästinensische Filmemacher in unseren Reihen. Wir haben Europa wirklich im allerweitesten Sinne des Wortes gefasst. Und das zahlt sich auch aus. Das sind zum Teil die begeistertsten Mitglieder. Während ein paar von den alteingesessenen Kultur- und Filmnationen manchmal ein bisschen, na sagen wir mal, blasiert sind. Wir sind ja auch demnächst, zum 25. Jubiläum, bei einem ganz kleinen Europa-Zwerg: Mit der Filmverleihung 2012 sind wir in Malta, südlicher denn je.