Streit um "Occupy"

Comics für ein kryptofaschistisches Hollywood?

Weil er "Occupy"-Demonstranten als verwöhnte Bälger beschimpfte, sieht sich Comic-Autor Frank Miller ("300") im Zentrum antifaschistischer Verschwörungstheorien.

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Das Comicgenre stand bei Linksintellektuellen lange im Ruf, per se faschistisch zu sein. Schließlich ging es in den Anfangstagen vor allem darum, dass maskierte Helden Kommunisten , Volksschädlinge und fremdartig aussehende Freaks verprügelten. Der Science-Fiction-Autor Norman Spinrad konnte sich in seinem 1972 erschienenen Roman „Der stählerne Traum“ sogar vorstellen, dass Hitler – wäre er nach Amerika ausgewandert, statt Politiker zu werden – seine Vernichtungsfantasien in kommerziell einträglicher Weise als Comicautor hätte ausleben können.

Diese dunkle, faschistoide Seite des Comics thematisiert zu haben, ist das Verdienst von Alan Moore und Frank Miller. In den Achtzigerjahren neurotisierten sie mit „Watchmen“ oder „Batman. Der dunkle Ritter kehrt zurück“ die klassischen Superhelden und zeigten sie entweder als Menschen, die am Sinn ihres Kampfes zweifeln, oder als kranke Psychopathen. Gemeinsam wurden sie dafür als Erneuerer des Comics gefeiert.

Seitdem sind die Wege von Miller und Moore weit auseinander gegangen. Miller sieht sich in diesen Tagen mit dem Vorwurf konfrontiert, ein Wegbereiter des „kryptofaschistischen Hollywoods“ gewesen zu sein, und jüngere Kollegen beschimpfen ihn als senilen reaktionären Sack. Der Grund ist eine hasserfüllte Tirade Millers gegen die „Occupy“-Demonstranten. Seiner Meinung nach sind das nur verwöhnte Bälger, die nicht wahrhaben wollen, dass sich Amerika in einem Krieg befindet.

Daraufhin hat man sich erinnert, dass Millers Bücher schon öfter ideologisch Verdacht erregten. Im erfolgreich verfilmten „300“ geht es um opferwillige Krieger, die den Westen (in diesem Falle Hellas) gegen orientalische Horden verteidigen. Noch deutlicher trat diese Tendenz in seinem neuesten Werk „Holy Terror“ zutage, in dem ein einsamer Rächer es mit einer Armee turbantragender islamischer Assassinen aufnimmt.

Alan Moore dagegen ist bis heute dem Anarchismus treu geblieben, den er zum Beispiel in „V for Vendetta“ propagierte. Umso mehr freut ihn, dass gerade dieses Werk Protestbewegungen in der ganzen Welt inspiriert. Westliche Kapitalismuskritiker, aber auch tunesische Schulklassen zeigen sich mit der Guy-Fawkes-Maske, die Moores einsamer Streiter gegen einen faschistischen Big-Brother-Staat in „V“ trug.

Allerdings bezweifelt er, dass die Demonstranten alle mit seinem Werk vertraut seien. Wenn die Maske im gegenwärtigen Kontext überhaupt für etwas stehe, sagte er jetzt dem „Guardian“, dann für die „Vox Populi – die Stimme des Volkes: Dies ist das Volk – jenes geheimnisvolle Wesen, das so oft beschworen wird.“

Aber wie überall in der Kunst sind auch die Grenzen zwischen Gut und Böse, rechts und links manchmal fließender, als es Schubladendenken wahrhaben will. Hat doch der marxistische Philosoph Slavoj Zizek gerade in der „Morgenpost Online“ noch viel heftiger gegen die „Occupy“-Protestler gepöbelt als der „rechte“ Miller. Andererseits trugen Moskauer Neonazis bei einem Marsch Anfang November die Guy-Fawkes-Vermummung genauso wie linke Gegendemonstranten. Die „Vox Populi“ kann auch faschistisch rau klingen. Und der Rächer unter der Maske ist manchmal eben doch ein Nazi.