Kino

Disneys bisher schönste Weihnachtsprinzessin

Der Film "Verwünscht" ist keine weitere Märchensatire, sondern eine Hommage an Trickfilmklassiker. Das liegt nicht nur daran, dass die Hauptfigur weit entfernt von prüden Märchenfiguren ist. Der Film überprüft alte Klischees – und kann damit fast "Mary Poppins" das Wasser reichen.

Foto: Buena Vista

Es ist nur ein klitzekleiner Augenblick, dargeboten mit der allergrößten Zurückhaltung. Aber in diesem kurzen Moment lässt sich im gerade erstmals geküssten Antlitz von Prinzessin Giselle nicht nur der Beginn einer großen Liebe ablesen, sondern auch das Erwachen schlichter, körperlicher Lust erahnen – herzlich willkommen im neuen Jahrtausend, oh Du endlich einmal nicht nur huldvolles Disney-Prinzesschen!

Die Vermenschlichung eines beliebten Klischees, die Fleischwerdung einer typischen Trickfilmprinzessin, dass ist die hübscheste Geschichte der Disney-Studios seit Ewigkeiten – es ist der beste Plan, den eine abgrundtief böse gezeichnete Märchenstiefmutter obendrein jemals hatte.

Kampf gegen die "alten Werte"

Die verbannt ihre gehasste, stets beseelt mit den Tieren des Waldes trällernde Thronkonkurrentin in die dritte Dimension, in das New York unserer Tage. Und aufgeschmissener in dieser „Welt ohne Happy End“ könnte unser königliches Naivchen in ihrem Rüschenballkleid kaum sein.

Doch Giselle lernt schnell. Dass man Tauben, Ratten, Kakerlaken mit frohgemutem Gesang zum Frühjahrsputz motivieren kann; dass man andererseits nicht gleich aus jeder Gardine ein neues Kleid schneidern sollte; und dass zum Leben unter echten Menschen etwas mehr dazugehört, als bloß verträumt auf den rettenden Prinzen zu warten.

Giselle ist also auf dem Wege, sich vor unseren Augen in eine zeitgenössische, in eine fast moderne Prinzessin zu wandeln – mit „Verwünscht“ klopft das neue Regime der Disney-Studios all die alten Werte, Konventionen und Klischees auf ihre heutige Brauchbarkeit ab.

Weshalb dieser bezaubernde Familienfilm weit mehr geworden ist als eine weitere Märchenverballhornung. Gewitzt verbeugt man sich vor zahlreichen Trickfilmklassikern, ohne im postmodernen Zitatensalat zu versinken. Gekonnt jongliert das Drehbuch süßlich und satirisches, verknüpft naiven Charme, ein bisschen Herzschmerz und drei wunderbare Musicaleinlagen zur schönsten Trick- und Realfilmmixtur seit „Mary Poppins“.

Über die komödiantische Glanzleistung von Amy Adams als das real existente Cartoon-Klischee lässt sich gerührt dann eigentlich nur noch eines verkünden, nämlich: „A Star is Born!“ Bei Disney können Märchen wieder einmal wahr werden.