Deutscher Buchpreis 2011

Der leidende Theater-Darsteller in der Provinz

"Wunsiedel" heißt Michael Buselmeiers Roman, der von einem Theater-Darsteller handelt – und auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht.

Theaterroman, so lautet der Untertitel von Michael Buselmeiers „Wunsiedel“ – vordergründig aus einem sehr einfachen Grund: Der Roman spielt auf dem Theater. Im Jahr 2008 kehrt Buselmeiers Protagonist, der gealterte Moritz Schoppe, besuchsweise an die Freilichtbühne Wunsiedel zurück; 44 Jahre zuvor hat er hier, in der oberfränkischen Provinz, sein erstes Engagement als Dramaturg und Darsteller – nun ja: durchlitten.

Ein Nervenschauspieler sei er, hat damals sein Förderer (ein Mann mit nicht nur hehren Absichten) gesagt – die Betonung lag vielleicht auf Nerven. Wunsiedel – im Bildungsgang des Moritz Schoppe steht der Name für: Krise. Wunsiedel – der Ort fordert den alten Schoppe zu gewissermaßen doppelt belichteten Beobachtungen heraus.

In der Prosa Buselmeiers, ganz im Präsens gehalten, verschwimmen Wunsiedel damals und Wunsiedel jetzt; Wunsiedel entpuppt sich als Drehbühne in Schoppes Theater des Lebens. Architektur oder Natur werden zu Kulissen und Requisiten des Empfindens: „Die fränkischen Bauernhäuser am Wegrand, ernst auf den Abend zu mit immer längeren Schatten …“

Heimatroman – das hätte für „Wunsiedel“ auch gepasst. Mit feiner Ironie und leiser Sehnsucht notiert Schoppe, was Wunsiedel war und geworden ist: Die bundesrepublikanischen Jahre vor ’68 scheinen auf, als wäre die Provinz der Kulminationspunkt der frühen Bonner Jahre gewesen, ihr geheimes, verschlafenes Zentrum, das Schoppe, der schon vom Aufbruch des bilderstürmenden Regietheaters träumt, als junger Mann wecken wollte – und nach dem er sich nun, da es für immer entschlafen ist, zurücksehnt.

„Das Leben gleicht einem Buche“, so schrieb es der große Erzähler Jean Paul, ein gebürtiger Wunsiedeler. „Toren durchblättern es flüchtig; der Weise liest es mit Bedacht, weil er weiß, dass er es nur einmal lesen kann.“

Michael Buselmeier: Wunsiedel. Theaterroman. Wunderhorn, Heidelberg.158 S., 18,90 Euro.