Denkt man an Kafkas auf einem Hügel gelegenen „Schloss“ und die Bürokratenhochburg Brüssel, können einem die Dinge schon einmal durcheinanderkommen. Ferne Mächte wirken da wie dort. Ob sie den Menschen nur wohlgesinnt sind, weiß man ebenso wenig, wie man sagen kann, ob ihr Tun streng ökonomischen Zwecken dient.

Dass die EU eine vor Druckfehlern strotzende Ausgabe von Franz Kafkas „Das Schloss“ mit einem sechsstelligen Euro-Betrag bedacht haben soll, hat in den letzten Tagen manche Feuilleton-Polizei ausrücken lassen: Ein Betrugsfall aus Steuergeldverschwendung und falscher Orthografie, das kommt schließlich nicht so oft vor.

Die ISBN-Nummer ist geklaut

Der EU-geförderte Täter, ein Wiener Verlag mit dem Namen „Gehlen und Schulz“ habe, so hieß es, zwei Millionen Exemplare vom „Schloss“ gedruckt, um sie gratis an Schulen des deutschsprachigen Raums zu verteilen. Es sei dennoch nicht schlecht verdient worden, ließen die Verleger wissen, die sich bei ihrem pädagogischen Kafka-Projekt um Rechtschreibung nicht wirklich gekümmert hatten. Schon auf der ersten Seite des mit „Das Schloß“ und eben nicht „Das Schloss“ betitelten Romans stand „Schne“, wo es doch „Schnee“ hätte heißen sollen, „Mensh“, „niemant“, „vermiten“ waren weitere Blüten.

Kurz hat sich die Aufregung noch aufgeschaukelt, als der Verlag auf Kritik mit harschen Worten reagierte. Die Rechtschreibdiskussion sei „totalitäres Geschwätz“ und würde am besten nach Nordkorea passen. Jetzt ist der kriminelle Hintergrund der Sache raus: Die ISBN-Nummer ihres Buches haben die vorgeblichen Verleger von Thomas Glavinics Roman „Lisa“ geklaut.

Bald dürfte den Lesern Orthografie egal sein

Was aber viel schwerer wiegt: Die falsche Orthografie war gefälscht. Gezählte 1850 Fehler hat die Wiener Gruppe „The BirdBase“ eigens in Kafkas Roman hineinmontiert, das Buch sei nicht „Teil eines EU-weiten Projekts zur Förderung der Lust am Lesen“, wie es im Begleitschreiben an die Schulen noch hieß, und auch nicht in sagenhaften Auflagen gedruckt worden. 1000 Stück wurden produziert, Kostenpunkt 2000 Euro.

Ein minimaler Betrag, gemessen an seiner medialen Wirkung. Die war beabsichtigt. Auf die miserable Bildungslage im Pisa-berüchtigten Österreich wollten die Guerilleros von „The BirdBase“ hinweisen, darauf, dass es den Lesern bald egal sein werde, ob die Orthografie stimmt, weil sie sie selbst gar nicht mehr beherrschen.

Viele Schulen, so hört man, haben ihren Gratis-Kafka brav in die Bibliotheken einsortiert. In der Öffentlichkeit hat das kulturelle Frühwarnsystem weit besser funktioniert, allerdings mit graduellen Feinheiten. Nicht der verhunzte Kafka war das Problem, sondern die Verschwendung von EU-Steuergeld.