ARD-Drama "Homevideo"

Entzauberter Sex, Revolution und die erste Liebe

Wotan Wilke Möhring spielt in "Homevideo" einen Polizisten, dessen Sohn im Netz gemobbt wird. Ein Gespräch über die öffentliche Darstellung von Sexualität.

Es war der Abräumer beim Deutschen Fernsehpreis: das ARD-Drama „Homevideo“. Der Film über einen Fall von Internet-Mobbing wurde als „Bester Fernsehfilm“ ausgezeichnet, der Förderpreis ging an einen der Hauptdarsteller, den 21-jährigen Jonas Nay.

„Homevideo“ erzählt die berührende Geschichte eines Jungen, der sich beim Onanieren filmt. Dieses Video gerät ins Internet und zerstört nach und nach sein Leben. In Zeiten, in denen alles Persönliche innerhalb von Minuten auf YouTube, Facebook und anderen Sozialen Netzwerken landen kann, ein brandaktuelles Thema. Das findet auch Bundesfamilienministerin Kristina Schröder. Sie hat das Drama bereits gesehen und findet: „Der Film geht unter die Haut. Er zeigt eindrücklich, welche schrecklichen Folgen Cyber-Mobbing haben kann – von psychischen Schädigungen über brutalste Gewalt bis hin zum Suizid.“

Einer der Hautdarsteller ist Wotan Wilke Möhring, der zuletzt mit „Männerherzen... und die ganz, ganz große Liebe“ im Kino zu sehen war. Er spielt in „Homevideo“ den Vater des bloßgestellten Jugendlichen, einen Polizisten, der seinem Sohn zwar helfen will, aber letztlich nicht kann. Der 43-Jährige ist selbst Vater von zwei kleinen Kindern.

Morgenpost Online : Herr Möhring, dürfen Ihr Sohn und Ihre Tochter später ins Internet?

Wotan Wilke Möhring : Klar. Das sollen schließlich keine Freaks werden, die sich dann bei den Mitschülern auf den Computer stürzen, weil sie zuhause keinen haben. Das Internet ist ja auch eine Bereicherung für ihre Welt. Ich hoffe allerdings, dass meine Kinder lieber draußen toben, als stundenlang vor einem Gerät zu sitzen.

Morgenpost Online : Können Sie denn noch einen Tag ohne Facebook?

Möhring : Natürlich. Ich kriege andauernd Nachrichten, dass ich schon ewig nicht mehr auf meinem Account war und mich gefälligst darum kümmern soll. Ich habe einfach keine Zeit dafür. Wenn man zwei kleine Kinder hat, gibt es Wichtigeres.

Morgenpost Online : Die Freunde, die Sie auf Facebook haben, sind das echte, enge Freunde?

Möhring : Es sind vor allem Kontakte aus meiner Arbeitswelt. Von meinen echten Freunden habe ich die Telefonnummer, mit denen spreche ich lieber.

Morgenpost Online : Haben Sie sich schon mal selbst gegoogelt?

Möhring : Nein. Da ich ja über alles, was ich sage, noch einmal drübergucke, habe ich keine Angst, im Internet etwas Kompromittierendes über mich zu finden. Und wenn, ist es mir auch völlig schnurz. So wild ist das alles nicht.

Morgenpost Online : Immer mehr Menschen in Deutschland sind internetsüchtig...

Möhring : Für mich bedeutet die Zunahme dieser Pseudo-Kommunikation letztlich Vereinsamung. Aber das ändert sich auch wieder. Ich bin überzeugt, in 15 Jahren gibt es wieder überall Kommunen, in denen nur gelabert wird, beim Tee. Alles kommt und geht. Deshalb darf man sich davon nicht so sehr beeindrucken lassen.

Morgenpost Online : Erschreckt es Sie, welch persönliche Dinge manche Menschen freiwillig ins Netz stellen?

Möhring : Oh, ja! Ich finde es erstaunlich, dass sich viele so gegen die Volkszählung sträuben, dann aber alles, alles Private ins Netz schaffen. Kinderfotos zum Beispiel. Das Internet ist von uns gemacht. Wenn wir es füttern, dann brauchen wir uns nicht zu wundern. Es ist ein Medium – mehr nicht. Man darf das Internet also weder verteufeln noch glorifizieren.

Morgenpost Online : Wie kann man als Vater oder Mutter sein Kind vor den Gefahren des Internets schützen?

Möhring : Ich finde es schon wichtig, dass Eltern ihren Kindern Freiheit in ihren Entscheidungen lassen. Aber natürlich sollten wir genau wissen, was die da machen. Also müssen wir an der technischen Entwicklung dranbleiben. Denn das bedeutet auch: Wir bleiben dran an unseren Kindern.

Morgenpost Online : Letztes Jahr lief die viel diskutierte Sendung „Tatort Internet“, in der Stephanie zu Guttenberg die Zuschauer über Gefahren des Webs informierte. Betrachten Sie „Homevideo“ als Aufklärungsfilm?

Möhring : Vor allem ist es ein menschliches Drama – sonst hätten wir diese Geschichte nicht erzählt. Wir wollten zeigen, dass immer mehr geschwiegen wird. Egal, wie viel anscheinend kommuniziert wird. Doch natürlich ist „Homevideo“ auch eine Doku über die Gefahren des Netzes. Alles, was du reinstellst, kann gegen dich verwendet werden. Es kann passieren, dass sich ein Video verselbstständigt und einem Menschen das Genick bricht. Das ist kein Einzelfall – das muss einem bewusst sein.

Morgenpost Online : Erkennen Sie sich selbst in der Rolle des Familienvaters Claas Moormann wieder?

Möhring : Ich verstehe Claas schon. Aber meine Welt ist doch deutlich aufgeschlossener. Claas ist eine alte Seele und diesem ganzen modernen Zeug gegenüber nicht richtig offen. Er akzeptiert das zwar so nebenbei, aber es hat ihn eigentlich schon längst verlassen. Und so hat ihn auch die Beziehung zu seinem Sohn schon längst verlassen. Er ist zu sehr gefangen in seinen eigenen Problemen.

Morgenpost Online : Im Film scheint das Internet eine Parallelwelt der Jugendlichen zu sein, zu denen die Eltern keinen Zugang haben. Was war in Ihrer Kindheit in den 70er-Jahren Ihre Parallelwelt?

Möhring : Die Musik. Punkmusik, die meine Eltern schlicht als Lärm bezeichnet haben. Damals gab es diese Szenen noch, Punks und Skinheads. Jede Straßenecke wurde belauert, alles war wichtig. Ich habe in einer Band gespielt und da nachmittags abgehangen. Die Gruppe war das Wichtigste für mich.

Morgenpost Online : Vater und Sohn in „Homevideo“ schaffen es nicht, wirklich miteinander zu kommunizieren. Ging es Ihnen in Ihrer eigenen Pubertät auch so?

Möhring : Ich war ein sehr aufrührerischer Jugendlicher, habe mich mit allem und jedem angelegt. Aber das muss ja nicht zwangsläufig ein Kommunikationsproblem zwischen Eltern und Kind sein. Ich finde, das ist ein normaler, gesunder Prozess der Absonderung. Auf der Suche nach dem eigenen Ich muss man eben auch mal was zerschlagen. Ich bin ein großer Freund von Revolution aller Art. Das ist doch eine gesündere Entwicklung, als wenn man nur stumm akzeptiert, was einem vorgesetzt wird.

Morgenpost Online : Wie sah diese Revolution bei Ihnen aus?

Möhring : Ich war nicht nur einmal auf der Polizeiwache. Ich habe alles gemacht – auch Dinge, die weit über das Legale hinausgingen.

Morgenpost Online : Wie sind Ihre Eltern damit umgegangen?

Möhring : Ich hatte trotz allem einen sehr engen Draht zu meinen Eltern. Mein Vater hat nur gesagt: „Lass dich nicht erwischen!“ Er hat sogar nachts mit mir die Fußgängerzone gereinigt, als ich dort Farbbeutel geworfen hatte. Kein anderer, nur er. Das sind Dinge, die verbinden.

Morgenpost Online : Früher onanierten Jugendliche heimlich im Kinderzimmer unter der Bettdecke. Heute muss man aufpassen, dass davon kein Film im Internet landet. War eine Kindheit vor 15 Jahren unschuldiger?

Möhring : Na ja, das kann ja nur passieren, wenn man sich dabei filmt. Klar, was Sexualität angeht, ist das heute weit offener, Pornografie ist überall frei zugänglich. Ich finde diese Entzauberung von Sex schade. Doch das eine ist das Begaffte, das andere das selbst Erfahrene. Du kannst auch heute noch als Jugendlicher zärtlich und langsam an das erste Mal herangeführt werden. Die Adoleszenz ist das schwächste Alter: Die erste Liebe, alles ist neu, alles ist verzweifelt, alles ist dramatisch – gerade da ist man als Eltern gefragt. Aber ich habe gut reden - meine Kinder sind ja noch klein.

"Homevideo", Mittwoch, 19. Oktober um 20.15 Uhr in der ARD