Melvilles Roman

"Moby Dick ist das Senkblei der Geschichte"

Herman Melvilles ungestümer Monster-Wal Moby Dick hat etwas mit Fukushima und Godzilla zu tun, sagt Kulturwissenschaftler Joseph Vogl im Interview mit Morgenpost Online.

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Kaum ein Buch hat der Nachwelt mehr Rätsel aufgegeben als Herman Melvilles Roman „Moby Dick“, 1851 erschienen. Der amerikanische Schriftsteller erzählt darin von der Jagd auf einen Wal. Doch aus dem Werk lässt sich die Geschichte des modernen Menschen und seiner Kämpfe mit dem Unbeherrschbaren herauslesen – bis zur Katastrophe von Fukushima .

Morgenpost Online : Lassen Sie uns über das Kapitel „Die große Armada“ sprechen, über das Walfangschiff, das in der Straße von Malakka im Indischen Ozean liegt – einer berüchtigte Piratengegend.

Joseph Vogl : Die Gegend wird schon im 18.Jahrhundert als Wildnis beschrieben, als Gebiet der Gesetzlosigkeit. Der Pirat ist ja überhaupt der Gesetzlose schlechthin, ein Feind der Menschheit, wie Carl Schmitt ihn nannte.

Morgenpost Online : Es gibt diese gefährliche Zone, an der Grenze zum Pazifik.

Vogl : Das Gebiet ist in mehrfacher Hinsicht eine gefährliche Zone. Auf der einen Seite ist es eine Überblendung von internationalen Verkehrswegen, also von Frachtschiffen, die Reichtümer nach Europa oder in die Vereinigten Staaten transportieren. Auf der anderen ist da die Verunsicherung durch Piraterie. Außerdem gibt es, wenn man in dieses Gebiet eindringt, auch eine ganz eigentümliche Ununterscheidbarkeit: Land und Meer gehen ineinander über, Konturen verwischen sich. In dem Gebiet lösen sich Gegensätze auf.

Morgenpost Online : Der Erzähler berichtet, dass die Pottwale, die von den Menschen gejagt werden, sich zu einer Armada zusammenschließen. Sie bilden eine gefährliche Formation von Leibern parallel zum Schiff. Was bedeutet das?

Vogl : Seltsam ist diese Szene, weil nun Kapitän Ahab mit seinem Schiff, der „Pequod“, dem weißen Wal hinterherjagt. Er ist ein Jäger.

Morgenpost Online : In der Hoffnung, dass der weiße Wal in diesem Pulk mit dabei ist.

Vogl : Genau. Und dieser Pulk von Walen ist ein gejagter Pulk. Nun wird aber wiederum Kapitän Ahab von einem weiteren Schiff von Piraten gejagt. Der Jäger ist selbst ein gejagter Jäger. Man hat eine mehrfache Jagdkonstellation. Menschen jagen Tiere, Menschen jagen Menschen. Ich fand überraschend, dass in dieser Meerenge bei den Walen eine Panik ausbricht. Was bedeutet das, wenn ein Weltteil gewissermaßen mit dem Begriff des panischen Schreckens verbunden ist?

Morgenpost Online : Über all dem steht eine selbstgenügsame Sonne.

Vogl : Nicht ganz. Diese Sonne ist kein liebliches Gestirn, sondern unbarmherzig und unerbittlich: Sie stellt ja einen Vergleich her mit dem unbeherrschbaren Trieb von Ahab. Ahab folgt seiner Bahn mit einer Dringlichkeit, wie die Sonne ihrer Bahn folgt. Und damit kann man sagen, dass es ein königliches Gestirn gibt, die Sonne, und dass es einen irdischen Souverän des Ozeans gibt, Kapitän Ahab.

Morgenpost Online : Seine Mannschaft nähert sich dem Pulk der Pottwale, einer der Wale wird harpuniert und zieht das Boot mitsamt der Besatzung tief in den Pulk hinein, wie in einen Strom.

Vogl : Man hat das Gefühl, es öffnet sich ein Schlund, das Meer wird grundlos. Es spielt sich ein interessantes Drama ab – ein Drama der Masse und des Vereinzelten, der plötzlich von der Masse verschlungen werden kann.

Morgenpost Online : Was passiert in diesem Gewirr?

Vogl : Es gibt ein Gefühl der Unsicherheit. Die Wale werden anthropomorph, sie werden wie Menschen geschildert, umgekehrt werden die Menschen tierisch geschildert. Das gehört zu dieser eigentümlich erratischen Weltgegend dazu, dass selbst die Eigenschaften von Menschen und Tieren sich austauschen.

Morgenpost Online : Es ist auch die Rede vom „Atlantik meines Daseins“, das ist die Grundmetapher. Literatur und Poesie sind nicht einfach ein Luxus neben der Wirklichkeit, sondern die Deutungsform, ohne die man das Wirkliche gar nicht erst wahrnimmt.

Vogl : Melvilles Wal ist eine Art Senkblei, das der Dichter in die Zeitgeschichte hineinhält. Man könnte sagen, was mit Moby Dick und seinem Jäger Ahab vorgeführt wird, ist eine Archäologie des 19. Jahrhunderts, vielleicht sogar ein Mythos des 19. Jahrhunderts.

Morgenpost Online : Das ist ein Jahrhundert, das dann den Ersten Weltkrieg vorbereitet, Auschwitz und dann die Strähnen des 21. Jahrhunderts. Ist die Literatur also eine Alchemistenküche?

Vogl : In einer gewissen Weise schon. Ich würde nur nicht sagen, dass eine Zeit die andere vorbereitet. Eher schafft eine Zeit Strömungen, deren Verlauf unvorhersehbar ist, die aber über Turbulenzen, Zusammenbrüche und Zufälligkeiten eine völlig überraschende Wendung nehmen können. Keine Zeit ist Vorläufer einer anderen Zeit. Wir sind auch nicht die Vorgänger von künftigen Zeiten. Wir sind bestenfalls eine Art Humus, auf dem Unfälle der Zukunft sich vorbereiten.

Morgenpost Online : Der weiße Wal ist ein Albino, ein seltenes Exemplar. Was bedeutet das?

Vogl : Der Wal ist der große Unbekannte. Dafür ist sein Dasein als Albino – seine Farblosigkeit – entscheidend.

Morgenpost Online : Farblosigkeit?

Vogl : Ein Kapitel handelt nur von der Farbe Weiß. Auf der einen Seite, sagt der Erzähler, ist Weiß eine Königsfarbe, die Farbe der Engel. Aber Weiß ist auch die Farbe des apokalyptischen Reiters. Und es gibt zwei oder drei Aspekte von Weiß, die das Grauen dieses Tieres auszeichnen. Weiß ist die Totenfarbe. Im Weiß bleichen die Weltdinge aus, die Differenz von Grund und Form schwindet. Wenn wir wahrnehmen, nehmen wir immer ein Verhältnis von Grund und Form wahr, etwas was sich vom Grund abzeichnet. Weiß ist eine abgründige Farbe.

Morgenpost Online : Wenn ein Wesen gewaltig wäre wie ein Wal und gleichzeitig unsichtbar, aber zuschlagen könnte mit seiner Pranke, dann wäre das Unheimliche ins Unermessliche gesteigert, oder?

Vogl : Der Wal bewegt sich in Gegenden, die man mit der Vorsilbe „Un“ verbinden kann: Ungrund, Unwelt, Unfarbe – alles Dinge, die mit Negation verbunden sind.

Morgenpost Online : Die Geschichte, die Melville zum Vorbild nahm, geht anders. Da brachte ein realer Wal ein Schiff zum Sinken. Die Matrosen, die sich in zwei Booten retteten, wurden zu Kannibalen.

Vogl : Das war damals eine Nachrichtenmeldung in der Boulevardpresse. Im Roman entsteht eine zweite Ebene dieser Geschichte: die der Verwicklung des Kapitäns mit seinem Widerpart, dem Wal. Durch diesen Wal hat Ahab ein Bein verloren, und sein künstliches Bein aus Walknochen gibt ihm Walmerkmale.

Morgenpost Online : Auch der Wal reagiert auf den Kapitän.

Vogl : Ihre Geschicke sind verbunden, irgendwann ist nicht mehr erkennbar, welches Wesen auf welches reagiert, sie bewegen sich in einem Spiegelverhältnis.

Morgenpost Online : Sturmeslust und Zuwendung mischen sich bei beiden, wie Penthesilea bei Kleist, die den, den sie liebt, zerfleischt.

Vogl : Das sind die Löcher in der Kausalität. Es ist der fehlende Übergang von Ursache zu Wirkung. An diesen Stellen klafft das ganze Universum auf.

Morgenpost Online : Und nun wieder. Am 11. März 2011 geschah es, dass sich ein Erdbeben und ein Tsunami, die es vor tausend Jahren schon einmal in dieser Stärke gab, genau 869 nach Christus, wiederholten. Allerdings gibt es heute Kernkraftwerke. Hier hat sich die Pranke der Natur gezeigt, und zwar kommend aus dem Marianengraben oder dem Japangraben, aus dem auch ein anderes Ungeheuer stammt: Godzilla. Wenn Sie mir einmal Godzilla, Ahab und den weißen Wal literarisch in Verbindung bringen können? Die Trivialebene des Films und des Comics und der große Roman des 19. Jahrhunderts.

Vogl : Es gibt zwei Formen des Ungeheuerlichen. Die eine Form des Monströsen, das sagte ich ja schon, liegt in der Ununterscheidbarkeit.

Morgenpost Online : Nichts hat mich getötet, nichts hat mich überwältigt, ich heiße „Niemand“. So die Stelle im Roman.

Vogl : Das ist der Vorgang der Anonymisierung, die Depersonalisierung. Es gibt eine zweite Form des Ungeheuers. Dafür ist Godzilla ein gutes Beispiel – ein Ungeheuer, das durch die Überdeterminierung bestimmter Merkmale entsteht. Das heißt also, es ist nicht nur ein Affe, sondern ein besonderer Affe wie King Kong, es ist nicht nur ein Drache, sondern ein Meeresdrache, und er hat eine Kreissäge am Bauch. Sein Sohn ist aus einer atomaren Katastrophe entstanden.

Morgenpost Online : Er ist, wie ein Weihnachtsbaum mit Lametta, mit ungewöhnlichen Eigenschaften bestückt. Das macht ihn unbesiegbar.

Vogl : Oder man ist traurig, wenn er stirbt.

Morgenpost Online : Und auf der anderen Seite hätten Sie jetzt eine Gruppe von Tokioter Feuerwehrleuten. Die Gesichter sehen durchschnittlich aus. Sie setzen ihr Leben ein, aber einen Zweikampf veranstalten sie nicht. Sie wissen, was sie tun, sie gelangen in die Nähe der Brennstäbe. Aber gibt es einen einzelnen Held?

Vogl : Einen Held gibt es in ihrer Nähe auch. Das ist Mr.Edano, der Pressesprecher im Amt des Ministerpräsidenten. Er trägt einen blauen Arbeitsanzug. Er kommt nicht zum Schlafen. 142 Minuten ist er schon mit Bekanntmachungen, Interviews und Organisation befasst. Aber er hat keine ihm angedichteten besonderen Eigenschaften. Twitterer fordern ihn auf, sich schlafen zu legen. Sie sind in Sorge. Das sind interessante Wendungen im 21. Jahrhundert. Ein wesentlicher Aspekt in den Monsterbildungen des 21. Jahrhunderts besteht doch darin, dass ein Verhältnis von Katastrophe, einer natürlichen Urgewalt, die die Erde schüttelt, konfrontiert wird mit dem, was man Unfallbürokratie nennen könnte. Natur begegnet einem Management.

Morgenpost Online : Versicherungsgesellschaften etwa.

Vogl : Restrisikoverwaltern. Bestimmten militärischen, polizeilichen, paramilitärischen Einsatztruppen. Dieser Kampf, eigentlich zwischen Bürokratie und Natur, ist das Wesentliche. Es geht also nicht um einen Kampf zwischen einer aufrührerischen Natur und einer übermütig gewordenen Zivilisation, sondern was hier vorgeführt wird, ist immer die Aufmarschbereitschaft und letztlich auch das Verwaltungspotenzial bürokratischer Einheiten. Tragisch wird es, wenn das versagt. Was passiert also, wenn Geschichte sich als Nachricht verkörpert und diese Nachricht in irgendeiner Weise fortgeschrieben wird? Was passiert in arabischen Ländern im Augenblick? Wer schreibt diese Geschichte, und wer ist Subjekt dieses Erzählens?

Morgenpost Online : Erzählung entsteht da, wo sich etwas bewegt.

Vogl : Eine Volksmenge beispielsweise enthält rein statistisch sehr viel mehr Geschichten als zwei oder drei Panzer, die um diese Volksmenge herum stehen. Das heißt, es gibt einen Kampf von Mikrogeschichten, die quantitativ viel variationsreicher sind als die in Machtmitteln enthaltenen Geschichten. Und ich glaube, dass ein historisches Ereignisformat, das mit Unvorhersehbarkeit geschlagen ist, durch wesentliche Ablenkungen charakterisiert ist: dass die Zweckbestimmung von Machtmitteln unterbrochen wird und dass die mikroskopisch kleinen Geschichten die Oberhand gewinnen.

Morgenpost Online : Die tunesische Revolution begann damit, dass ein Mensch sich durch Bürokraten verletzt fühlt und sich verbrennt. Das ist wie Kleists Michael Kohlhaas – aber folgenreicher.

Vogl : Und diese Geschichte wird freigesetzt wie eine Zufallswolke gegen die karge Narration von Machtmitteln. Moderne Geschichten entstehen in Kontaktzonen, wo etwas überraschenderweise in einen Kontakt gerät. Geschichten sind die Abfälle der Vorsehung. Dort, wo die Providenz zusammenbricht, im Strudel, ist das Material für neue Geschichten enthalten.

Morgenpost Online : Das wäre das Gegenteil des Restrisikos. Das Restrisiko liegt hinter dem Horizont auf der anderen Seite, ist vergessen worden. Und schlägt mit seiner Pranke zu – wie in Melvilles „Moby Dick“?

Vogl : Die Opposition ist eine andere als die von Ahab und dem weißen Wal. Es sind Erzählungen, die in einer besonderen Weise beunruhigen, weil es ganz klar ist, dass die uns geläufige Arbeitsteilung – hier erzählt einer etwas, befindet sich in Sicherheit und dort liegt das Erzählte, in der Katastrophe – nicht mehr gilt. Eher werden heute die Erzählungen aus dem Bereich der Kernschmelze, dem Brandherd, herausgebracht für Leser, die nicht wissen können, ob sie sich nicht ebenfalls in Gefahr befinden. In dem Roman von Melville kommt weder Ahab noch der weiße Wal aus dem Strudel des Untergangs am Ende wieder hervor. Der Einzige, der überlebt, ist der Erzähler Ismael, ein Gottloser. An einen Sarg geklammert, der sozusagen sein Rettungsboot ist, wird er an den Strand gespült. Und kann die Geschichte erzählen.