Film

Helen Mirren: "Die Queen ist jenseits von allem"

| Lesedauer: 9 Minuten
Peter Zander

Die englische Schauspielerin Helen Mirren hat hintereinander die zwei Königinnen Elisabeth I. und Elisabeth II. gespielt - und wurde dafür vielfach ausgezeichnet. Jetzt kommt "The Queen" ins Kino. Ein Gespräch über die Würde der Monarchie, die Grenzen des Schauspiels und Tony Blair.

Morgenpost Online: : Haben Sie je die Queen persönlich getroffen?

Helen Mirren: Nun, tatsächlich. Für ungefähr 20 Sekunden. Auf einem Polo-Match. Ich wurde in das königliche Zelt eingeladen, mit unzähligen anderen Menschen. Und ich hatte dasselbe Gefühl wie jeder, der der Queen begegnet: Sie ist absolut charming . Sehr reizend, humorvoll, ganz einfach und natürlich.

Morgenpost Online : Wusste sie da schon, dass Sie sie spielen würden?

Mirren : Ja, ich hatte ihr geschrieben, dass sie sicher ängstlich sei, wenn ein Film über sie gemacht werde. Ich hatte ihr gegenüber großen Respekt und wollte ihr das auch vermitteln.

Morgenpost Online : Und haben Sie eine Antwort erhalten?

Mirren : Ich bekam eine Antwort. Nicht von ihr persönlich, aber von ihrem Sekretär. Der schrieb (spricht betont gelangweilt:) "Die Queen hat ihren Brief mit großem Interesse gelesen."

Morgenpost Online : Wenn Sie sich als Queen im Spiegel sahen, dachten Sie da: Oje, ich sehe wie sie aus?

Mirren : Ja, ich war ein bisschen überrascht. Ich habe wirklich wie sie ausgesehen. Aber nicht, solange ich in der Maske saß. Da hatte ich nur eine Perücke auf und eine unvorteilhafte Brille. Und alle haben sich über mich lustig gemacht: Helen macht auf Queen. Aber wenn ich den Kopf zurücknahm, wenn ich ihre Bewegungen annahm, dann erkannte ich mich selbst nicht wieder.

Morgenpost Online : Der Film handelt vom Gegensatzpaar Elizabeth II. und Tony Blair. Reflektiert er auch, wo Blair jetzt ist? Der Film zeigt ihn auf der Höhe der Popularität; das geht ihm längst ab.

Mirren : Natürlich. Wobei: Als wir mit den Dreharbeiten begannen, war sein Popularitätsverlust noch nicht so groß wie jetzt. Und ich liebe den Satz, den ich ihm im Film über Popularitätsverlust sage: "Das wird Ihnen auch noch passieren, Mister Blair!" Aber das stammt natürlich vom Drehbuchautor Peter Morgan. Dazu kann ich nichts sagen, auch wenn Sie vielleicht so etwas von mir hören wollen.

Morgenpost Online : Sie haben Blair aber 1997 Wahlhilfe geleistet ...

Mirren : Ich habe einen Wechsel unterstützt. Und Blair war und ist immer noch ein brillanter Redner und, keine Frage, ein großer Politiker. Mit allen Instinkten, die ein Politiker haben muss, einschließlich dem, sich zu verstellen. Es war damals Zeit für einen Wechsel. Vielleicht ist es das jetzt wieder.

Morgenpost Online : Wie haben Sie sich auf die Queen vorbereitet?

Mirren : Ich habe viele Videos angesehen. Ich hatte gerade "Elizabeth I." gedreht und war sehr erschöpft. Ich hatte nur zwei Wochen Vorbereitungszeit und einen Berg voller Bücher und Videos. Ein Buch war besonders brauchbar: jenes, das ihr Kindermädchen Crawfie geschrieben hat. Sie hat Elizabeth und Margaret aufgezogen, etwa zwölf Jahre lang. Und dann hat sie ein Buch darüber geschrieben. Das war damals ein Skandal. Das erste Mal, dass jemand die Privatsphäre der Royals offenbarte, aus allerengstem Kreis. Die beiden haben sie wie eine Mutter geliebt; dieser Vertrauensmissbrauch hat sie sehr getroffen. Aber das Buch zeigt sehr genau Elizabeths Charakter. Wer sie war, bevor sie auch nur ahnen konnte, dass sie den Thron besteigen würde. An dieser Person war ich interessiert. Die Frau hinter der Queen. Um sie von der Monarchie zu abstrahieren.

Morgenpost Online : Sie wurden am populärsten als TV-Kommissarin in "Prime Suspect". Ist das vergleichbar mit der Recherche an einer solchen Rolle: rumschnüffeln?

Mirren : Ja, man muss sich wie ein Detektiv verhalten, in den Büchern eine Fährte aufnehmen, die noch keiner verfolgt hat. Wenn Sie die Biografien lesen, brauchen Sie einen persönlichen Schlüssel zu der Persönlichkeit.

Morgenpost Online : Sie sind die einzige Schauspielerin, die je beide Elizabeths gespielt hat. War es merkwürdig, sie so direkt hintereinander zu spielen?

Mirren : Ach, in meinem Beruf geht man immer von einer Rolle zur nächsten. Aber ich habe eine gewisse Verwandtschaft in ihnen entdeckt. Was Monarchie ist, was sie aus einem macht.

Morgenpost Online : Nämlich was?

Mirren : Nun, in England Königin zu sein ist kein Honigschlecken. Es ist nicht wie in Schweden oder in Dänemark. Da muss das Spaß machen. Da gehst du shoppen, in die Disco, bist wie jeder andere, nur schwerreich. In England ist das nicht der Fall: Du bist auch schwerreich; aber du kannst nicht einfach so in die Disco (oder das rächt sich, wie beim armen Harry). Du hast einen Knochenjob, musst permanent repräsentierten. Und bist ständig unter Kontrolle. Es ist interessant, was das mit deinem Ego macht.

Morgenpost Online : Kann man das mit einem Schauspieler vergleichen, der auch eine Rolle spielt?

Mirren : Nein. Es hat gar nichts mit Rollenspiel zu tun. Es geht darum, zu sein. Sagen wir mal hochgestochen: ein Baum zu sein. Das gehört zu unserer Monarchie: Du musst daran glauben, dass Gott dich dafür auserwählt hat. Und die Queen nimmt das verdammt ernst. Sie kann eben nicht wie ein Schauspieler ins Volk winken und lächeln. Sie ist nicht gut darin, sich zu verstellen. Sie muss das glaubhaft vermitteln. Es ist so viel tiefer als Schauspiel. Ich glaube, darum geht es auch in unserem Film, als alle nach dem Tod von Diana fragen, warum die Königsfamilie nicht trauert. Ich bin sicher, sie hat es getrauert. Aber sie tat es privat. Warum glauben Leute, dass Weinen in der Öffentlichkeit Zeichen wahrer Emotion ist? Ist es nicht. Das ist Schauspiel.

Morgenpost Online : Ihr Regisseur, Ihr Drehbuchautor, Ihre Kollegen waren alles Männer in diesem Film. Gab es etwas, das Sie als einzige Frau am Set durchgesetzt, das Sie nicht akzeptiert haben?

Mirren : Interessante Frage. Nicht willentlich. Wir wollten nichts spezifisch Feministisches suchen. Sie ist so jenseits von allem, ihr ist es nicht gestattet, sich so zu verhalten wie die meisten. Diesen Luxus hat sie nicht. Aber vielleicht in der Art, wie ich sie darstellte. Es gibt etwa eine Szene, in der die Queen auf einen Hirsch trifft, der später erlegt wird. Unser Drehbuchautor sah darin natürlich Diana und die erhabene Schönheit dieser übermächtigen Figur. Ich habe das ganz anders interpretiert (so sollte Poesie ja immer funktionieren!): Ich sehe darin den Verlust einer Generation. Nicht einer monarchistischen Welt. Sondern einer Lebenseinstellung, wie Großbritannien einmal war.

Morgenpost Online : Sie haben für Ihre erste Elizabeth einen Emmy gewonnen, für die zweite den Darstellerpreis in Venedig. Jetzt sind Sie gleich für drei Golden Globes nominiert. Was bedeuten Ihnen Auszeichnungen?

Mirren : Preise, ach je, sind wundervoll, aber unwichtig. In unserer schlimmen kleinen Welt sind sie nützlich, aber ich weiß nicht, man sollte nicht darüber nachdenken.

Morgenpost Online : Ohne gehört man aber nicht zum Establishment.

Mirren : Das ist immer meine größte Furcht gewesen: dazuzugehören. Das ist nicht Aufgabe eines Künstlers. Und es hilft auch nicht. Das sieht man, wenn man älter wird. Es zählt nur die Leistung, nicht der Status. Da helfen auch keine Preise.

Morgenpost Online : Und wie war das, als Sie zur Dame geadelt wurden?

Mirren : Das war etwas ganz anderes. Das habe ich für meine Eltern angenommen. Sie haben es leider beide nicht mehr erlebt, sie wären so stolz gewesen. Da werden 200 Menschen eingeladen, alle für ihre Verdienste ums Vaterland. Erst kommen die Dames und Sirs und dann all die anderen Grade der Ehrung. Das ist ein großes, ergreifendes Ereignis. Und einer nach dem anderen darf vortreten, und Ihre Majestät gratuliert und hält einen kleinen Schwatz mit jedem.

Morgenpost Online : Aber da müssen Sie der Queen doch schon begegnet sein?

Mirren : In einem Jahr lädt die Queen, im anderen Prinz Charles. Ich war im anderen Jahr dran.

Morgenpost Online : Sie waren Queen Charlotte in "Madness of King George", Sie waren Elizabeth I. und II. Kommt noch eine Queen?

Mirren : Nein, das wars jetzt. Übrigens auch mit den Fernsehkrimis.

Das Gespräch führte Peter Zander .