"37 Grad "-Reportage

Schlechter Voyeurismus im "Dollhouse"

Sie haben Abitur und bieten trotzdem ihren Körper an: Die ZDF-Reportage "37 Grad" hat drei Frauen begleitet, die in der Erotikbranche arbeiten.

Als Prostituierte zu arbeiten, das bedeutet für Kyra mit ihrem Rollkoffer in ein schickes Zimmer mit Dielen, hohen Decken und Kronleuchter zu gehen. Die tiefrote Farbe der Wände wurde mit einem Schwamm aufgetragen. Die 30 Jahre alte Blondine holt die Schachtel mit Schokoladenbonbons aus ihrem Koffer, rückt das rote Kopfkissen gerade und zündet ein Teelicht an.

Kyra, Heidi und Cleo – so heißen die drei Frauen, die die Filmemacherin Susanne Brand für die ZDF-Reihe „37 Grad“ bei deren Arbeit im Erotikgeschäft begleitet hat. Sie verdienen ihr Geld als Prostituierte, Stripperin und Webcam-Model. So ein Job, das wurde in den ersten Minuten der Sendung klar, scheint lässig zu sein und vor allem gut bezahlt.

Der Körperkontakt mit fremden Männern? Geschenkt, findet Kyra. „Da kann ich dann immer ganz gut sagen: ‚Naja gut, ich hab’ halt Sex und auch nicht immer schlechten, ne?’“ Schon der Titel der Sendung – „Ich mach’ mein Geld mit Sex!“ – kam ungewohnt plakativ daher, und das in einer Sendereihe, die eigentlich für sensible und zurückhaltende Reportagen bekannt ist.

Kyra hat Abitur, die 24 Jahre alte Heidi studiert Germanistik und Philosophie und Cleo hat ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen. Auch mit Grips kann man seine Erfüllung in der Erotikbranche finden, das war wohl die These des Films, und so wirkten die drei wie unschuldige, nette Frauen von nebenan.

Schulden, der Unterhalt fürs Studium und die Lust auf Luxus nennen sie als Grund für ihre Jobs. So weit, so normal.

Der Zoom auf das Dekolleté

Das Thema des Films war nicht neu. Im Mai veröffentlichte das Studienkolleg in Berlin eine Studie, der zufolge sich jeder dritte Student in der Hauptstadt vorstellen könne, mit Sex Geld zu verdienen. Dazu kamen Bekenntnisbücher auf den Markt wie „Und nach der Vorlesung ins Bordell“ und „Fucking Berlin: Studentin als Teilzeit-Hure“ (2008).

Die meisten Autorinnen schrieben unter Pseudonym oder gaben sich in Interviews nicht zu erkennen. Brand und ihr Team hingegen fanden in einem dreiviertel Jahr drei Frauen, die bereit waren, offen vor der Kamera zu reden. Kyra, Cleo und Heidi hätten zeigen wollen, dass sie ganz normale Menschen seien, heißt es in einem Text von Brand in der ZDF-Mediathek.

Das Team begleitete die drei Frauen in ihrem Alltag, in den Hörsaal oder in den Park, und natürlich auch zum Arbeitsplatz: ins Hamburger „Dollhouse“, in Cleos Wohnung, wo die 31-Jährige in Dessous vor der Webcam sitzt, und in Kyras Appartements, die sie bundesweit gemietet hat, um ihre Freier zu bedienen.

Doch die Bilder, die dabei entstanden sind, entsprachen Klischees und unterschieden sich kaum von Formaten privater TV-Sender. In Nahaufnahme wurde gezeigt, wie sich eine Frau die Nylons anzieht, die High Heels zubindet und Unterwäsche sortiert. Das Team zoomte auf das Dekolleté und unter den Rock. Unter viele Szenen wurden Party-Beats gelegt.

Argloser Umgang mit der Prostitution

Das Team um Brand hat sich alle Mühe gegeben, die Prostitution von ihrem Schmuddel-Image zu befreien. Die Dreharbeiten hätten sie stark irritiert, schreibt Brand, da sich gezeigt habe, wie arglos diese Frauen mit dem Thema umgehen und wie gut das für sie funktioniert. Es ist schade, dass Brand ihrer Irritation nicht nachgegeben hat.

So blieb der Zuschauer ratlos zurück und fragte sich, ob die Frauen von ihren Jobs wirklich so unberührt bleiben können, wie im Film dargestellt. Alle drei arbeiten im gehobenen Segment der Branche, Kyra kann es sich leisten, auch mal Nein zu sagen. Man darf bezweifeln, dass das der realistische Alltag einer Prostituierten in Deutschland ist.

Kritische Fragen wurden zwar von der Sprecherin aufgeworfen: Ist es wirklich ein Job wie jeder andere? Lohnt es sich für das viele Geld wirklich, den Kontakt zur Familie abzubrechen?

Die Antworten darauf aber waren mager und erschreckend naiv: Kyra erzählt, sie sei durch eine Annonce auf den Job aufmerksam geworden, und feiern und lustig sein, das könne sie ja. Nur manchmal wurden die Schattenseiten gestreift.

Heidi berichtet von aggressiven und betrunkenen Männern, und ja, der Job als Stripperin habe sie härter gemacht.

Und Cleo berichtet mit einem Schulterzucken, dass ihr Stiefvater sie als Vierjährige missbraucht habe. Doch all das bleibt Nebensache. Ein Büroleben mit festen Arbeitszeiten sei einfach nichts für sie.

Keine freiwillige Ursache für Prostitution

„Sie schlägt aus ihrem Körper Profit – ohne mit der Wimper zu zucken“, sagt die Sprecherin über Kyra, und fast klingt es anerkennend. Weder sie noch die Frauen wurden müde zu betonen, dass sie diese Jobs aus freiem Entschluss machen.

Dieser Haltung hätte die britische Feministin Natasha Walter vehement widersprochen: „Ich glaube, dass der Entschluss, Attraktivität als Schlüssel zum Erfolg anzusehen, in der westlichen, modernen Kultur kein freiwilliger ist“, schrieb sie in ihrem 2009 erschienenen Buch „Living Dolls“ .

Es sei vielmehr das Resultat einer Gesellschaft, in der Pornografie inzwischen als cool gelte und in deren Mitte die Sexindustrie längst angekommen sei. Eine ebensolche Einordnung hätte auch Brands Film gut getan.

Es wirkte deshalb fast komisch, als Kyra („Ich hatte schon immer ein ausgeprägtes Verhältnis zur Sexualität“) versucht, ihren Job zu rechtfertigen. Sie sei wie eine Unternehmerin, sagt sie, schließlich müsse auch sie Termine koordinieren, die Buchhaltung machen und die Steuererklärung abgeben. Sie wolle selbständig und Single bleiben; zu Hause auf den Mann zu warten, der das Geld bringe, sei nichts für sie. Der einzige Nachteil sei, dass sie in ihrem Job so wenig Zeit habe.

„Sie sind jung, brauchen das Geld und würden es wieder tun“, schnurrte die Sprecherin zum Ende. Sie bereue nur, dass sie nicht schon früher angefangen habe, als Prostituierte zu arbeiten, resümiert Cleo.

Da sei sie knackiger gewesen und hätte noch mehr Geld verdient. Ein trauriger Film.