Aus der Ruhe scheint Eugen Ruge, der gerade für sein Debüt "In Zeiten abnehmenden Lichts" den Deutschen Buchpreis erhalten hat , zumindest an diesem Morgen kaum etwas zu bringen. Außer einer gefährlich vollen Kräuterteekanne vielleicht. Der späte Debütant, Mathematiker, Drehbuchschreiber und Sohn des bedeutenden DDR-Historikers Wolfgang Ruge hat sein Projekt mit sich herumgetragen. Dann hat der 57-Jährige in den vergangenen drei Jahren mit sehr viel Humor und Konstruktionswillen einen Roman vom Verfall einer Familie, einer Ideologie und eines im deutschen Bewusstsein allmählich verblassenden Landes geschrieben – der DDR. Morgenpost Online sprach mit Eugen Ruge in Frankfurt.
Morgenpost Online: Guten Morgen, was ist das denn eigentlich für ein Licht, das da abnimmt in Ihrem Roman?
Eugen Ruge: Es ist die Geschichte vom Verlöschen einer Ordnung, eines Landes, einer Idee. Und vom Verlöschen einer Familie. Meiner Familie. Eigentlich aber ist die Zeit des abnehmenden Lichts natürlich jene Zeit im Jahr, an dem die Tage wieder kürzer werden, nach der Johannisnacht. Ich bin selbst am 24. Juli geboren, genau in der Johannisnacht. Die Tatsache, dass nach meinem Geburtstag die Tage kürzer werden, dass das Licht abnimmt, das hat mich beschäftigt, beunruhigt.
Morgenpost Online: Als Sie angefangen haben zu schreiben an dem Roman, war die DDR längst Geschichte. Ist Schreiben für Sie Anschreiben gegen das Vergessen?
Ruge: Auf jeden Fall. Aber die Tatsache, dass man sich der eigenen Geschichte, der Familie, des Landes und der Zusammenhänge, in denen man nun einmal steckt, bewusst ist, ist ein zentraler Moment für die Ausbildung eines Bewusstseins. Und jene, die erzählen können, die das erlebt haben, die sind in der Pflicht, das zu überliefern. Dieser Prozess ist aber durch die Schnelllebigkeit unserer Zeit und dadurch, dass man sich dem Alter gegenüber herablassend verhält, ins Stocken geraten. Mein Roman ist auch ein Versuch, sich dagegen zu wehren.
Morgenpost Online: War es auch ein Versuch der Selbstvergewisserung, der Versuch, noch einmal etwas zu lernen aus Ihrer Familiengeschichte?
Ruge: Meine Familie hatte ich schon vorher einigermaßen verstanden. Aber das Wort Selbstvergewisserung trifft es schon. Zum Selbst gehört ja auch eine Welt, in der man gelebt hat, die man kennt. Die war ja in meinem Fall vor allem die DDR. Nachdem die DDR als politisches System mit großem Recht verschwunden ist, gibt es nachträglich eine Tendenz, das Leben in der DDR zu entwerten, als minderwertig, weniger lebenswert zu betrachten. Das empfinde ich allerdings nicht so. Und mich dessen zu vergewissern, dass es doch ein Leben war, ein lebenswertes, dessen mich zu vergewissern und das in einer Erzählung zu fassen, zu bannen, war schon einer der Erzählantriebe.
Morgenpost Online: Hätten Sie den Roman auch geschrieben, wenn Ihr Vater, der im Jahr 2006 gestorben ist, noch am Leben gewesen wäre?
Ruge: Wahrscheinlich nicht. Ich habe lange über den Roman nachgedacht, auch schon vor dem Tod meines Vaters. Ich kam aber nicht weiter, ich hab's versucht, es hat nicht funktioniert. Vielleicht hätte ich einfach warten sollen, aber so denkt man halt nicht. Aber die Distanz hatte auch etwas Gutes: Ich musste nicht mehr mit den Figuren abrechnen. Ich habe weder jemanden verteidigt, noch jemanden verurteilt.
Morgenpost Online: Nun sind Sie ja von Hause aus Mathematiker. Gibt es denn wenigstens ein paar mathematische Spuren in Ihrem Schreiben?
Ruge: Als Mathematiker lernt man räumliches Sehen, hat man mehr mit Räumen als mit Zahlen zu tun. Die Struktur des Romans ist nun für mich weniger eine Tabelle als ein Raum. Das mathematische Denken hat mir schon sehr geholfen, diesen Raum, der ja groß ist, in dem es viele Verschränkungen, Verwicklungen, Referenzen gibt, diesen Raum in seiner Gesamtheit über drei Jahre hinweg im Kopf zu bewahren und immer wieder zu verändern, zu verschieben.
Morgenpost Online: War Mathematik eigentlich immer schon Ihre Leidenschaft?
Ruge: Leidenschaft, naja. In der zehnten, elften Klasse hatte ich mich in meine Mathematiklehrerin verliebt. Und sie sich in mich. Das war eine sehr ernsthafte, leidenschaftliche Beziehung. Nach der Schule haben wir sogar geheiratet. Das hat schon stark dazu beigetragen, dass ich Mathematik studierte. Mein Vater fand das übrigens gut. Der wollte sowieso, dass ich einen wissenschaftlichen Beruf ergreife, möglichst einen, in den die Partei nicht reinquatschen kann, einen ideologiefreien Raum sozusagen. Und das war die Mathematik ja. Reingequatscht hat die Partei dann trotzdem.
Morgenpost Online: 1988 haben Sie dann die DDR verlassen.
Ruge: Ich bin nicht vor Problemen geflohen, ich bin geflohen, weil ich die DDR langweilig fand und für das Land keine Zukunft sah. Ich hatte auch keine Hoffnung, dass das erneuerbar war, dass jetzt der demokratische Sozialismus kommt. Mir war ganz schnell klar, dass das, was kommt, das ist, was wir in der Bundesrepublik damals hatten.
Morgenpost Online: Bei Alexander, Ihrem Alter ego im Roman, wird eines Tages eine tödliche Krankheit diagnostiziert, weswegen er Hals über Kopf nach Mexiko flieht. Gab's die auch in Ihrer wahren Wirklichkeit?
Ruge: Doch, die gab's tatsächlich. Und die war auch einer der Schreibanlässe. Nur war das, was da diagnostiziert wurde, entweder ein Fehler. Oder der Krebs hat sich zurück gebildet, und es war einer der wenigen Fälle einer Wunderheilung, einer Selbstheilung.
Morgenpost Online: Einer Selbstheilung durch Literatur!
Ruge: Oder durchs Laufen. Das war nicht mehr herauszufinden. Jedenfalls hat sich der Schreck darüber schon eingeschrieben in den Roman.
Der von Eugen Ruge im Rowohlt-Verlag erschienene Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ erzählt die Geschichte von drei Generationen einer Familie in der DDR – vom Ost-Anfang bis zur West-Wende. Der stark autobiografisch geprägte Roman ist zwischen Berlin, der Sowjetunion und Mexiko angesiedelt. Es ist kein Wenderoman, vielmehr geht es um die Geschichte einer weitverzweigten Familie, die einmal an die DDR geglaubt hat – mit allen Hoffnungen und zerstörten Illusionen.
1954 wurde Eugen Ruge im russischen Ural geboren. Später geht die Familie nach Ost-Berlin, dort studiert er Mathematik an der Humboldt-Universität und wechselt ans Zentralinstitut für Physik der Erde in Potsdam. 1988 floh er in den Westen und hat sich bisher als Theater- und Hörfunkautor einen Namen gemacht. Seit 1986 beschäftigte er sich mit der Schriftstellerei. Zeitweise hat er auch als Gastprofessor an der Universität der Künste gelehrt. Ruge lebt in Berlin und auf der Insel Rügen.




