Filmfestival Venedig 2011

Fallen Sie nicht in die Baugrube, Signore Clooney!

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Peter Zander

Papst Benedikt und der Gott des Gemetzels: Am Mittwoch beginnt das 68. Filmfestival von Venedig. An Stars herrscht kein Mangel.

Wenn am Mittwochabend die 68. Filmfestspiele von Venedig beginnen, wird wieder roter Teppich das Bild beherrschen. Doch wenn die Kameras vom Palazzo del Cinema nur ein klein wenig nach rechts schwenken würden, könnte man den meterhohen Bauzaun sehen, der sich vor dem Palazzo del Casino über ein riesiges Areal erstreckt.

Hier sollte ein großzügiges Festivalzentrum entstehen, ein Prestigebau, der zum 150. Jahrestag des vereinigten Italien eingeweiht werden sollte. 2008 war Grundsteinlegung, 2009 wurde tatsächlich gebaut. Doch seit dem letzten Festival liegt alles brach. Bei den Ausgrabungen stieß man auf Asbest, für dessen Abbau fehlen Millionen.

Eine Lokalposse. Und kein Ende ist in Sicht. Immerhin: Wer sich an dem Bauzaun hochhangelt, sieht nicht mehr das Bauloch, das noch 2010 gähnte, jetzt ist alles mit Plastikplanen notdürftig kaschiert. Selten liegen Glamour und Ödnis so nah beieinander wie hier am Lido, wird die Selbstinszenierung, die ein Filmfestival leisten muss, so von realpolitischen Gegebenheiten torpediert. Das Leben ist eine Baustelle.

Es fällt schwer, von dieser offenen Wunde abzusehen. Auch wenn Festivalchef Marco Müller alles dafür getan hat. Gleich heute wird George Clooney mit seinem dritten Regiefilm „The Ides of March“ das Festival eröffnen. Nur einen Tag später wird Roman Polanski seinen neuen Film „Der Gott des Gemetzels“ vorstellen, ein Vierpersonen-Zerfleischungsstück mit Kate Winslet, Jodie Foster, Christoph Waltz und John C.?Reilly.

Und gleich danach läuft der zweite Film von Madonna, „W.E.“ über die Liebe Edwards VIII. zu der Bürgerlichen Wallis Simpson, von dem ein paar Schnipsel schon in einer Privatvorführung während der Berlinale am Potsdamer Platz gezeigt wurden.

David Cronenberg wird hier seinen Freud/Jung-Film „A Dangerous Method“ mit Keira Knightley und Viggo Mortensen vorstellen, Steven Soderbergh seinen Virenkatastrophenfilm „Contagion“ mit Matt Damon und erneut Kate Winslet. Auch Abel Ferrara bietet mit „4:44 Last Day on Earth“ ein Endzeitdrama, allerdings ganz anderer Art. Der Bildende Künstler Steve McQueen wird, nach dem preisgekrönten Debüt „Hunger“, seinen zweiten Film zeigen, „Shame“, wieder mit Michael Fassbender in der Hauptrolle.

Tomas Alfredson präsentiert seine Neuverfilmung des Le Carré-Klassikers „Dame, König, As, Spion“ mit Gary Oldman und Colin Firth. Und mit großer Spannung wird „Dark Horse“ von Todd Solondz erwartet, der nach eigenem Bekunden mal erkunden wollte, „ob ich einen Film ohne Vergewaltigung, Pädophilie oder Masturbation machen kann“.

So viele namhafte Regisseure, so viele Stars. Nicht jeder große Regisseur, das weiß man von Festivals, macht immer einen großen Film. Aber während Müller in der Vergangenheit oft große Filme an die Konkurrenz in Toronto (eine Woche später) und Rom (einen Monat später) verloren hat, sind sie diesmal alle am Lido. Mit einer einzigen Ausnahme: Roland Emmerich geht mit seinem Shakespeare-Film „Anonymous“ nach Toronto.

Deutsches Kino glänzt durch Abwesenheit

Es scheint, als wolle Marco Müller allen noch einmal zeigen, was man an ihm hat. Dies ist sein achtes Festival, sein Vertrag läuft damit aus. Und es ist unklar, ob er verlängern wird. Früher hat er oft betont, dass er danach wieder als Produzent tätig sein wolle. Er ist allerdings schon als künftiger Festivalchef von Rom gehandelt worden (was Rom wie Venedig umgehend dementierten).

Daniel Brühl ist einmal mehr in einem spanischen Film zu sehen, Hanna Schygulla in einem russischen. Ihr deutsches Kino glänzt allerdings, wie sonst nur in Cannes, weitgehend durch Abstinenz. Polanskis „Gemetzel“ ist immerhin eine von mehreren Koproduktionen, Constantin-Chef Martin Moszkowicz wird im feinen Hotel Danieli sogar ein Ehrenpreis verliehen.

Rein deutsche Titel finden sich aber nur in den Nebensektionen: In der Settimana della Critica zeigt Jessica Krummbacher „Totem“, ein Drama, in dem eine Putzkraft den Alltag einer Familie durcheinander bringt. Und in der Reihe Orrizonti, eigentlich dem Filmnachwuchs vorbehalten, läuft „Die Herde des Herrn“. Ausgerechnet Romuald Karmakar hat einen Dokumentarfilm über Papst Benedikt XVI. gedreht.