Nationalsozialismus

Die Hitler-Attentäter und der Holocaust

Die Sendung "Frontal 21" attackiert kurz vor dem 20. Juli die Widerstandsgruppe um Claus von Stauffenberg. Besonders Mitverschwörer Henning von Tresckow hätte von der Vernichtung der Juden gewusst und käme nicht als moralisches Vorbild in Frage. Der ZDF-Beitrag ist tendenziös und empört die Historiker.


„Ein sorgfältiges Literaturstudium schützt vor Entdeckungen.“ Diese Weisheit des Historikers Hermann Heimpel lernen Geschichtsstudenten schon im ersten Proseminar. Beim ZDF, speziell seiner investigativen Redaktion Frontal 21 in Berlin, ist diese Botschaft offensichtlich nicht angekommen. Wie sonst wäre zu erklären, dass das Magazin am Dienstagabend einen Beitrag ausstrahlte, der als mittlere Sensation angekündigt war, aber wenig mehr bot als seit mindestens 15 Jahren bekannte Fakten zu wiederholen?

„Frontal 21 liegen Dokumente vor, die die Duldung, gar Zustimmung führender Köpfe der militärischen Widerstandsgruppe um Graf von Stauffenberg zu Verbrechen belegen“, heißt es auf der Website der Sendung: „Besonders Henning von Tresckow, nach dem heute die Kaserne des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr benannt ist, wird in den Dokumenten belastet.“

Am Sonntag ist das Rekruten-Gelöbnis in Berlin

Aktueller Anlass für den Bericht war - neben dem 64. Jahrestag des missglückten Staatsstreichs am kommenden Sonntag -das aus diesem Anlass vor dem Reichstag stattfindende Gelöbnis von Bundeswehr-Rekruten. „Was waren das für Offiziere, die bis heute der Bundeswehr als Vorbild dienen?“, heißt es zu Beginn des Beitrages.

Der gut elf Minuten lange Film, verantwortet von dem Autoren Jürgen Naumann, sollte wohl eine Enthüllung sein. Dargestellt wird, dass Henning von Tresckow, Generalstabsoffizier und eigentlicher politischer Kopf der Verschwörung, schon seit Juli 1941 von den fürchterlichen Verbrechen beispielsweise der „Einsatzgruppe B“ unter dem Polizei- und SS-Offizier Arthur Nebe gewusst, ja deren Berichte sogar verschiedentlich abgezeichnet hat. Der einzige Historiker, der in Naumanns Beitrag als Fachmann befragt wird, ist Christian Gerlach.

Theo Koll, das „Gesicht“ des an sich renommierten Reportage-Magazins, stellte in seiner Anmoderation scheinbar brennende Fragen: „Was wussten die Männer des Widerstandes vom Völkermord? Wie haben sie sich dazu verhalten? Und wie beteiligt waren sie? Wie viele Jahre brauchte die Zündschnur ihrer Moral?“ Naumann habe „jetzt“ Zugang zu geheimen Archiven des KGB gehabt, betonte der unter anderem mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis ausgezeichnete Journalist Koll, „und fand Dokumente tragischer Verstrickung“.

Die Vorwürfe sind nicht neu

Indes: Neu war an dem Beitrag in „Frontal 21“ nahezu nichts. Schon gar nichts Wesentliches. Denn Christian Gerlach hat seine teilweise durchaus begründete Kritik an Tresckow zum ersten Mal im Aufsatzband zur ersten Wehrmachtsstellung von Jan Philipp Reemtsma publiziert – und zwar 1995. Darauf reagierte seinerzeit vor allem die Herausgeberin der „Zeit“, Marion Gräfin Dönhoff, empört, die sich selbst als Sachwalterin des 20. Juli und des guten Preußens in der Bundesrepublik betrachtete.

Ihre vernichtende Kritik an Gerlach ging allerdings ebenso zu weit wie dessen mitunter allzu zugespitzte Thesen. Als Ergebnis blieb von dieser Diskussion vor 13 Jahren: Selbstverständlich haben Tresckow und seine Mitverschwörer, etwa Hellmuth Stieff, Rudolf-Christian von Gersdorff oder Philipp von Boeselager, vom Völkermord unter dem Deckmantel der „Partisanenbekämpfung“ in ihrem Zuständigkeitsbereich gewusst. Tresckows Paraphen auf Berichten darüber belegen nichts, was nicht zu den dienstlichen Aufgaben des Operationsoffiziers („1a“) einer Heeresgruppe gehörte. Das ist seit Ende der Neunzigerjahren unbestritten.


Im Jahr 2000 erschien ein weiterer Aufsatz von Gerlach in einem Sammelband von Gerd R. Ueberschär. Darin präzisierte er seine Thesen noch einmal, ebenso wie in einem Beitrag Anfang März 2004 . Darauf antworteten kurz darauf der Chef der Abteilung Berlin des Instituts für Zeitgeschichte, Hermann Wentker, und der damalige Vorsitzende des „Kuratoriums 20. Juli“, Rüdiger von Voss .

Kam es zum „verzögerten Einsetzen der Moral“?

Zeitgleich gab es in Deutschlands führendem Fachorgan, den „Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte“, eine über zwei Jahre währende Debatte über genau dieses Thema. Johannes Hürter, unbestritten ein herausragender Kenner der Akten, attackierte die Verschwörer aus dem Kreis der Heeresgruppe Mitte um Tresckow und stellte die Frage, ob man nicht vom „verzögerten Einsetzen der Moral“ bei den Widerständlern sprechen müsse. Hermann Graml, der langjährige, inzwischen pensionierte Chefredakteur der „Vierteljahrshefte“ hielt dagegen und betonte man dürfe in die Aktennotizen und Paraphen nicht zu viel hineininterpretieren. Zentral sei nicht, was die Verschwörer geschrieben, sondern was sie getan hätten. Die Debatte, die auch in der breiten Öffentlichkeit aufgegriffen wurde , war Zeitgeschichte auf hohem argumentativem Niveau.

Im Gegensatz zum Frontal 21-Beitrag am Dienstag. Naumann präsentierte zwar bisher ungesehene Filmbilder sowie zwei Zeuginnen, die Opfer der grausamen „Partisanenbekämpfung“ hinter der Ostfront wurden. Mit Tresckows Namen verknüpfte er diese – dem wesentlichen Inhalt nach keineswegs neuen – Rechercheergebnisse mit der Feststellung, Tresckow sei von Hitler mit der Partisanenbekämpfung beauftragt worden.

Rein formal trifft das zu: Die „Partisanenbekämpfung“ wurde im August 1942 durch die Weisung Nr. 46 den Generalstäben unterstellt. Mit Tresckow selbst hatte das jedoch wenig bis nichts zu tun; hier streiten die Gelehrten. In jedem Fall organisierte Henning von Tresckow zu diesem Zeitpunkt bereits Attentatsversuche auf den Diktator, die aber alle fehlschlugen.

Der Widerstandsexperte des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Winfried Heinemann, wundert sich über den Beitrag des ZDF-Magazins. „Dass Tresckow, Boeselager, Stieff und andere Verschwörer um die Verbrechen gewusst haben, ist doch gar nicht neu und unbestritten. Im Gegenteil: Für viele von ihnen ist es doch gerade das Motiv zur Beteiligung an der Opposition gewesen, dass Hitler sie alle zu Komplizen machen wollte“, sagte der Historiker Morgenpost Online.

Der wissenschaftliche Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, Peter Steinbach, stellt fest: „Die Vorstellung, Regimegegner seien nicht zugleich Teil des Systems gewesen, ist naiv.“ Gerade ihre interne Kenntnis habe sie ja zu Hitler-Gegnern gemacht. Steinbach bewertet den ZDF-Beitrag unmissverständlich: „Schreibtischhistorie, mehr nicht, die nicht einmal mehr einen Unterhaltungswert hat, sondern Regimegegner dem Ludergeruch des Verdachtes aussetzt. Nicht weiterführend, nicht hilfreich und in der Regel nur für einen Tag geschrieben: unmittelbar vor dem 20. Juli.“