Krisenbuch "Next"

Wenn der Mensch von der Software ausgelöscht wird

Die Autorin Miriam Meckel entwirft in "Next" eine apokalyptische Vision: Nach einem digitalen Infarkt übernehmen Rechenmonster die totale Kontrolle.

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Zwanzig Datenpunkte reichen aus, um einen Menschen zu berechnen. Wo wir leben, was wir kaufen, wohin wir reisen, wen wir lieben – alles wertvolle Informationen, die wir freiwillig hergeben, damit das Leben einfacher wird. Denn die Algorithmen sind unsere Freunde. Sie wissen, welche Musik wir mögen und wen wir mal wieder anrufen sollten.

Sie sagen uns, wer wir sind und sie sind ehrlich mit uns. Das glaubten wir jedenfalls, bevor die Algorithmen die Weltherrschaft übernahmen und Mensch und Maschine eins wurden. Die einzige Aussage, die wir dann noch mit Sicherheit treffen können, lautet: "Ich bin mein Profil." Dies ist die Zukunft, wie sie die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel in ihrem neuen Buch beschreibt.

Wie schon ihre früheren Bücher "Das Glück der Unerreichbarkeit" und der Bestseller "Briefe an mein Leben" gehört "Next. Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns" (Rowohlt, 320 Seiten, 19,95 Euro) zum Genre des populären Krisenbuchs, dessen Geheimnis es ist, Themen, die alle irgendwie betreffen, so aufzuschreiben, dass jeder intuitiv mitnickt und kluge Argumente für die nächste Stammtisch-Diskussion sammeln kann. Meckel beherrscht dieses Genre meisterlich – sicher auch, weil sie als Kommunikationswissenschaftlerin weiß, wie Themenkarrieren verlaufen und mit welchen Mitteln man ein großes Publikum erreicht.

Eines dieser Mittel ist die Personalisierung, die Meckel betreibt. Das ist nicht unklug, denn in der Tat lebt sie selbst ein Leben, das als Extremform des modernen, erfolgreichen Lebens gelten kann: Erst Journalistin, dann Sprecherin des NRW-Ministerpräsidenten, dann Staatssekretärin, dann jüngste Professorin Deutschlands, Harvard, St. Gallen, Vorträge in der ganzen Welt und Auftritte in allen möglichen Talkshows.

Freiwillige 18-Stunden-Arbeitstage

Insofern sind ihr Anti-Multitasking-Buch "Das Glück der Unerreichbarkeit" und der Bestseller "Briefe an mein Leben", in dem sie ihre Burnout-Erkrankung aufarbeitet , logische Stationen einer zeitgenössischen Krisenbuch-Autorin. Doch dabei bleibt es nicht. Hinter dem kulturkritischen Impetus beider Bücher steckt eine an Foucault geschulte Gesellschafts- und Medienanalyse. Populär formuliert: Gezwungen, so zu leben, hat uns ja keiner.

Freiwillig haben wir 18 Stunden im Büro gesessen, sind von einem Termin zum nächsten gehetzt, haben auch am Wochenende permanent E-Mails gelesen. Es hat uns sogar Freude gemacht. Wir dachten, wir wären frei, aber wir waren es nicht. Die ausbeuterischen Prinzipien des Taylorismus sind so weit in unser Denken eingedrungen, dass wir selbstausbeuterisch handeln und daran zu Grunde gehen.

Der Mensch gibt seinen Geist auf

"Next" treibt diese populäre Form des foucaultschen Denkens nun auf die Spitze. Analog zum mentalen Infarkt des Burnouts sieht Meckel einen digitalen Infarkt kommen, der die Menschheit über kurz oder lang vollkommen auslöscht. Auch hier geschieht alles auf der Basis scheinbarer Freiwilligkeit: Freiwillig überlassen die Menschen den Algorithmen immer mehr Informationen, sie perfektionieren deren Funktionsweise so weit, bis die Rechenmonster komplett die Kontrolle übernehmen – zuerst über den Geist, dann über den menschlichen Körper, der nach einer Phase der Symbiose schließlich ganz im digitalen System aufgeht.

Meckel hat ihrem neuen Krisenbuch romanhafte Züge gegeben. Ihre apokalyptische Zukunftsvision erzählt sie aus zwei Perspektiven: Aus der eines Algorithmus und der des letzten Menschen. Eine solch ungewöhnliche Herangehensweise birgt jedoch Risiken, denen Meckel als wissenschaftlich versierte, literarisch jedoch ungeübte Autorin nicht gewachsen ist.

Mit der Fiktionalisierung geht auch die analytische Klarheit verloren, die Meckels Stellungnahmen sonst so positiv hervorstechen lässt. Weder Algorithmus noch letzter Mensch können präzise rekonstruieren, wie es zur Verschmelzung der beiden Systeme gekommen ist. Eine Lückenhaftigkeit, die es in Meckels neuer Welt eigentlich gar nicht geben dürfte. Denn menschliches Vergessen ist eine Kategorie der "Körperzeit", die in der "Systemzeit" der Algorithmen keinen Sinn mehr hat, weil alles in unendlichen "Archiven" gespeichert ist.

Um glaubhaft die Perspektive eines Algorithmus einnehmen zu können, musste Meckel sich konsequent in die Logik der Software eindenken. Die Folge sind vagabundierende Satzschleifen, wenig komplexe Gedankengänge und eine Sprache, die mitunter ins Schülerzeitungshafte kippt.

Algorithmen zerstören Kreativität

Geschickt antizipiert Meckel dieses Manko, indem sie den Algorithmus berichten lässt, wie er immer wieder daran scheitert, das menschliche Erzählen zu dekodieren, und deshalb nur ein noch nicht ausgereiftes Sprachprogramm zur Verfügung hat. Auch die eingeschränkte Sprachfähigkeit des letzten Menschen erklärt sich bei Meckel damit, dass die kalte Zahlenlogik der Algorithmen jede menschliche Kreativität zerstört hat.

Die Autorschaft an ein sprachunfähiges Erzählprogramm abzugeben, mag vordergründig ein geschickter Schachzug sein, weil dann alle Unzulänglichkeiten als "gewollt" durchgehen. Doch sie sind eine Zumutung für den Leser. Und als Autorin verschenkt Meckel damit eine Menge Potenzial. Denn ihr Gedankenspiel ist durchaus bedenkenswert – auch wenn sie nun wahrlich nicht die Erste ist, die auf die Gefahren des personalisierten Internets hinweist.


Personalisiert heißt hier nicht nur, dass Amazon uns Bücher vorschlägt, die uns auf Facebook "gefallen" haben, sondern auch, dass Google zwei Menschen, die nach demselben Begriff suchen, nicht die gleiche Ergebnisliste liefert. Eine drastische Beschneidung unseres Blick- und Denkfeldes, die einigen wenigen Unternehmen weitreichende Manipulationsmöglichkeiten eröffnet. Natürlich können wir die Buch-Empfehlungen immer noch ablehnen und den Bias der Google-Suche jedes Mal in unsere Meinungsbildung mit einbeziehen.

Auch außerhalb des Internets entscheiden und handeln wir schließlich nicht voraussetzungsfrei. Und doch stellt sich die Frage, wie lange wir die Dissonanz digitaler "Wirklichkeiten" aushalten können, bevor wir unserer Gewohnheit entsprechend den Weg des geringeren Widerstandes gehen.

Menschen sind mit digitaler Lebenswelt überfordert

Zentral ist für Meckel, dass es sich bei all dem nicht um den Kampf zwischen Mensch und Maschine handelt, sondern um den Kampf des Menschen mit sich selbst.

An dieser Stelle offenbart sich einmal mehr das Muster, nach dem Meckel ihre Bücher schreibt. Ganz nach Luhmann geht sie auf Distanz zur eigenen Biografie und versucht sich als Beobachterin ihrer Beobachtungen. So wird die eigene Überforderung zum Symptom einer Krankheit, an der die ganze Gesellschaft leidet, und das Buch ein Mittel, diesen Zustand zu überwinden.

Denn im Buch muss die Autorin Komplexität reduzieren und das Problem in eine möglichst eingängige Sprache und allgemein verständliche Bilder verpacken. Um die Überforderung mit der digitalen Lebenswelt handhabbar zu machen, hätte Meckel keine formal ambitionierte Science-Fiction schreiben müssen. Ein klassisches Thesenbuch wäre überzeugender gewesen.