Kinderlieder

Musiker Detlev Jöcker ist der King of Kinderpop

Mädchen wie Jungs lieben den Liedermacher Detlev Jöcker und Hits wie "1, 2, 3 im Sauseschritt". Doch jetzt hat sich eine Anti-Jöcker-Front gebildet.

Foto: obs / obs/DPA

Die Fans von Detlev Jöcker sind unerbittlich. Zunächst hören sie seine Musik Tag und Nacht, sie lachen, wenn sie seine Stimme hören, er tröstet sie, wenn sie traurig sind, er wiegt sie in den Schlaf. Sie lernen von Detlev Jöcker, sie zittern mit seinen Hauptfiguren und tanzen, wenn er sie dazu auffordert. Doch irgendwann können sie ihn nicht mehr hören. Und wenn Detlev Jöcker dann singt, schämen sie sich auch ein bisschen für ihn, dafür, dass sie ihn so gemocht haben.

Da geht es Detlev Jöcker vielleicht nicht anders als Abba, aber Jöckers Fans kommen eben niemals mehr zurück. Abba mag immer noch Bierlaunen-Musik sein, die am Ende einer Party jeden auf die Tanzfläche bringt, Jöcker wird das niemals werden. Wer will schon „Himpel und Pimpel heißen meine Füße“ um drei Uhr morgens hören. So betrunken kann man gar nicht sein.

Detlev Jöcker ist der erfolgreichste Kinderliedmacher Deutschlands. Seine Hits heißen „1, 2, 3 im Sauseschritt“ oder „Wir wollen eine Reise machen“, er erzählt vom kleinen Eisbären Lars, der sich mit seinem Freund, dem Tiger, auf den Weg nach Hause macht, er singt von Tischmanieren und Umweltschutz, und alles wird gut. Wer ein Kleinkind großzieht, will Detlev Jöcker am liebsten einmal eine Kopfnuss verpassen. Die Kinder wollen seine Lieder immer wieder hören. Immer, immer wieder.

Der Liedmacher vermarktet sich selbst

Jöcker kommt aus Münster, wohnt dort immer noch, in einem Haus, das sie auf dem Dach eines Einkaufzentrums errichtet haben, mitten in der Stadt mit Blick auf geschätzt 5000 Kirchtürme. „Die Leute denken immer, ich müsse auf einem Bauernhof oder gar in einem Bauwagen leben“, sagt er, dass passe wohl auch besser zum Image.

Doch Kindermusik ist ein einträgliches Geschäft. Vor allem, wenn man es wie Jöcker betreibt, mit einem eigenem Verlag. Es gibt keine Plattenfirma, und die gab es auch nie. „Direktversand“, sagt Jöcker und lacht, damit habe er angefangen. Inzwischen gibt es Bücher, DVDs, CDs, und bei Super RTL tritt Jöcker jeden Morgen um 6.50 Uhr auf. Wer da Fernsehen guckt? Rund 900.000 Kinder.

Für Jöcker ist diese Fernsehsendung eine Chance, sagt er, gar nicht um noch populärer zu werden und mehr Platten zu verkaufen, ihm gehe es eher darum, auch Kinder zu erreichen, die nicht zu seinem Stammpublikum zählen, das wohlsituiert, bürgerlich und bildungsnah ist, meist mit einem pädagogischen Hintergrund. Seit er die Sendung macht, kommen eben auch andere Kinder zu Konzerten, Kinder, die nicht mit Holzspielzeug aufwachsen, sondern eben um 6.50 Uhr Super RTL schauen.

Dieter Bohlen lehnte ihn ab

Anfang der Achtzigerjahre fing er an, Kindermusik zu machen. „Als mein erster Sohn auf dem Wickeltisch lag und ich feststellen musste, dass der das nicht unbedingt so mag, hab ich kleine Liedchen gesungen. Dann hab ich aus dem rechten Bein Himpel gemacht und aus dem linken Pimpel und die aneinandergerieben. Und im Grunde war dann schon eine Idee da.“ Er trat zum ersten Mal auf einem Fest im Kindergarten seines Sohnes auf.

„Die eine Mutter sagte, ich bring einen Kuchen mit, ein Vater wollte grillen. Und ich sagte, ich könnte ein paar Kinderlieder singen.“ Bei diesem Fest habe er festgestellt, dass es einen Bedarf für die Musik gebe. Zunächst wollte er den klassischen Weg beschreiten und einen Plattenvertrag abschließen. Dort saß er bei einem jungen Mann im Büro, der seine Turnschuhe auf den Schreibtisch legte und ihn freundlich ablehnte.

„Das war Dieter Bohlen. Er hörte sich meine Bänder an und sagte, ja du bist begabt, konnte mir aber nicht weiterhelfen.“ Schließlich lieh sich Jöcker Geld von seinen Eltern und schaltete in der Zeitschrift „Spielen und Lernen“ eine Anzeige und legte Postkarten bei, mit denen die Mütter seine Lieder bestellen konnten.

Jöcker trat im Circus Krone auf

Innerhalb von zwei Wochen hatte er das geliehene Geld wieder beisammen. „Kinderlieder müssen direkt in die Arme, Beine, Kopf und ins Herz der Kinder gehen. Die Sauseschrittlieder waren die Grundlage von allem, was folgte.“ Damals begann Jöcker auch Seminare für Erzieherinnen und Erzieher zu geben.

Zunächst im kleinen Rahmen, für vier Religionslehrer aus Münster, bis er schließlich viermal hintereinander im Münchener Circus Krone auftrat vor Tausenden Pädagogen aus ganz Deutschland, die wissen wollten, was sie machen müssen, um Kinder für Musik zu begeistern. „Natürlich nahmen die Menschen meine Platten mit in die Schulen und Kindergärten“, sagt Jöcker. Und die Eltern kauften sie schließlich auch. Mehr als 20 Millionen Mal.

Gerade ist er auf Tournee. Es sei schön zu sehen, dass im Konzert die Unterschiede zwischen seinem alten Publikum und dem Super-RTL-Publikum verschwinden. „Wenn ich das sehe, denke ich, dass ich den besten Job der Welt habe“, sagt Jöcker. Und das mit der Untreue, gebe sich mit der Zeit wieder, fügt er hinzu. „Inzwischen kommen viele Kinder von damals mit ihren eigenen Kindern wieder in die Konzerte. So schließt sich der Kreis.“

Detlev Jöcker ist bis zum 9.3.2012 auf Tour