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Sat.1 singt Harald Schmidt eine Heimkehrerhymne

Warum singt Dirty Harry Lieder von Johnny Cash? Weil Sat.1 die Rückkehr seines verlorenen Sohnes zum Late-Night-Talk feiert. Die etwas andere Heimkehrkampagne.

In den Dreißigerjahren half der kleine Johnny auf der Farm seiner Eltern in Dyess, Arkansas, beim Baumwollpflücken. Eines Tages kam die große Flut, und die Familie musste ihr Heim verlassen, aber Johnnys Mama hatte ihm immer erklärt, dass aus der Not Gutes entstünde, wenn man nur fest an Gott glaube.

Und tatsächlich: Das Wasser wusch gute dunkle Erde nach oben, die darauffolgende Baumwollernte war die beste, die die Cashs bis dahin gehabt hatten, und der Song „Five Feet High and Rising“, zu dem die Flut ihn inspiriert hatte, wurde ein Hit für den großen Johnny. Auch in Deutschland – dem Land immerhin, in dem Johnny Cash Anfang der Fünfziger als GI die erste Band seines Lebens gründete: „The Landsberg Barbarians“.

Eigentlich kein Wunder also, dass ihn seine Plattenfirma später bat, einige seiner Hits auf Deutsch zu singen. Aus „Five Feet High“ wurde „Wo ist Zuhause, Mama“, wahrscheinlich auch, weil es in Bayern zwar manche Überschwemmungen und viele Gottesgläubige, aber eher wenige Baumwollfelder gibt. Und weil die Deutschen ihre Mamas liebhaben – siehe „Mama“ (Heintje, 1968), „Mutter“ (Rammstein, 2001), „Nur für Dich (Mama)“ (Bushido, 2010).

Als der kleine Harald 1957 im nur eine Stunde von Landsberg entfernten bayerischen Neu-Ulm auf die Welt kam, hatte man dort wohl noch nicht von Johnny Cash gehört. Auch ohne Flut verließ die Familie Bayern gen Nürtingen, wo der kleine Harald mangels Baumwollfeldern Gott beim Orgelspiel in der katholischen Kirche und eine Heimat fand.

Johnny Cash hatte derweil seine eigene Fernsehsendung, die Johnny-Cash-Show, in denen Bob Dylan und Neil Young auftraten und Lieder von Gott und der Welt sangen. Und im Jahre 1995 – Johnny feierte gerade 63-jährig ein Comeback – bekam auch Harald seine „Harald Schmidt Show“. Darin lachte er über Polen und die Welt, kleine Playmobil-Männchen spielten putzig Theater, und viele Leute wollten das sehen.

Am 12. September 2003 starb Johnny Cash. Drei Monate später, einen Tag vor Heiligabend, nahm Harald Schmidt seinen Hut und sagte Sat.1 Lebewohl. Er brauche eine „Kreativpause“. So wie einst Johnny Cash, zog Schmidt ein Jahr lang von Bühne zu Bühne durchs Land, und im Sommer 2004 – Johnny Cash hatte gerade posthum einen Grammy bekommen – fand Schmidt bei der ARD eine neue Heimat.

Doch er war alt geworden. Als sein neuer Arbeitgeber zu Ehren seines 50. Geburtstags eine Gala gab, wollte das Geburtstagskind nicht dabei sein. Zur Strafe stellte man ihm den damals 29-jährigen Oliver Pocher an die Seite und holte sich die Jugend ins Haus, doch warf sie bald schon wieder raus. Harald Schmidt machte alleine weiter. Und dann, im September 2010 – Johnny Cash ruhte in Frieden und die ARD überlegte, wohin mit Harald – teilte dieser ihr mit: Ich gehe. Nach Hause, zurück zu Sat.1.

Am 13. September startet dort die neue alte Harald Schmidt Show, immer dienstags und mittwochs um 23.15 Uhr. „Es gibt ein neues Bühnenbild, bei dem wir was Verrücktes ausprobieren“, sagt Schmidt: „Links die Band, rechts der Schreibtisch und in der Mitte komme ich raus!“ Sidekick Manuel Andrack kommt nirgendwo mehr raus, aber Bandleader Helmut Zerlett darf gelegentlich wieder als Stichwortgeber fungieren, und Gäste werden auch wieder eingeladen.

Harald Schmidt ist teuer, und natürlich muss Sat.1 klotzen. Soeben startete die große Heimkehrkampagne. Mit drei Trailern, zu sehen zum Beispiel auf YouTube oder der Website des Senders zur Show, feiert Sat.1 seinen Star, ganz Harald-Schmidt-gerecht, indem sie ihn sich selbst feiern lässt: In einem der Trailer muss Schmidt sich wie beim Partyspiel „Wer bin ich?“ mit einem gelben Zettelchen auf der Stirn selbst erraten („Bin ich ein Mann? Lebe ich noch? Gibt es viele Leute, die mir das Wasser reichen können?“), ein anderer zeigt ihn besonders grauhaarig, sich bei „den Online-Freaks“ anbiedernd – und der schönste präsentiert ihn singend: Zu Johnny Cashs „Wo ist zuhause, Mama“ tritt Schmidt auf der Stelle, während hinter ihm auf einer Leinwand unterschiedliche Landschaften abrollen.

Anhand von drei Minuten-Filmchen eine Prognose zur Qualität der Show abliefern zu wollen, hieße, nach drei Schönwettertagen einen heißen Sommer zu versprechen – schließlich muss man auf Schmidt nur eine Kamera halten, und er könnte, wenn er wollte, noch das elendeste Flüchtlingslager in eine Entertainmentbühne verwandeln. Aber die Filme bieten alles, was Zuschauer an Schmidt lieben: Größenwahn, Gemeinheit, Selbstvertrauen – und die Ironie, die seine Hybris salonfähig macht. Außerdem ist davon auszugehen, dass sowohl Schmidt als auch Sat.1 aus seiner wechselvollen Late-Night-Geschichte gelernt haben.

Die Zeichen jedenfalls stehen gut, dass es Schmidt so geht wie Johnny Cash, dessen Spätwerk „American Recordings“ die werberelevante Gruppe der Konsumenten in Massen kaufte, obwohl sie ihn eigentlich nur als diesen Country-Schrammler kannte, den Mama so gern hörte.

Für den 19. August kündigt Sat.1 „einen weiteren Highlight-Trailer“ und eine eigens komponierten Hymne an: „Harald is coming home“. Die ist nicht von Johnny Cash. Schade eigentlich.