Late Night

Bei Jauch wirbt Sahra Wagenknecht fürs Girokonto

Sahra Wagenknecht prangert das "perverse Wahnsinnssystem" der Finanzwelt an. Ex-Deutsche-Bank-Chef Kopper gibt der Politik die Schuld.

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Eben noch bei „Menschen bei Maischberger“ gesessen. Danach bei „Maybrit Illner“ Platz genommen. Aufgestanden, wieder hingesetzt – diesmal Sonntagabend bei „Günther Jauch“. So läuft das gerade bei Sahra Wagenknecht. Die Parteivize der Linkspartei, ist das Talkshow-Gesicht 2011. Warum? Weil sie in jeder Sendung mit schneidend-scharfer Rhetorik das „perverse Wahnsinnssystem“ der Finanzwelt attackiert. Weil sie die Frauenquote bei Finanzdiskussionen erhöht. Und weil sie in ihren roten Kostümen einfach sehr gut aussieht.

Aber reicht eine Wagenknecht, um dem gefühlt eintausendsten Krisen-Talk Spannung zu geben?

„Banken an die Leine! Wie bekommen wir die Finanzmärkte in den Griff?“, hatte Jauch seine Sonntagsrunde betitelt. Nach Kanzlerin-Besuch und SPD-Kanzlerkandidatenkür bot der Moderator diesmal wieder eine größere Gästeschar auf.

Zum Banken-Bashing war - außer Wagenknecht - noch Jürgen Trittin, Fraktionschef der Grünen gekommen. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle warb für die Politik der Regierungskoalition. Und den großen bösen Finanzhai gab Ex-Deutsche Bank-Chef Hilmar Kopper.

Sarah Wagenknecht greift zu heftigen Wort-Patronen

Zu Erinnerung: Von Kopper stammt der Begriff „Peanuts“, das Unwort des Jahres 1994. Damit tat der Ex-Vorstandssprecher des größten deutschen Geldinstituts den 50-Millionen-DM-Schaden ab, den der Baulöwe Jürgen Schneider mit seiner Pleite deutschen Handwerksbetrieben aufgebürdet hatte.

Kopper sieht die Schuld der aktuellen Staatsschuldenkrise bei den Euro-Ländern liegen. Nicht bei den Banken. Damit stellte er für Wagenknecht die perfekte Zielscheibe auf. Banken seien „Zockerbuden“, Banker sollten in „Zwangsjacken“ gesteckt werden. Die gesamten Beschlüsse des EU-Gipfels vom vergangenen Mittwoch seien, so Wagenknecht, der Politik von der „Bankenlobby diktiert worden“. Sie plädierte dafür, die Staaten von der Finanzwelt der Ratingagenturen und Investmentbanken „abzukoppeln“. Nur dann könne deren „Terror“ aufhören.

Trittin gab sich moderater. Er konstatierte einen Zusammenhang zwischen Staatschuldenkrise und vernachlässigter Regulierung des Bankensektors seit 2008. Als Beispiel führte er die belgisch-französische Großbank Dexia an. Das Geldinstitut hatte sich aufgrund ihres Geschäftsgebaren bereits nach dem Lehman-Crash vor drei Jahren an den Rand der Pleite manövriert. Belgien, Luxemburg und Frankreich sprangen damals als Retter bei – und müssen es drei Jahre später wieder tun. Auf Kosten der Steuerzahler.

Für Kopper haben die Krise damals und die Krise heute nichts miteinander zu tun. Jetzt seien die Banken die Opfer und die Staaten die Täter. Allerdings: „Es hat Exzesse gegeben. Und wir müssen verhindern, dass sie wiederkommen.“ Die Triebfeder für abenteuerliche und gefährliche Spekulationsgeschäfte, etwa beim Handel mit sogenannten Kreditausfallversicherungen, sieht Kopper jedoch beim Kunden und nicht beim Banker: „Wenn jemand so etwas kaufen will, dann kaufen wir ihm das.“ Es gäbe ja kein Gesetz dagegen.

Die Finanztransaktionssteuer als Lösungsmodell

Anlass genug für Jauch, vom „Wer hat Schuld?“-Frageblock hinüber zum „Was muss jetzt passieren?“-Teil der Sendung hinüberzuwechseln. Manchmal hat man den Eindruck, der altgediente Talkmeister kopiert seine Sendungs-Dramaturgie bei den Erklärfilmchen der „Sendung mit der Maus“.

Sahra Wagenknecht möchte Großbanken verstaatlichen. Vor allem scheint sie da die Deutsche Bank im Auge zu haben – so oft wie sie deren Bilanzberichte zeitgleich zitierte und zerpflückte. Lob gab es von Wagenknecht dagegen für das Geschäftsmodell der Sparkassen. Dort hat die schöne Linke auch ihr eigenes Girokonto. Warum? „Ich will ja nachts gut schlafen!“

Trittin forderte vehement eine Finanztransaktionssteuer. Mit dieser würde etwa der Handel mit Derivaten kostenpflichtig und – so hoffen Befürworter – die Finanzmärkte entschleunigt und stabilisiert. Eigentlich ist die Steuer von Schwarz-Gelb bereits beschlossen. Rainer Brüderle ist aber dagegen, weil der wichtige Finanzplatz an der Themse nicht mitmachen will: „Wenn die Kunden dann von Frankfurt nach London wandern, haben wir nichts gewonnen.“ Arbeitsplätze gehen für ihn vor Krisenprävention.

Auch Kopper sprach sich gegen die Steuer aus, die Europa pro Jahr 57 Milliarden Euro als Krisenpolster einbringen könnte. Das Hauptargument des Ex-Bankers: „Letztlich zahlt sie der Kunde.“ Und überhaupt sei es gefährlich, Politikern eine solche „Milliarden-Karotte“ hinzuhängen. Junge Spitzenbanker will Kopper aber weiter mit Bonus-Zahlungen geködert sehen, denn: „Die wenigen guten Leute müssen sie besser bezahlen.“

Leider fiel ihm Jauch da ins Wort, der Moderator wollte keine Boni-Diskussion. Warum eigentlich nicht? Den Zuschauer hätte es interessiert. Eine Debatte um einen Wertewandel in der Wirtschaft, wie ihn etwa der scheidende EZB-Chef Jean-Claude Trichet am Wochenende forderte, kam in Jauchs Runde viel zu kurz.

Am Ende blieb man mit jenem Gefühl vor dem Bildschirm sitzen, dass der ehemalige Investmentbanker Wieslaw Jurczenko in einem Einspielfilm bei Jauch der „Occupy“-Bewegung attestierte: „Ein völlig berechtigtes Unbehagen.“ Die großen Fragen, die Jauch mit seinen Gästen klären wollte, sind eben zu komplex für jeden 60-Minuten-Talk.

Wer hat Schuld an der Krise? Und was muss jetzt geschehen? Was Sahra Wagenknecht darauf antwortet, kann man bei der nächsten Talkrunde dann von der eigenen Couch aus mitsprechen. Aber ändern wird es nichts.