Windsors

Wie Diana die englische Monarchie revolutionierte

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Das britische Königshaus wäre ohne Lady Di nicht das, was es heute ist. Aus der neuen Queen-Biografie unseres Korrespondenten Thomas Kielinger.

Als Elvis Presley 1977 starb, soll ein Direktor des amerikanischen Unterhaltungsimperiums RCA spontan ausgerufen haben: „Welch ein Karrieresprung!“ In der Tat kommt der Tod in Lebensläufen, denen nicht mehr zu helfen ist, oft einer Erlösung gleich.

Er verwandelt, was vom Scheitern bedroht ist, in den Ruhm einer gemeißelten Legende. Diese altert nicht, vererbt sich von Generation zu Generation. Wer die Prinzessin von Wales war, kommt in der Ikone, die sie endgültig durch den Tod wurde, nicht mehr recht zum Vorschein.

"Diana hatte uns einen neuen Weg gewiesen"

Eine Denkschule bekämpft die andere um die Deutungshoheit zu Diana als Person: manipulativ, doppelzüngig, neurotisch, sagen die einen. Herzlich, mitfühlend, menschlich, die anderen. Dieser Zank ist kaum zu schlichten; allein, dass er andauert, spricht für die Faszination der Person, um die er sich dreht.

Eine interessante Antwort hat Tony Blair gegeben, in Tina Browns Buch „Diana – Die Biografie“ . Auf die Frage der Autorin, ob Diana einen neuen Weg gefunden habe, königlich zu sein, antwortet Blair dort: „Nein, Diana hatte uns einen neuen Weg gewiesen, britisch zu sein.“

Dass der Gründervater von New Labour so denkt, ist zunächst einmal Ausdruck seines verständlichen Wunsches, Diana für sich und seine Ära zu reklamieren. In seiner Autobiografie geht Blair sogar weiter, mit einem erstaunlichen Vergleich zwischen sich und der Prinzessin:

„Wir waren beide, jeder auf seine Weise, Manipulatoren – geschickt in der Auffassung von Gefühlen anderer und instinktiv geneigt, auf dieser Klaviatur zu spielen.“ Man mag solche Geständnisse peinlich nennen, Ausdruck eines übersteigerten Ich, auch wenn Blair mit der Kunst seiner „Manipulation“ politische Durchbrüche erzielen konnte wie in Nordirland.

Aber es ist der authentische Kammerton von New Labour und gehört zu dem Zeitgeist, dessen Vorläufer Diana wurde – nonkonformistisch, dem Staub von Formalitäten abhold, Grenzen überschreitend, die „Me-Generation“, der Star-Kult. Bereits 1985 hatte Tina Brown, mit einer guten Witterung für Trends, über den britischen Aufbruch „von der Aristokratie der Geburt zur Aristokratie der Enthüllung“ geschrieben.

Traditionalisten markieren mit diesem Paradigmenwechsel gerne den Abstieg in die Verbilligung, in das Talmi der Celebrity-Kultur, und sie machen dafür gemeinhin die Prinzessin von Wales verantwortlich, die Flügelschläge ihrer irisierenden Persönlichkeit. Ein überflüssiger Streit. Unzweifelhaft steht Diana für „die Geburt der Moderne aus dem Geist der Celebrity“, und in diesem Kapitel der britischen Kulturgeschichte leben wir noch heute.

Dabei sind Wellen der Verehrung strahlender Figuren nichts Neues. Hollywood hatte früh seinen Starkult entwickelt. Auch die junge Elizabeth II., 1952 auf den Thron nachgerückt, bezauberte die Zeitgenossen; später rückte Grace Kelly, die Herrin von Monaco, in die Sphäre der Anhimmelung auf, gefolgt von Jacqueline Bouvier, verheiratete Kennedy .

John F. Kennedy stellte sich als frisch gewählter amerikanischer Präsident auf seinem ersten Staatsbesuch in Frankreich den Parisern mit den Worten vor: „Ich bin der Ehemann von Jacqueline Kennedy.“ Hätte Prinz Charles die gleiche Souveränität besessen gegenüber der globalen Ausstrahlung seiner ersten Ehefrau, wäre ihm viel Kummer erspart geblieben.

Aber Diana war anders als diese Vorbilder, sie stand nicht so sehr „da oben“ als vielmehr „auf Augenhöhe“. Genau deshalb verlor Charles ihr gegenüber die Fassung: Sie war seine Konkurrentin, überflügelte seine königliche Stellung spielend.

Kreuzzüge der Sentimentalität

Diana berührte nicht nur Aids- und Lepra-Kranke, Landminen-Verwundete und die Übersehenen der eigenen Gesellschaft, vor allem Kinder, denen sie viele ihrer karitativen Tätigkeiten widmete. Sie machte sich nahbar und verschmolz so mit einem Zeitgefühl, das sich aus der Tradition der Zurückhaltung, dem britischen „restraint“, zu befreien suchte. Das Verströmen der Gefühle in der Woche nach dem Unfalltod der Prinzessin wurde zur Demonstration dieser Symbiose, einer neuen Art von emotionaler Intelligenz.

Intelligenz? Das bestreiten viele. Sie beschreiben das Königreich in seiner „Lass dich berühren und erlebe Gefühle“-Stimmung, wie es sich heute darbietet, fast als Karikatur seiner selbst. Mehr als alle anderen Bereiche der Gesellschaft sind davon die Medien befallen, die aus menschlichen Geschichten Kreuzzüge der Sentimentalität zu machen verstehen.

Da wird Post-Diana-Mitfühlenkönnen verordnet wie eine „degradierte Form der Therapiekultur“, wie ein bekannter britischer Bühnenkomiker, David Baddiel, es formuliert hat. Keine menschliche Geschichte, die unter den Tiefstrahlern der medialen Therapeuten nicht zu einem Testfall für triefende, an Heuchelei grenzende Anteilnahme wird. Von Diana lernen heißt Auflage machen, könnte man resümieren.

Aber das sind Phänomene, die in fast allen westlichen Gesellschaften Einzug gehalten haben. Uns interessiert vor allem, welche Folgen der Trend zur „Vermenschlichung“ für die Monarchie gehabt hat. Die älteste Institution Großbritanniens erlebte dank der Prinzessin von Wales, der man auf dem Höhepunkt des Zerwürfnisses den Titel „Königliche Hoheit“ entzogen hatte, einen lange überfälligen Lernsprung.

Wie Diana königliche Hoheit gegen die Hoheit des Menschlichen, Allzumenschlichen eintauschte, das war ein Fingerzeig, auf den die Modernisierungsstrategen im Buckingham-Palast, die sich bezeichnenderweise „The Way Ahead Group“ nennen, die Weg-nach-vorn-Gruppe, ohne Nachhilfe kaum gekommen wären.

Gewiss, die Monarchin hatte schon vor Diana erste Schritte der Öffnung vollzogen, machte die Kunstschätze der Krone als „Royal Collection“ mit regelmäßigen Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich und gewährte dem Fernsehen immer häufiger Zutritt.

Selbst die Dysfunktionalität, die sich in nicht endenden ehelichen Katastrophen der königlichen Familie abspielte, war eine Öffnung – eine Augenöffnung: Die Windsors sind wie du und ich, nicht gegen ein Scheitern menschlicher Beziehungen gefeit.

Ihr Leben zeigt ein faszinierendes Muster

Dianas berühmter „Touch“ – den hatte man im Lager von Prinz Charles immer nur als Propagandatrick der Prinzessin abgetan, ihr öffentliches Image aufzupolieren und die Medien für sich einzunehmen. Auch wurde nach dem exzessiv beweinten Tod ihr Bild in der Öffentlichkeit durch ein Übermaß an Sentimentalität eingetrübt. Doch im Abstand der Jahre hat sich Dichtung von Wahrheit geschieden und wir erkennen jenseits der damaligen Verstörung ein faszinierendes Muster aus alter Zeit.

Denn die Fähigkeit einer königlichen Hoheit, die Menschen zu berühren, hebt auf die thaumaturgische Wirkung des Königtums ab – dem Monarchen schrieb man seit Alters her Wunderkräfte zu, bestimmte Krankheiten durch Berührung zu heilen.

Bis weit in die Neuzeit wurden die französischen und englischen Könige als Wunderheiler verehrt. Erst im 18. Jahrhundert endete die Ausübung des Heilkultes und damit auch der Glaube an sein Charisma. Noch bis zur Herrschaft Georges III. (1760–1820) enthielt das Gebetbuch der anglikanischen Kirche eine liturgische Feier für die Heilung der Kranken durch den König.

Der vom Himmel gesandte Engel

Ein Jahr nach dem Tod der Prinzessin von Wales erschien in England ein Buch mit 1600 volkstümlichen Texten und Gedichten, eine Anthologie der Huldigung einfacher Menschen an die Verstorbene für ihre Generosität, Kranke und Verwundete nicht nur gerührt, sondern auch physisch berührt zu haben.

Es belegte schlagend die Wirkung von Dianas Credo, „näher bei den Menschen unten“ sein zu wollen. Die meisten Dokumente sprechen von ihrem „Common Touch“ und unterlegen der Beschreibung nicht selten christliche Bilder wie „den vom Himmel gesandten Engel, der die Kranken und Sterbenden umarmte“.

Martin Amis, der englische Romancier, schrieb, Diana „konnte berühren und fühlen“, vielleicht habe sie sogar selber geglaubt, „sie könne auch heilen“. Gewiss war es Autosuggestion, wenn manche Menschen glaubten, sie seien tatsächlich durch die Berührung mit der Prinzessin von Wales geheilt worden, von welchem Leid auch immer.

Bemerkenswert bleibt, dass die Frau im Zentrum dieser Verehrung in einer mythischen Tradition des Königtums stand, ohne dass sie selber sich dessen bewusst gewesen sein wird. Jedenfalls muss man zur Beurteilung des Rätsels Diana auch dieses historische Muster heranziehen, als zusätzliche Erklärung ihrer Magie zu Lebzeiten und ihrer Nachwirkung seither.

In dem Wort „touchy-feely“, seit Diana als Ausdruck einer neuen Gefühlskultur so populär geworden, klingt diese Magie des Taktilen an. Damit ist der „stiff upper lip“ in der britischen Psychologie ein Stück emotionale Moderne an die Seite gestellt worden.

Diana Spencer, die Außenseiterin, hat dem Königshaus zu neuer Stabilität verholfen. Aufstand und Adaption, Rebellion und flexible Antwort – auf diesem Gesetz beruht britische Fortschrittsgeschichte. Innerhalb derselben gebührt der unvergessenen Lady Di ein Ehrenplatz.

"Wir werden auf dem Weg fortfahren "

Ist nicht auch die Öffnung der königlichen Heiratsoption zu der bürgerlichen Klasse hin, wie im Falle der Middleton-Familie, eine Spätwirkung von Prinz Williams Mutter, von der die „Times“ nach ihrem Tode schrieb, in ihr habe die Welt eine neue Monarchie gesehen, „spontan und ansprechbar, unbesorgt um Protokoll, besorgt um Menschen“?

Poetischer hatte es Dianas Bruder, Earl Spencer, in der Eloge auf seine Schwester während des Requiems in der Westminster Abtei formuliert: „Wir werden auf dem Weg fortfahren, den du deinen beiden Jungen gewiesen hast, sodass ihre Seelen nicht einfach nur in Pflicht und Tradition versinken, sondern in aller Offenheit singen können, wie du es geplant hast.“

In diesem Sinne legt Prinz William mit Catherine Middleton gleichsam seine erste Gesangsprobe ab, ein neuer Ton in der Partitur von Kontinuität und Wandel.

Thomas Kielinger: Elizabeth II. Das Leben der Queen. C.H. Beck, München. 288 S., 19,95 Euro