Fotografie

Robert Capa und sein Schatz aus dem Koffer

In New York sind Tausende von Negative des Kriegsreporters Robert Capa aufgetaucht. Der berühmte Fotograf kämpfte immer an den vorderen Fronten. Seine Originale galten lange als verschollen, aber auf sehr verschlungenen Pfaden ist der Nachlass nun wieder da. Ein bahnbrechender Fund.

Es gibt Schätze der abendländischen Kulturgeschichte, die auf ihre Art so wertvoll sind wie der heilige Gral – aber auch genauso mythisch und unauffindbar. Zu ihnen gehört das letzte Manuskript, das Walter Benjamin auf der Flucht vor den Nazis in einer Mappe bei sich trug, als er sich in den Pyrenäen das Leben nahm: auf immer verloren. Ein solcher Schatz ist aber auch "der mexikanische Koffer" des Fotografen Robert Capa (1913-1954).

Tatsächlich handelte es sich nicht um einen Koffer, sondern gleich um drei Schachteln aus Pappendeckel. Sie enthielten die Negative aller Bilder, die Robert Capa während des spanischen Bürgerkrieges (1936-39) geschossen hatte. Alle nahmen an, die drei Schachteln seien in den Wirren des Zweiten Weltkrieges verschollen. Auch Capa selbst dachte das, als er im ersten Indochinakrieg in Vietnam starb.

Er hatte noch einen Koffer in Marseille

Aber dann – es war 1995 – begann eine Geschichte die Runde zu machen: Robert Capas "mexikanische Koffer" seien doch noch da. Sie seien von Paris nach Marseille gebracht worden; von dort habe ein mexikanischer Diplomat, der als General noch unter dem Revolutionär Pancho Villa gedient hatte, sie nach Mexiko City geschleppt.

Der heilige Gral der Fotografen war also aus dem Reich der Legende in die Welt der echten, der anfassbaren Dinge gerückt. Aber das heißt noch lange nicht, dass irgend jemand gewusst hätte, wie man der "mexikanischen Koffer" habhaft werden könnte.

Jetzt sind sie da. Ganz plötzlich. Im vergangenen Moment landeten Capas Koffer im "International Center of Photography" in New York (das von Capas Bruder Cornell gegründet wurde). Der Reise war mehrerlei vorausgegangen: ein seltsamer Brief, eine Serie von schwierigen Verhandlungen – es riecht nach einem Krimi oder einem Künstlerroman.

Verschlungene Pfade führten nach New York

Den Brief erhielt 1995 ein Professor am Queens College in New York. Absender war ein mexikanischer Filmemacher, der anonym bleiben möchte. Er schrieb laut "New York Times" an den Professor, er habe von seiner Tante einen Haufen Negative geerbt, den die Tante wiederum von ihrem Vater habe, dem General Francisco Aguilar Gonzalez.

Dieser General war in den Dreißigerjahren als Diplomat in Spanien stationiert. Als Franco den spanischen Bürgerkrieg gewann, hatte er antifaschistischen Flüchtlingen geholfen, nach Mexiko zu emigrieren. Auf welchem Weg Robert Capas drei Schachteln in den Händen des Mexikaners landeten – das weiß man noch nicht genau.
Nur Folgendes lässt sich rekonstruieren: Ende der Dreißigerjahre, als Robert Capa in New York war, bat er seinen Freund Imre Weisz, seine Negative zu retten. Weisz wurde aber in Marseilles von den Franzosen verhaftet und in einem Lager in Algerien interniert. Irgendjemandem wird er die Pappkoffer mitgegeben haben. Irgendjemand scheint sie dann Francisco Aguilar Gonzalez übergeben zu haben. Und so landete der Schatz da, wo solche Schätze zu landen pflegen: auf dem Dachboden.

Die Wahrheit über Capas berühmtestes Foto

Der anonyme mexikanische Filmemacher nun, der durch seinen Brief an den Professor in Queens die Aufmerksamkeit des "International Center of Photography" in Manhattan erregt hatte, wollte den Schatz erst einmal gar nicht wieder hergeben. Zum Teil lag das an Vorbehalten gegenüber den USA. Schließlich war die amerikanische Regierung im spanischen Bürgerkrieg neutral geblieben – in der Praxis hieß das, dass sie ein Waffenembargo gegen die spanische Republik verhängte.

Gleichzeitig hatte der Chef der "Texaco", der faschistische Sympathien hegte, Francos Truppen gratis mit Treibstoff versorgt. Es bedurfte langen guten Zuredens, bis die Finger des mexikanischen Filmemachers sich von den Koffergriffen lösten. Und jetzt sind die Negative plötzlich da, im Licht der Öffentlichkeit: eine Sensation.

Viele Fragen sind nun nicht mehr unbeantwortbar, etwa die Frage nach dem berühmtesten Foto, das Robert Capa je gemacht hat: Es zeigt einen Soldaten der spanischen Republik in der Agonie seines Todes, beim Gehen erschossen von einem Faschisten. Die Gerüchte wollen nicht aufhören, just dieses Bild sei gestellt. Außerdem heißt es immer wieder, es sei gar nicht von Capa, sondern von Gerda Tara, einer der ersten Kriegsreporterinnen überhaupt, Capas Freundin, mit der er eng zusammenarbeitete. Die "mexikanischen Koffer" werden die Wahrheit an den Tag bringen.

Vor 1933 arbeitete Capa in Berlin

Er war ein Tausendsassa, dieser Robert Capa. Geboren wurde er 1913 in Budapest als Endre Ernö Friedmann – als Sohn einer jüdischen Schneiderfamilie. Sein politisches Herz schlug schon sehr früh sehr weit links. 1931 flüchtete er vor der rechten Horthy-Diktatur ausgerechnet nach Deutschland und arbeitete in Berlin als Fotolaborant für den Ullstein-Verlag. Als die Nazis an die Macht kamen, emigrierte er nach Wien, dann ins Saarland, dann nach Paris. Nach Spanien ging er als überzeugter Kommunist.

"Robert Capa" war nicht seine wahre Identität; es war die Rolle, die er spielte. Angefangen hatte es so, dass Capa und Gerda Taro einen reichen amerikanischen Fotografen erfanden, für den sie angeblich arbeiteten – eben jenen Robert Capa –, um ihre Bilder teurer verkaufen zu können. Als der Schwindel aufflog, nahm Endre Friedmann den Namen selber an. Die Zigarette schräg im Mundwinkel, die Kamera vor dem Bauch, die Tickets für die nächste Reise schon in der Tasche, war er ein wandelndes Klischee. Aber dieses Klischee existierte zu jener Zeit noch gar nicht: Robert Capa hat es bei der Arbeit erfunden.

Was er ferner erfand, war eine neue Art, den Krieg zu zeigen. Er befreite die Kriegsfotografie von jeglichem Kitsch, jeglichem Bombast, jeglicher Heldenromantik, und zeigte das nackte Leid. "Wenn die Bilder nicht gut genug sind, bist du nicht nah genug dran", lautete sein berühmtes Motto. Sein Credo hat er der Fotoagentur Magnum vermacht, die er 1947 mit Henri Cartier-Bresson und gegründet hat.

Vorbild für Steven Spielberg

Ironischerweise ist nun aber Capas unromantischer Blick auf den Krieg – der ein dezidiert anti-ästhetischer Blick war – selbst längst wieder zu einer neuen Ästhetik geronnen. Wir begegnen ihr heute im Kino: Ohne Robert Capas Bilder kein "Der Soldat James Ryan", kein "Black Hawk Down". Wenn die Kamera in Spielbergs Film mit den amerikanischen Soldaten bei der Landung in der Normandie auf Augenhöhe bleibt, mit ihnen leidet, mit ihnen im kalten Atlantik baden geht, ihnen ganz nah auf das zerschundene Gesicht und die Uniform rückt – dann ist das purer Capa.

Die Negative in den drei mexikanischen Pappendeckelkoffern sollen von hervorragender Qualität sein: als seien sie gerade gestern eingelagert worden, sagen Mitarbeiter des "International Center of Photography". Sie halten genau jenen historischen Moment fest, in dem Robert Capa seine Revolution der Fotografie vollführte. Es ist ein geradezu unfassbarer Schatz, der da gehoben wurde. New York hat Grund, dankbar zu sein.

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