ZDF-Unterhaltung

Joko & Klaas haben, was "Wetten, dass..?" nicht hat

Alle reden über die Zukunft von "Wetten, dass ..?" Dabei rieselt dort schon der Kalk. Wie gute TV-Unterhaltung aussieht, demonstrieren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf.

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Die Zukunft der TV-Unterhaltung ist cooler, als das ZDF erlaubt. Die Jacke über der Schulter, so schlendert sie ins Studio und bittet um Geduld. Der Stargast des Abends sei noch nicht da, sagt Joko Winterscheidt. „Das Ufo von Nina Hagen hat Verspätung. Bevor sie nicht da ist, können wir nicht anfangen. Muss irgendwer von Euch weg?“

Ein Fernsehstudio an der Spree, eine Spuckweite von den Treptowers entfernt. „MTV Networks“ steht auf dem Schild, doch wo der Name des ehemaligen Musiksenders draufsteht, ist jetzt ZDFneo drin. Das ist der kleine Bruder jener Sendeanstalt, die bevorzugt von jenen frequentiert wird, die mit den Zweiten oder Dritten besser kauen.

Es ist eine pflegeleichte Klientel. Sie verpasst keine Folge von Rosamunde Pilcher und hält „Wetten, dass..?“ für den Gipfel der Unterhaltungskunst. Dabei ist die Samstagabendshow ein Pflegefall. Am 3. Dezember geht auch noch ihr Herzschrittmacher, Thomas Gottschalk. Und hier, bei ZDFneo, testen sie schon mal, wie die Zukunft ohne ihn aussehen könnte, vielleicht mit Joko Winterscheidt, 32, und Klaas Heufer-Umlauf, 28.

Der eine, ein nervöser Schlaks mit sonorer Stimme und einem hübschen Gesicht hinter einer beängstigend altmodischen Brille. Der andere, ein cooler Checker, der für seine hintersinnigen Straßen-Umfragen gefürchtet wird. Ein Duo wie „Cindy & Bert“.

Anfänge mit Sponge Bob und Porno-Ping-Pong

MTV-Zuschauer kennen sie noch aus ihrer Sendung „MTV Home“. Da sah man die beiden, wie sie als Sponge Bob und Plüschlöwe verkleidet gegeneinander catchten oder Porno-Ping-Pong spielten: Wer beim Vorlesen der Titel von Pornofilmen zuerst kichern musste, hatte verloren.

Ihr Humor war postpubertär und die Sendung sinnfrei, aber unterhaltsam. Da nahmen zwei das Publikum hops, die weder sich selber noch das Medium ernst nahmen. Wer mit MTV groß geworden war, musste die beiden einfach mögen. Sie beschworen den Geist der Anfangsjahre, als das Musikfernsehen noch Musik spielte und Anarchie Programm war.

Jetzt ist MTV Pay-TV. Anfang des Jahres hat der Sender Joko und Klaas auf die Straße gesetzt. Seit Oktober sind sie zurück bei ZDFneo, im GEZ-gepäppelten Kinderparadies. „NeoParadise“ heißt ihre neue Sendung. Sie wird von derselben Firma produziert wie „MTV Home.“ Sogar das Studio haben sie behalten.

An diesem trüben Novembernachmittag zeichnen sie die siebte Folge auf. Es ist eine gute Gelegenheit, um zu prüfen, ob das ZDF weiß, worauf es sich einließe, wenn es diesen beiden am Samstagabend die Bühne überließe.

Schon die Bühne dürfte die Zielgruppe Ü 60 befremden. Es ist ein geräumiger Loft. Es gibt ein altes Sofa, einen Fernseher und Plattenregale. Und eine Oma namens Violetta, die ab und zu aufspringt, um eine Drei-Mann-Kapelle aus einem Kleiderschrank zu lassen, die gibt es auch.

Nina Hagen lässt sich neben Joko aufs Sofa plumpsen. Hinter den Kulissen atmen sie erleichtert auf, als sie mit einer Viertelstunde Verspätung endlich eingetrudelt ist, rosa Gummistiefel, rosa Plastiknase, rosa Schleife im Haar.

Dialoge, die bei "Wetten, dass..?" fehlen

Nina Hagen hat eine neue Platte aufgenommen, aber eigentlich interessiert das keinen, und Joko schon gar nicht. PR in eigener Sache? Das überlässt er den Gottschalks und Kerners. Nina Hagen lebt in ihrem eigenen Paralleluniversum. Es gibt dort Ufos und andere merkwürdige Dinge. Für einen Entertainer der neuen Generation ist diese Frau ein Geschenk.

„Wären wir alle wie Du, wenn wir uns weniger Gedanken um Normen machen würden?“, fragt Joko sie. „Ich habe mich sehr wohl an Normen gehalten“, blafft die Außerirdische da zurück. „Ich habe erst dann gepresst, als die Hebamme gesagt hat: Pressez-vous.“

Hat man solche Dialoge je auf der Wetten, dass ... Couch gehört? Vielleicht muss man sich von dem Gedanken verabschieden, dass der Moderator das Gespräch lenkt. Bei NeoParadise sind sie für alles offen.

Erlaubt ist, womit keiner rechnet. Hier darf der Tatort-Kommissar Axel Prahl sein ach so kumpeliges Image beim Bier mit Klaas gegen den Strich bürsten. „Hast Du sonst noch irgendwelche geistlosen Fragen“, bellt er und gibt dem Moderator eins auf die Glocke. Hier darf sich Nina Hagen in Gummistiefeln auf dem Sofa fläzen und von Teufelsaustreibungen zu Guantanamo springen.

Wenn es sein muss, unterschreiben die Moderatoren ihre eigene Kapitulation. „Ach, weißt Du was, Scheiß-Interview“ , ruft Joko am Ende resigniert. Und wirft die Moderationskarten in die Luft. So könnte sie also aussehen, die TV-Unterhaltung der Zukunft. Federleicht.

500.000 Klicks in der ZDF-Mediathek

Wie aber soll der gemeine GEZ-Zahler herausfinden, dass es eine TV-Unterhaltung jenseits der Pflaumelanzkerners gibt, wenn das ZDF solche Sendungen verschämt in ihren Hinterzimmern versteckt? Auch sieben Wochen nach seinem Start erreicht „NeoParadise“ nur knapp über 20.000 Fernsehzuschauer in seinem Ghetto. Wesentlich größer ist das Echo im Internet. In der ZDF-Mediathek wird jede Folge 500.000 Mal angeklickt.

Und so spiegelt ausgerechnet dieses Format das Dilemma der Nachwuchsförderung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wider: Die Unterhaltung vergreist, weil sich das ZDF nicht traut, neue Sendungen in der Prime Time auszuprobieren. So verspielt der Sender die Chance auf die schon lange überfällige Verjüngungskur: Die Alten gucken weiterhin „Wetten, dass ...“, und die Jungen flüchten gleich ins Internet.

Joko & Klaas tragen es mit Humor. Ihr Vertrag mit ZDFneo läuft über zwanzig Folgen. Wenn das Format für sie nicht zum Sprungbrett ins Hauptprogramm wird, setzen sie ihre Karriere eben als Showmaster bei ProSieben fort. Entsprechend lakonisch fällt ihre Verabschiedung aus: „Wenn Ihr möchtet, sehen wir uns jeden Donnerstagabend bei ZDFneo - bis wir abgesetzt werden. Ansonsten: jeden Freitag im Berghain .“