Nach 17 Jahren Rosenstolz wäre zu resümieren: Keine deutsche Popband wirkt integrativer. Rosenstolz hat nicht nur Ost und West vereint. Die heute 39-jährige Anna Rosenbaum aus Berlin-Friedrichshain und Peter Plate, 41, ein in Niedersachen aufgewachsener Diplomatensohn, werden von heterosexuellen Frauen wie von Homosexuellen beiderlei Geschlechts gefeiert. Außenstehende rätseln oft, wofür. Allerdings hat Rosenstolz den eigenen Platz im Deutschpop längst gefunden. Im vergangenen Jahr bekamen sie sogar den „Echo“ und die „Goldene Kamera“. Klaus Wowereit, Berlins Regierender Bürgermeister, lobt die Band. Bei den Liedern handelt es sich auch um eine eigene Gattung: um „Mondänpop“. Dabei werden sowohl Biederes und Frivoles als auch Pop und Schlager mühelos verknüpft.

Morgenpost Online: Nena hat Sie kürzlich als wenig authentisch, überzogen emotionalisiert bezeichnet. Trifft Sie solche Kollegenschelte?

AnNa R.: Ich habe es als ihre Meinung zur Kenntnis genommen.

Peter Plate: Mich hat ihre Aussage überrascht, aber ich möchte sie am liebsten nicht kommentieren, damit die Geschichte gar keine Fortsetzung findet. Erfolg erzeugt anscheinend Reibung.

Morgenpost Online: Wollen Sie leugnen, dass übertriebene Gefühle bei Rosenstolz-Songs keine wesentliche Rolle spielen?

AnNa R.: Insofern natürlich, als wir in unseren Liedern Gefühlslagen thematisieren, die uns unmittelbar tangiert haben. Worüber sollte ich denn sonst singen? Wie toll mein letzter Schuh-Einkauf war? Andererseits ist es Schwachsinn, uns mangelnde Authentizität vorzuwerfen. Ich gebe ja zu, dass ich nicht 24 Stunden lang im stillen Kämmerlein sitze, über Rosenstolz-Texten grüble und vor lauter Geschmonze nicht mehr zum Leben komme. Die Tatsache macht uns aber nicht weniger authentisch.

Plate: Mich interessiert Authentizität in der Popmusik durchaus. Denn Zynismus hat in der Musik meiner Meinung nach nichts zu suchen. Musikalischer Zynismus kommt mir immer wie ein Verrat an einer Sache vor, die mir heilig ist. Ich mache mir wegen unseres Beitrags zur Unterhaltung in diesem Land allerdings deswegen keine Sorgen. Emotional bin ich nämlich in der Tat und die Selbstzweifel, die ich sowohl privat wie auch beruflich habe, finde ich auch gesund. Sonst würde mich auch die Resonanz auf unsere Musik kalt lassen.

Morgenpost Online: Sind Sie nach 17 Jahren Bandgeschichte immer noch nervös wenn ein neues Rosenstolz-Album erscheint?

Plate: Und wie! Ich bin und war nie der coole Künstler, an dem Kritik völlig spurlos vorbei gegangen ist. Sicherlich wächst im Laufe der Zeit eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit Kritik oder der Tatsache, dass man auf der Bühne genauestens beobachtet wird. Aber in den ersten Jahren hielt ich mich buchstäblich an meinem Keyboard fest und war froh, dass Anna den Fokus auf sich gelenkt hat. Inzwischen bin ich in der Hinsicht aber wesentlich lockerer geworden.

AnNa R.: Ja, so locker, dass er gar nicht mehr von der Bühne runter zu kriegen ist.

Morgenpost Online: Gemäß dem Titel Ihres neuen Albums, geht die Suche nach Applaus und der persönlicher Bestätigung also weiter?

Plate: Nein, ich suche auf der Bühne nicht nach Bestätigung. Die bekam ich von meinem leider inzwischen verstorbenen Großvater, der nicht nur mein Schwulsein abgenickt hatte, sondern sogar stolz auf die Arbeit seines Enkels war. Und natürlich gibt mir auch mein Freund wichtige persönliche Bestätigungen.

AnNa R.: Jeder Bühnenakteur, der seine persönliche Bestätigung auf der Bühne sucht, wandelt auf hauchdünnem Eis. Eine vorhandene emotionale Lücke kann kein Applaus dieser Welt füllen. Wir sind viel zu oft ausgebuht worden, als dass wir der wirklich erfolgreichen Phase unserer Karriere nicht mit einer gewissen Gelassenheit hätten begegnen können. Obwohl ich zugeben muss, dass ich nach einer langen Tournee, aus Angst meinen Auftritt verpasst zu haben, mitunter schon mal panisch aus dem Tiefschlaf aufschrecke und mich dann frage, wo meine Coolness geblieben ist.

Morgenpost Online: Coolness, genauso wie Sexyness, sind zwei grundlegende Pop-Begriffe, die im Zusammenhang mit Rosenstolz praktisch keine Anwendung finden.

Plate: Wir müssen nicht cool sein, und wir sind es insofern auch nicht, als dass die Pose bei uns niemals vor der Aussage steht. Den popüblichen Sold an Coolness können andere abarbeiten. Rosenstolz steht auch genauso wenig für Sexyness.

Morgenpost Online: Sondern für was?

Plate: Ich hoffe doch für unsere Texte, die Musik und dafür, dass beides etwas bei den Zuhörern auslöst. Sexy würde ich uns als Duo nicht nennen. Jedenfalls wirken wir auf mich nicht so und tun auch nichts dafür, als sexy wahrgenommen zu werden.

Morgenpost Online: Bei dem glatt gebügelten Nackt-Titelbild, das „Die Suche geht weiter“ ziert?

AnNa R.: Das Foto zeigt Nacktheit, aber die ist ja nicht per se sexy.

Morgenpost Online: Jetzt reden Sie sich Ihre Eitelkeit aber ein wenig schön.

Plate: Ich gebe ja zu, nicht der Uneitelste zu sein. Wenn man, wie ich, die 40 überschritten hat, erwächst aus der Verschrobenheit, die ich verstärkt auch an mir feststelle, der Wunsch, frisch und unverschroben rüber zukommen. Das ist natürlich genauso wie das mit Photoshop bearbeitete Cover-Foto illusorisch. Aber seit wann darf man ausgerechnet in der Pop-Branche nicht mehr illusorisch agieren?

Morgenpost Online: Singen Sie deswegen für sich „und alle die am Abgrund stehen“, wie es in einem Ihrer neuen Songs heißt?

Plate: So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Aber ich gebe schon zu, dass mir das Älterwerden Probleme bereitet. Ich bin jetzt 41 und das ist für einen schwulen Mann schon ein ziemlich heikles Alter, weil die junge Konkurrenz auch vor Peter Plate nicht halt macht.

AnNa R.: Ich halte das nicht für ein spezifisches Problem schwuler Männer.

Morgenpost Online: „Manchmal muss das Leben wehtun“, heißt es in einem anderen neuen Song von Ihnen. Schmerzte das Leben als Sie 40 wurden?

Plate: Ich bin kurz vor meinem 40. Geburtstag nach Amsterdam gefahren und habe erstmal drei Tage lang Party gefeiert. Als ich anschließend nach Berlin zurückkam, tat es schon ein wenig weh, weil ich, von den Tagen gezeichnet, wie 50 aussah.

AnNa R.: Na komm, jetzt bleib mal auf dem Teppich. Du sahst gut gebräunt und gut erholt aus und dein weißes Hemd hatte nicht eine Falte.

Morgenpost Online: Sind Sie sich eigentlich auch manchmal einig?

Plate: Wenn Sie darauf hinaus wollen, dass wir eventuell nur Arbeitskollegen sind, muss ich Sie enttäuschen. Es gab in den 17 Jahren, in denen wir zusammen Musik machen, zwar immer wieder Meinungsverschiedenheiten. Aber die waren nie von so großer Wichtigkeit, dass unsere Freundschaft darunter gelitten hätte. Unsere Freundschaft ist das eigentliche Erfolgsgeheimnis von Rosenstolz. Wir waren erstmal Freunde, die eine gemeinsame Liebe für komische Musik wie die von Klaus Nomi kultiviert hatten, bevor wir ein Duo wurden.

AnNa R.: Ich gebe Ihnen ein Beispiel für Punkte, in denen wir uns sofort und ohne Diskussion einig sind: unser neuer Albumtitel.

Morgenpost Online: Weil „Die Suche geht weiter“ als allgemeines Lebensmotto gilt?

AnNa R.: Genau. Uns wurde ja schon Tristesse vorgeworfen, weil wir auf dem neuen Album den Tod und Verlustängste thematisieren. Es gibt aber kaum einen Titel der das Leben mehr bejaht als „Die Suche geht weiter“.

Plate: Wer nicht weiter nach Glück, Zuneigung und Liebe sucht, hat sich vermutlich ein Stück weit selbst aufgegeben. Insofern ist der Albumtitel auch als Arschtritt zu verstehen. Mitunter auch völlig egoistisch, denn die Suche nach dem nächsten Song ist mir als Musiker natürlich extrem wichtig.

Morgenpost Online: Wundert Sie der scheinbar unendliche Rosenstolz-Bedarf in diesem Land, den man nach einer Million verkaufter Exemplare Ihres letzten Albums attestieren darf, manchmal selbst?

Plate: Ich weiß nicht, ob es einen Bedarf nach Rosenstolz gibt. Wir haben sicherlich eine große Fangemeinde. Aber in unserer Wichtigkeit würde ich uns deshalb trotzdem nicht überschätzen. Ich bin stolz und glücklich über unseren Erfolg. Analysiert habe ich ihn trotzdem nicht, was mich nach wie vor unschuldig an unsere Musik heran gehen lässt.

Morgenpost Online: Das kann von ihrer Plattenfirma vermutlich nicht behaupten. Für die Sie eine der wichtigsten Einnahmequellen sind.

Plate: Deren Job ist es ja auch, die Musik zu verkaufen. Man hatte uns dort vor dem „Herz“-Album eigentlich schon ein wenig abgeschrieben und gedacht, dass wir unseren Zenith längst überschritten hätten. Wir haben zwar ein gutes Verhältnis zu unserem Label, aber es ist dennoch ein besonders gutes Gefühl, dass wir trotz des kurzweiligen Glaubensverlustes seitens der Plattenfirma den Glauben an uns selbst nie verloren haben.

AnNa R.: Mit Vorschlägen für Auftritte bei TV-Shows, in denen wir uns absolut unwohl fühlen würden und mit obskuren Duett-Ideen kommt uns das Label jedenfalls inzwischen nicht mehr.

Morgenpost Online: Ist eine Band mit devoter Gefolgschaft, wie Rosenstolz, eigentlich frei von Stalkern?

Plate: Das schöne an diesem komischen Ding Rosenstolz ist das völlige Ausbleiben von jeglichem Personenkult. Wir versuchen unsererseits auch alles dafür zu tun, dass das so bleibt. Unserem Selbstverständnis nach sind wir Musiker und keine Stars.

Morgenpost Online: Warum betrachten Sie Rosenstolz als komisches Ding?

Plate: Erstens gab es vor uns kein Bandmodell, das wir uns hätten zu Eigen machen können. Insofern sind wir schon mal per se ein komisches Ding, weil wir eine reine Eigenkreation sind, die aus unseren beiden Persönlichkeiten heraus gewachsen ist. Und zweitens finde ich es komisch aber umso schöner, dass eine Band, über die unglaublich oft geschrieben worden ist, wie schlimm sie sei, mehr als anderthalb Jahrzehnten Bestand haben kann. Ich merke auch mit zunehmendem Alter, wie wichtig mir dieses komische Ding geworden ist. Natürlich geht mir Rosenstolz und der ganze Apparat, der an uns hängt, mitunter auch tierisch auf die Nerven. Aber zu wissen, dass sich unsere Zuhörer an unsere Songs und nicht an uns als Personen klammern, finde ich schon toll.

Morgenpost Online: Sind Sie eigentlich religiös?

Plate: Nicht dass ich wüsste. Und wenn es so wäre, würde ich das für mich behalten. In der Hinsicht bewundere ich die Franzosen, für die Religion absolute Privatsache ist.

Morgenpost Online: Dennoch sind fast alle Ihrer Texte von Empathie und Nächstenliebe geprägt, die zu den Grundfesten des christlichen Glaubens zählen.

AnNa R.: Das mag ja sein, aber Nächstenliebe gehört für mich zum gesunden Menschenverstand und nicht in erster Linie zum christlichen Glauben. Sie haben mit Ihrem Gedankengang nicht ganz Unrecht, und die Bibel hat mit ihren Geboten auch nicht Unrecht. Aber das was aus denen gemacht worden ist und wie die von der Kirche umgesetzt werden, lässt mich nach wie vor an der Institution zweifeln. Das kann man zwischen den Zeilen auch in unseren Texten nachlesen.

Morgenpost Online: Vielleicht eignet sich Rosenstolz als Alternative für Kirchen-Abtrünnige, von denen es ja nicht wenige gibt.

Plate: Wir appellieren, wenn überhaupt, mit unseren Texten an das Individuum und nicht an eine Gemeinschaft. Natürlich ist auch das Individuum politisch. Und ganz sicher finden Menschen in unseren Songs etwas, das sie tröstet oder ihnen Mut macht. Aber ich würde das nicht überhöhen und uns schon erst recht nicht als religiöse Ersatzgemeinschaft betrachten. Wir machen ein Unterhaltungsangebot. Nicht mehr und nicht weniger.