Pop

Rosenstolz – Die Schlampen sind prüde

Das Berliner Duo "Rosenstolz" hat großen Erfolg. Ihrer Musik tut das gar nicht gut

Es war jahrelang ein seltsamer Spagat. Ein Duo, das purem Randgruppen-Sound lieferte, voll die großen Gefühle, Chansons und Balladen, mit minimalistisch Synthie-Loops untermalt, noch dazu in der damaligen No-Go-Sprache Deutsch, belacht und belächelt von den Pop-Päpsten, das sich aber konsequent in der Erfolgsspirale nur nach oben bewegte.

Seit der Ex-Sozialpädagogikstudent Peter Plate (38) aus Golsar 1991 die Chemielaborantin Andrea Natalie Rosenbaum (genannt AnNa R., 36) auf der halben Treppe im Berliner Hinterhof traf, man gemeinsam unter dem unmöglichen Namen Rosenstolz Musik machte, wurden sie so angefeindet wie von Anfang an geliebt. Denn vor allem die Schwulen trauten sich, wieder auf Deutsch musikalisch zu träumen.

Dabei gab es immer schon einen gehörigen Qualitätsunterschied zwischen Rosenstolz und Marianne Rosenberg, auch wenn Klaus Wowereit beide penetrant an sein Bürgermeisterherz drückt. Die in Verlorenheit schillernde, die Tragik der großen Diven beschwörende Stimme der AnNa R., dazu manchmal der gepreßte Hänflingssound ihres Begleiters, der sich meist mit der Keyboarder- und Songschreiberrolle zufrieden gibt, das fanden Geschmacksrichter zwar gräßlich, aber es war konsequent und die beiden haben ihr Spektrum konsequent ausgebaut. "Die Schlampen sind müde", "Zucker", "Kassengift", das waren melancholiegetränkte, trotzig schillernde Camp-Alben, Therapiemusik, Sedativum und Leitfaden für einsame Großstadtseelen.

Auf "Das große Leben" hat das seine Ecken und Kanten verloren, die sympathisch-pathetische Übertriebenheit ist abgeschrubbelt, man ist auf Normalniveau angelangt: endgültig Massenkompatibel - für Deutschpop-Verhältnisse. AnNa R. konnte zwar immer besser singen, hatte aber nicht mehr die Sprödigkeit und selbstzerstörerische Verlorenheit einer Nico in der Stimme.

Jetzt macht da eine reife Frau auf trotzig unverstanden Teenager, auf ewige Märtyrerin, die in miesen Beziehungen leidet, das Schlußlicht ist, das große Leben nicht verstehen will. Da wird von Freundschaft und Liebe, von Verlassenwerden und Alleinsein gesungen, aber himmelstürmende Betroffheitslyrik hat allzu geradliniger Prosa Platz gemacht. Dazu liefert Peter Plate den kaum variierten Einheitssound.

Wo sonst der Kitsch mysteriös blieb, die ausgestellten Gefühle peinlich aber gleichzeitig anrührend waren, da wälzen sich die beiden inzwischen in den Wonnen der Gewöhnlichkeit. Die Schlampen von gestern sind nicht mehr pittoresk müde, sondern nur noch prüde. Den Lohn dafür haben sie auch schon: sie sind mit ihrem zehnten Album "Das große Leben" ganz oben in den Charts. Und leider auf einem Niveau mit Anett Louisan oder schlimmer noch: Yvonne Catterfeld. Ihr einst so einzigartig überzogener Sound wirkt inzwischen als Masche, Zwischentöne fehlen, die Sängerin quäkt sich geradlinig durch banalen Texte.

Ihr letztes Album "Herz" hatte noch einmal die emotionale Par-Force-Tour versucht, war aber nur noch Routine, die freilich den endgültigen Charts-Durchbruch bedeutete. Geschmacksdebatten über Rosenstolz lassen sich kaum noch führen. Man mag sie oder man mag sie nicht. Intelligent verteidigen lassen sich Rosenstolz nicht mehr.

Inzwischen sind sie eben Deutschland geworden, das Seltsame, sanft Subversive ihrer im Verborgenen glühenden Minderheiten-Chansons ist den Lalala-Schlagern mit nivelliertem Anspruch gewichen. Statt kultigem Kitsch ist da nur noch der immer ins Girokonto-Plus führende Monatsertrag kokett professioneller Minderwertigkeitsgefühl-Aussteller.

Rosenstolz: Das große Leben (Universal)