Sex und Kunst

Die Porno-Industrie in skizzenhafter Unschuld

Wie Linda Lovelace zum Pornostar wurde, schildert die französische Zeichnerin Nine Antico in ihrem Comic "Coney Island Baby" in graphischen Bildern.

Frauen erscheinen uns im Mainstreamporno heute als Objekte von Ausbeutung und Erniedrigung. Wenn Pornografie aber nicht nur die ewige Vermarktung des Immergleichen ist, kann sie auch Selbstverwirklichung sein - so sehen viele die Sache seit den 70ern, als der legendäre Film "Deep Throat" ins Kino kam und Porno sexuelle Befreiung zu sein schien.

Die Geschichte des zur Schau gestellten Körpers verläuft zwischen diesen beiden Wegen, was nun auch ein anspruchsvoller Comic untersucht. Die junge französische Zeichnerin Nine Antico nahm sich in ihrem deutschen Debüt "Coney Island Baby" (Edition Moderne, 24 Euro) der Lebensgeschichten von Bettie Page und Linda Lovelace an. Sie ist damit thematisch im Herzen der Sexindustrie - aber sie macht nichts Prickelndes daraus. Und das mit gutem Grund.

In einem Abstand von rund zwanzig Jahren standen ihre beiden Protagonistinnen jeweils an einem Wendepunkt, was die gesellschaftliche Akzeptanz des zur Schau gestellten Körpers angeht. Die Posen der Bettie Page wurden in den 50er-Jahren zum Inbegriff der Pin-up-Kunst. Linda Lovelace spielte 1972 die Hauptrolle in "Deep Throat", worin sich die Klitoris der Heldin in ihrem Rachen verbirgt. Der Porno spielte angeblich 600 Millionen Dollar ein.

Um beider Schicksale zusammenzuführen, tritt im Comic in einer rein fiktiven Rahmenhandlung Hugh Hefner als Erzähler auf. Der Gründer des "Playboy" berichtet zwei Anwärterinnen auf einen Platz in der Playboy Mansion aus dem Leben der Sex-Ikonen. Seine kurze Geschichte der amerikanischen Sexindustrie beruht auf dokumentarischen Quellen und dient dazu, die Etappen der amerikanischen Körperkultur historisch aufzuarbeiten.

Aktversuche in Schwarz-Weiß

Die schwarz-weißen Bilder von Nine Antico ebnen das Zeitkolorit der beiden Epochen komplett ein. Sie betonen die Posen und dadurch das Selbstbild der Protagonistinnen. Selbst wenn die Bilder explizit werden, haben sie weder etwas Stimulierendes noch etwas Anstößiges an sich.

Die Zeichnungen sind weder sinnlich noch hässlich, weder erotisch noch pornografisch, sondern genauso skizzenhaft wie das Comic-Szenario. Die leibhaftigen Männerfantasien Bettie Page und Linda Lovelace wirken selbst in expliziten oder drastischen Szenen wie unschuldige Aktversuche.

Es gehört zum Handwerk von Comiczeichnern, Körper in Flächen und Linien zu zerlegen, aber gerade hier hätte ein wenig mehr Naturalismus dem Leser die Sache wesentlich anschaulicher gemacht. Denn so tritt der Kern der Geschichte in den Hintergrund: Warum wirkten gerade diese Frauen so, wie sie es in ihrer Zeit taten? Warum wurden sie zu Ikonen?

Die Stärke des Doppelporträts besteht darin, dass Bettie Page und Linda Lovelace tatsächlich die beiden Pole der pornografischen Darstellung verkörpern: Die eine suchte nach einem authentischen Ausdruck für ihr Körper- und Schönheitsgefühl, die andere lotete die Extreme des Sex aus.

Künstler entdeckten die Pornografie

Linda Lovelace geriet zur ersten populären Vertreterin der pornografischen Massenware, wie wir sie heute kennen, in der beim Sex problemfrei Leistung gezeigt wird. Als sie Mitte der 70er aufhörte zu tun, was von ihr erwartet wurde, sank ihr Stern sofort. Bei ihrem Tod vor neun Jahren war sie im Wesentlichen vergessen. Damals erinnerte man sich erst in Nachrufen plötzlich wieder daran, wie viel sie einst ausgelöst hatte.

Künstler und Intellektuelle interessierten sich, durch "Deep Throat" angeregt, in den 70ern ebenso für Pornografie wie die Upperclass. Ralph Blumenthal von der "New York Times" nannte diese neue Attitüde "porno chic". Er existiert heute in der Werbung, wo er Alltagsgesten und Alltagsgegenstände sexuell auflädt. In den 70ern konnte das zumindest noch als Emanzipation gelten: als Entdeckung der eigenen Sexualität und ihrer Bedeutung in der Gesellschaft.

Das verbindet Lovelace in wohlwollender Sichtweise mit Bettie Page. Das Model ist nicht allein die Urahnin der überstilisierten Fetisch-Erotik, wie sie beispielsweise durch Dita Von Teese wieder populär geworden ist. Obwohl sie Pornografie ablehnte, kann man sie als Vorreiterin des Pro-Sex-Feminismus betrachten, dessen Vertreterinnen sich hinter diejenigen stellen, die im Sexmilieu arbeiten, und sie nicht grundsätzlich als Unterdrückte behandeln. Sie betrachten Sex als ein Ausdrucksmittel unter anderen, dessen man sich aus freien Stücken bedienen kann. Es geht ihnen darum, sich wieder des eigenen Körpers zu bemächtigen.

Hugh Hefner übernimmt im Comic den Part der allwissenden Erzählfigur. Er referiert den beiden Mädchen aus den Lebensgeschichten der Sexikonen, damit sie wissen, welche Schicksalsschläge und Gefahren sie in seinem rauen Business erwarten könnten.

Hugh Hefner erklärt die Sex-Industrie

Sie hören, wie Bettie Pages Fotokarriere zu Ende ging, als die amerikanischen Sittenwächter auf ihre Bondage-Fotos aufmerksam wurden. Sie hören, dass Linda Lovelace vergeblich darum kämpfte, ernst genommen zu werden, bevor sie zu einer radikalen Feministin wurde und erklärte, bei "Deep Throat" vergewaltigt worden zu sein.

So sicher sich Nine Antico bei der Auswahl ihrer Repräsentanten zeigte, so sehr liegt sie bei ihrer Erzählfigur daneben. Zwar posierten beide Frauen tatsächlich für den "Playboy", für beider Karrieren spielte das aber nur eine Nebenrolle.

Der Comic reproduziert genau das Image, das Hefner werbewirksam von sich entwarf, indem er sich als wohlmeinender Papa ausgeben darf, der sich um seine blonden Häschen kümmert. Er verschafft der alternden Bettie Page sogar noch ein Gnadenbrot. Diese Fiktionalisierung schmeichelt dem "Playboy"-Erfinder allzu sehr. Seine Existenz als Mittelpunkt der Trash-Soap "The Girls of the Playboy Mansion" kommt nicht vor. So wollte "Coney Island Baby" ein aufklärerischer Comic werden und zementiert doch alte Klischees.

Persönlichkeiten im Pornogeschäft

Eine Frau wie Jenna Jameson, die im Pornogeschäft heute vollständig über die Bilder von sich herrscht, wäre eine bessere Vermittlungsinstanz gewesen. Bettie Page stieß an die Grenzen dessen, was einer selbstbewussten Frau zu ihrer Zeit erlaubt war. Linda Lovelace hielt sich für den kommenden Weltstar, weil sie glaubte, dass die Pornografie massentauglich geworden wäre. Das erzählt der Comic so, dass die Persönlichkeiten der beiden Frauen schemenhaft hervorschimmern.

Dabei liest er sich aber wie eine akademische Trockenübung, bei der die buchstäblich körperliche Dimension des Ganzen keine sichtbare Rolle spielt. Was allerdings gerade bei diesem Konzept völlig fehlt, ist die Brücke zur Gegenwart. Damit nimmt das Buch dem Leser jede Chance zu erfahren, wie es denn inzwischen mit der Körperkultur zwischen Selbst- und Fremdbestimmung bestellt ist.