Neue Stromberg-Staffel

"Endlich sind die Muslime auch mal dran"

Comeback des TV-Ekels: Christoph Maria Herbst spricht über das Lästern, die neue "Stromberg"-Staffel und den Zusammenhang zwischen Behindertenwitzen und Aristoteles.

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Jetzt legt der Bürochef der Nation wieder die Füße auf den Tisch. Die fünfte Staffel der preisgekrönten Serie „Stromberg“ startet (dienstags, 22.10 Uhr, ProSieben).

Der Titelheld, Versicherungskaufmann Bernd Stromberg, ist faul, inkompetent, egozentrisch, sexistisch und fremdenfeindlich. Sein Alter Ego, der Schauspieler Christoph Maria Herbst, schreibt in seiner Freizeit böse Bücher über Fernsehkollegen und Zuschauer im Rentenalter. Im Interview erklärt Herbst, warum die Menschen sie trotzdem beide lieben.

Morgenpost Online: Herr Herbst, lassen Sie uns über das Lästern reden.

Christoph Maria Herbst: Okay.

Morgenpost Online: Warum hat Lästern so einen schlechten Ruf?

Herbst: Hat Lästern so einen schlechten Ruf? Spätestens seit Schmidt Late Night macht, ist es doch salonfähig geworden.

Morgenpost Online: Aber warum gibt dann laut einer Studie nur jeder Zehnte zu, dass er oder sie täglich lästert?

Herbst: Es gehört halt nicht zum guten Ton. Wir sind anders erzogen worden. Man macht so was nur, nachdem man die Gardine zugezogen hat und zuvor den Nachbar eine halbe Stunde lang beobachtet hat. Dabei gehört das Lästern, das Aufregen, zum Menschsein dazu. Vielleicht ist es eines der letzten menschlichen Tabus: Es tun, aber nicht drüber reden. Möglicherweise ist das auch ganz gut so.

Morgenpost Online: Wieso? Auf dem ZDF-„Traumschiff“ war das doch ihre Therapie, um den wochenlangen Trip auszuhalten. Daraus ist sogar Ihr Buch „Ein Traum von einem Schiff“ entstanden.

Herbst: Das war ja weniger ich, der das Buch geschrieben hat, sondern mehr ein fiktives Überich. Vieles, was ich da beobachtet habe, hat ja so nicht stattgefunden. Das, was da steht, hat ein zynisches Überich aus Situationen gelesen. Ich wollte mit meinem Roman, der ja „eine Art Roman“ heißt, die Leute unterhalten und nicht langweilen. Deshalb bin ich nicht als Peter Scholl-Latour mit dem „Traumschiff“ gefahren, sondern als Ich mit meinem kleinen Überich.

Morgenpost Online: Aber das Buch ist doch entstanden aus Läster-E-Mails, die sie nach Hause schickten.

Herbst: Das stimmt, so fing es an. Und dann stieg der Anteil der Fiktion langsam an. Zu Beginn war das noch eins zu eins, wie ich es beobachtet hatte. Und dann kamen die Antworten von Familie und Bekannten: „Das glaube ich nicht“ und „Wie lustig ist das denn?“ Und weil ich die bei Laune halten wollte, habe ich immer ein paar Schippen oben draufgepackt.?

Morgenpost Online: Aber die fanden doch das Lästern super?

Herbst: Die fanden das sehr unterhaltsam. Die fanden das messerscharf beobachtet von mir, konnten sich also sofort vorstellen, wie das da aussieht. Ich hab aber schon versucht, das Ganze liebevoll aufzuschreiben. Kommt das nicht rüber?

Morgenpost Online: Geht so.

Herbst: Was musste ich mir anhören, wie ich den Rademann („Traumschiff“-Produzent; d. Red.) fertigmachen würde. Für mich ist das ein Kotau vor diesem großen, alten Mann.

Und ich weiß doch selbst, dass ich genauso ende wie die Rentner im Buch: Dass sich in 20, 30 Jahren meine Handinnenflächen beim Applaudieren nicht mehr berühren werden und ich mit einem Rollator durch die Gegend fahre, und wenn dann Windstärke sechs ist, krache ich auch gegen die Wände und hinterlasse schwarze Spuren.

Morgenpost Online: Die „Schlundorgel vom Schlachtensee“, die „in der Branche schon für viele Happy Endings verantwortlich war“, hatte wenig Verständnis für Ihre liebevollen Ausführungen.

Herbst: Ja, deswegen ist das ja auch seitdem geschwärzt.

Morgenpost Online: „Schlundorgel vom Schlachtensee“...

Herbst: ... das ist doch lustig.

Morgenpost Online: ... das klingt nach hoher Lästerschule.

Herbst: Das stimmt.

Morgenpost Online: Das klingt nach Stromberg.

Herbst: Ja, meinetwegen, wenn Sie die Überleitung brauchen.

Morgenpost Online: Die ist doch gar nicht so schlecht.

Herbst: Die ist fantastisch.

Morgenpost Online: Hab ich mir hier aufgeschrieben.

Herbst: Sehr gut.

Morgenpost Online: Lästern soll ja auch gesund sein. Spannungen abbauen, die Gemeinschaft stärken. Aber bei Stromberg scheinen die Ergebnisse einer anderen Studie zu greifen: Wer lästert, ist unsozial und narzisstisch.

Herbst: Bei Bernd Stromberg ist das der Fall. Aber ich glaube, dass die Serie eine katalysatorische Wirkung hat. Ich will Sie jetzt nicht mit dem Modell des aristotelischen Theaters langweilen?

Morgenpost Online: Ach, machen Sie nur, wir sind hier im Feuilleton.

Herbst: Gut. Voraus: Ich war leider auf einem humanistischen Gymnasium mit altsprachlichem Schwerpunkt, sodass ich das im Deutschleistungskurs wie auch im Griechischleistungskurs alles lernen musste. Nämlich dass man auf der Bühne – und „Stromberg“ ist ja nichts anderes als Theater – die Schauspieler an des Zuschauers statt leiden, lachen und all diese Affekte ausleben sieht.

Wenn Stromberg das sagt, was derjenige, der gerade zu Hause in der Sitzgruppe bei Nüsschen und Bier hockt, immer schon mal sagen wollte, sich aber nie getraut hat, und dem ein kleiner Fels vom Herzen rollt, da kriege ich ja fast noch missionarischen Eifer auf meine alten Tage.

Morgenpost Online: Ist der Zuschauer deswegen solidarisch mit Stromberg? Obwohl er ein Ekelpaket ist, will man ja, dass er es schafft.

Herbst: Auf jeden Fall. Man solidarisiert sich gerade in den schwächsten Momenten mit ihm. Man freut sich mit ihm, wenn ihm mal etwas gelingt. Wir gucken ja, dass ihm auch mal etwas gelingt zwischendurch. Das ist ganz wichtig.

Denn wenn eine Figur nur auf den Deckel kriegt und der Zuschauer weiß, dass bei dem am Ende eh nichts klappt, ist es langweilig. Vielen halten wir auch einen Spiegel vor. Die meinen sich selbst oder irgendeinen Angestellten in ihrer Firma zu erkennen. Wie häufig habe ich schon von Zuschauern die Reaktion gehört: „So einen Ernie haben wir auch.“

Morgenpost Online: Sie sagten, wegen der messerscharfen Beobachtung kamen Ihre Mails vom „Traumschiff“ so gut an. Das ist es ja auch, was Stromberg macht. Der haut auf alle drauf. Demokratie des Humors nennt er das: Muslime, Hindus, Ossis, ...

Herbst: ... Buddhisten ...

Morgenpost Online: ... alle bekommen einen mit. Dieses hemmungslose Lästern muss doch Spaß machen.

Herbst: Den einen oder anderen Drehtag fliege ich schon auf einer Wolke nach Hause, weil ich das ganze Negative, was in mir schlummert, am Set gelassen habe in dieser Figur. Andere müssen dafür lange meditieren. Es gibt aber auch andere Tage, an denen ich das Gefühl habe, mich nach einer Szene duschen zu müssen.

Morgenpost Online: Nach welcher?

Herbst: Zum Beispiel bei der Folge Putzfrau, wo ich der farbigen Kollegin auf den Arsch hauen und sie körperlich angehen musste. Da habe ich mich vorher ganz blöd bei ihr entschuldigt, dass ich das jetzt gleich machen muss. Genauso wie sie sich bei mir entschuldigt hat, dass sie mir gleich eine pfeffern muss.

Morgenpost Online: Also ist das Lästern nicht immer schön?

Herbst: Privat bin ich ja weder Querulant noch Nörgler oder jemand, der im Straßenverkehr die Scheibe runterkurbelt und rummotzt. Ich bin eher langweilig. Von Hause aus bin ich eher zurückhaltend und tolerant. Das mögen Sie jetzt glauben oder nicht. An dem Punkt hat Stromberg also gar nichts mit mir zu tun. Das ist aber auch ein Punkt, warum ich diese Figur so wahnsinnig gerne spiele. Mich würde nichts mehr langweilen, als mein zweites Selbst zu spielen.

Morgenpost Online: Aber spätestens durch den – wenn auch fiktiven – Roman ist das doch verwischt, oder?

Herbst: Das stimmt.

Morgenpost Online: Überall war von Strombergs Buch über das „Traumschiff“ zu lesen. Die Leute haben Stromberg in ihnen erkannt.

Herbst: Da kann ich nichts dran ändern. Zugegeben, die Humorfarben von uns beiden haben sicherlich Schnittmengen. Und es ist ja eh klar, dass ich diesen Humor von Stromberg liebe. Wenn ich die Folgen sehe, lache ich auch laut. Ich identifiziere mich zu hundert Prozent mit diesen Texten. Dass mein Buch dann Strombergs ist, gut, bei Götz George steht bis heute auch in Klammern „Schimanski“ dahinter. Den Stempel „Stromberg“ habe ich auf meiner breiten Stirn. Aber solange ich das Gefühl habe, dass mir der Stromberg mehr Türen aufgemacht als verschlossen hat, geschenkt.

Morgenpost Online: Jetzt müssen wir aber auch mal aktiv lästern. Wen hat Stromberg denn bisher fälschlicherweise ausgelassen?

Herbst: In der fünften Staffel machen wir den Sack zu: Endlich sind die Muslime auch mal dran. Wir hatten Behinderte, Frauen, Schwule. Es bleibt nicht mehr viel.

Morgenpost Online: Nennen Sie mal eine Person.

Herbst: Der eine oder andere Politiker. Aber was hat Stromberg mit der Politik zu tun? Obwohl, manchmal wohl mehr, als man denkt, fürchte ich. Wenn ich Stromberg spiele, habe ich manchmal das Gefühl, dass ich Dünnschiss rede. Solche Hülsen, wie man sie sonst nur aus den Nachrichten oder Talkshows kennt.