Finanzkrise

Wieviel Kultur brauchen wir am Ende wirklich?

Deutschen Verlegern, Theatermachern und Künstlern fällt nichts Vernünftiges zur Finanzkrise ein. Kein Wunder, sie sind selbst Teil der Schuldenblase.

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Nach jedem Börsencrash gibt es im Kulturbetrieb Leute, die sagen, dass ihnen die Krise nicht ungelegen komme, nein, im Gegenteil, sie biete eine riesige Chance. Das klingt souverän und signalisiert, die Kultur sei von der Krise ausgenommen, stehe gewissermaßen über ihr, ja, sie werde sogar blühen, wenn die Wirtschaft zusammenbreche.

Tatsächlich ist der Kultur zu Finanzkrisen noch nie viel eingefallen – außer den üblichen Reflexprojekten –, und auch diesmal wird es nicht anders kommen. Wenn ein Regisseur die Finanzwelt auf die Bühne bringt, rennen Krawattenträger mit Geldsäcken hin und her, dahinter flimmert das Logo der Deutschen Bank auf der kahlen Theaterwand. Wenn ein Künstler Kapitalismuskritik übt, karikiert er in einer irren Performance seine Abhängigkeit von einem Sammler, mit dem er in Wahrheit befreundet ist.

Wenn ein Autor den großen Krisenroman schreibt, telefoniert er mit einem Börsenhändler in Frankfurt, reiht seitenweise Finanzvokabeln aneinander und lässt dann eine Liebesgeschichte folgen, in der neben dem Händler auch ein erfolgreicher Autor und eine attraktive Übersetzerin auftreten.

Etwas Weitergehendes dagegen, das die Schuldenwirtschaft zur Gesellschaftsgeschichte macht, ist nicht zu erwarten – und das ist kein Zufall, denn dann müsste man auch die Entwicklung des Kulturbetriebs hinterfragen. Die Geschichte, die auf die eine oder andere Weise zu erzählen wäre, beginnt vor vierzig Jahren. Damals ging das Wirtschaftswunder zu Ende, und der Staat versuchte, mit Schulden gegenzusteuern. Man wollte die hohen Wachstumsraten behalten, und zugleich wollte man eine neue und bessere Form des Wachstums. Also investierte man in Bildung, Freizeit und Kultur.

Der Kultur kam eine besondere Rolle zu. Sie sollte im Strukturwandel sinnstiftend wirken, das Vakuum füllen, das die schwindende Industriearbeit hinterlassen hatte. Diese Idee wirkt bis heute nach, sie hat die Kultur zu einer Art Religion gemacht. Während in den USA der Manager Steve Jobs heiliggesprochen wird, vergöttert man in Deutschland eher Leute wie Christoph Schlingensief .

Das Abendland steht vor dem Untergang

Dass sich Künstler, Schauspieler und andere Kreative in stillgelegten Fabriken besonders wohlfühlen, liegt nicht nur an den hohen Decken und den großen Fenstern. Es ist auch ein rituelles Element dabei: Der Triumph der Kreativität über den stupiden Taylorismus soll jeden Tag aufs Neue zelebriert werden. Je mehr Kultur, desto besser.

Dementsprechend empört ist die Branche, wenn irgendwo etwas gekürzt oder geschlossen werden soll. Dann heißt es, die Vielfalt stehe auf dem Spiel und das Abendland vor dem Untergang. Jeder kleine Verlust wird als Angriff auf das ganze System gesehen – und vielleicht schwingt in der Empörung auch die Angst mit, dass die schöne neue Kulturwirtschaft eben doch nicht so nachhaltig ist, wie sie sich gibt.

Denn zunächst einmal ist diese Krise keine Chance, sondern eine Krise, und das gilt nicht nur für die Banken. Die gerade wieder in Mode gekommenen Argumente der Wachstumskritiker jedenfalls lassen sich aufs Beste gegen die Kultur verwenden. Auch der Kulturbetrieb hat sich seit den 1970ern, als die Schuldenwirtschaft ihren Anfang nahm, enorm aufgebläht. Heute arbeiten etwa siebenmal so viele Leute in Kulturberufen wie damals.

Braucht jede Kleinstadt ein Festival?

Wer aber braucht die bunte Palette wirklich? Warum werfen die Buchverlage doppelt so viele Titel auf den Markt wie vor vierzig Jahren? Muss jede Kleinstadt Sommermusikfestspiele haben? Verdienen der Deutsche Fußball-Bund, der Expressionist Heinrich Campendonk und die Berliner Currywurst alle ein eigenes Museum? Und gibt es einen Punkt, an dem es auch ein bisschen weniger sein darf?

Der Kulturbetrieb hätte viel bessere Argumente, wenn er sich nicht der Wachstumsidee verschrieben hätte. Vielleicht hat man sich zu sehr berauscht an der Idee, Wirtschaftsfaktor zu werden. Die Klassikbranche zum Beispiel hat längst die Sättigungsphase überschritten. Den schrumpfenden Hörer- und Konzertbesucherzahlen begegnet sie mit immer aufwendigeren Versuchen, aus gut aussehenden Frauen und Männern Stars zu machen.

In manchen Jahren werden gleich drei junge Tenöre entdeckt, die alle zum neuen Fritz Wunderlich ausgerufen werden. Die bestverkaufte Klassikaufnahme aller Zeiten bleibt Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, eingespielt vor einem halben Jahrhundert von Georg Solti und den Wiener Philharmonikern.

Der bildungsbürgerliche Überdruss

Oder auch die Buchverlage, die ziemlich stolz sind auf all die ambitionierten Erstlinge, die hochaktuellen Sachbücher und die sorgfältigen Übersetzungen aus dem Isländischen und Katalanischen. Doch kulturelle Vielfalt bedeutet eben auch, dass die meisten Neuerscheinungen nur noch eine Lebensdauer von ein paar Monaten haben. Mit allen Mitteln versuchen die Verlage , ihre Toptitel in den Markt zu drücken.

Verkaufen sich die Bücher nicht, werden sie remittiert und verramscht. Das geht zulasten der Autoren, die zunächst hochgejubelt und dann wieder vergessen werden, zu Recht oder zu Unrecht. Wer erinnert sich heute noch an „Schlafes Bruder“ von Robert Schneider?

Selbst die staatlich subventionierte Hochkultur hat sich der Aufmerksamkeitsökonomie unterworfen – die Theater etwa, die unter dem Wettbewerb mit den Massenmedien und der Unterhaltungsindustrie leiden. Mit immer größeren Energieleistungen versuchen sie zu beweisen, dass auch Schiller und Strindberg noch provozieren können. Der bildungsbürgerliche Überdruss am Regietheater Frank Castorfs und seiner Jünger hat auch mit der Vielfalt des Angebots zu tun.

Elf Prozent für Kultur und Freizeit

Gäbe es weniger Häuser und wären die Tickets schwerer zu haben, dann würde Schiller wieder attraktiver erscheinen, man würde klassisches Sprechtheater und provokatives Regietheater gleichermaßen goutieren. Das Gleiche gilt für andere Kulturangebote – für das Buch, die bildende Kunst und das Fernsehen mit seinen Hunderten von Unterhaltungsprogrammen und Spartenkanälen.

Vielleicht also könnte diese Krise doch noch zur Chance werden. Die Unternehmensberater der Boston Consulting Group haben gerade eine Studie mit dem lyrischen Titel „Zurück nach Mesopotamien“ veröffentlicht. Darin rechnen sie vor, was den Westen ein allgemeiner Schuldenerlass kosten würde. Um diesen zu finanzieren, so schreiben die Berater, müssten die Regierungen eine einmalige Vermögensabgabe erheben. Die Höhe der Abgabe hängt an der jeweiligen Verschuldung von Staat, Unternehmen und Haushalten. In Deutschland wären das insgesamt elf Prozent.

Nehmen wir der Einfachheit halber mal an, man könne mit diesen elf Prozent beziffern, worauf Deutschland erst mal verzichten muss . Was wäre am ehesten entbehrlich? Es gibt Untersuchungen, die zeigen, wofür die Deutschen ihr Geld ausgeben: 33 Prozent fürs Wohnen, 15 Prozent fürs Auto, 14 Prozent fürs Essen und Trinken, elf Prozent für Kultur und Freizeit.

Nun ist natürlich möglich, dass alle Deutschen gleichzeitig aufhören, zu wohnen und zu essen, die Folgen wären allerdings dramatisch. Wahrscheinlicher ist, dass sie erst mal bei teuren Autos, Auslandsreisen und anderen Dingen sparen, die gewöhnlich mit Überfluss assoziiert werden. Dann müsste auch die Kultur zurückstecken. Und das wäre keine Katastrophe.